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Alles verändern!

Ein anarchistischer Aufruf

Stückweise zu reformieren wird nichts in Ordnung bringen: Wir müssen alles, entsprechend einer anderen Logik, überdenken.
Um etwas zu verändern, fang überall an.

Anfangen mit:
Selbstbestimmung

Wenn du komplett selbstbestimmen könntest, was würdest du jetzt gerade tun? Denk an das unendliche Potential deines Lebens: die Beziehungen, die du haben könntest; die Erfahrungen, die du machen könntest; an all die Möglichkeiten, wie du deiner Existenz einen Sinn geben könntest.

Die Bürokratien, die dich danach bewerten, wie du Vorschriften erfüllst; die Wirtschaft, die dir Macht gibt, je nach dem, wie viel Profit du bringst; die Bundeswehr, die dir durch „Wir. Dienen. Deutschland“ Selbstverwirklichung verspricht – ermöglichen diese Dinge dir, das Beste aus deinem Leben nach deinen Vorstellungen zu machen? Sobald wir für uns selbst handeln, geraten wir in Konflikt mit den Institutionen, die vermeintlich bestehen, um unsere Freiheit zu sichern.

Anfangen mit:
sich vor sich selbst zu verantworten

Manager*innen und Steuereintreiber*innen lieben es, über persönliche Verantwortung zu reden. Wenn wir aber die gesamte Verantwortung für all unsere Handlungen übernehmen würden, würden wir dann ihren Vorschriften überhaupt gehorchen können? Historisch gesehen wurde durch Gehorsam mehr Schaden angerichtet als durch böse Absicht. Die Waffenarsenale aller Armeen dieser Welt sind die physische Manifestation unseres Willens uns anderen zu unterwerfen. Wenn du sicherstellen willst, niemals einen Teil zu Krieg, Genozid oder Unterdrückung beizutragen, ist der erste Schritt aufzuhören, Befehlen zu gehorchen.

Anfangen mit:
der Suche nach Macht, nicht Herrschaft

Die Arbeiter*innen haben Macht über ihre Produktionskraft; die Chef*innen sagen ihnen, was sie tun sollen. Die Bewohner*innen halten ein Haus in Schuss, im Grundbuch steht jedoch der Name der Besitzerin. Ein Fluss hat Energie; aber die Baugenehmigung für einen Damm reguliert die Verfügung darüber.

Macht an sich ist nicht unterdrückend. Viele Formen von Macht können befreiend sein: die Kraft, für diejenigen zu sorgen, die du liebst; dich selbst zu verteidigen und Konflikte zu lösen; dir Wissen und Fähigkeiten anzueignen und all dies auch zu teilen. Es gibt Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, die gleichzeitig mehr Freiheiten für andere schaffen. Jede Person, die versucht, ihr volles Potential auszuschöpfen, macht allen anderen ein Geschenk.

Andererseits reißt Autorität über andere deren Macht an sich. Was du von ihnen nehmen kannst, nehmen wiederum andere von dir. Autoritäre Systeme folgen strengen Hierarchien.

Männlichkeit, Weiß-Sein, Eigentum: an der Spitze all dieser Pyramiden finden wir keine Tyrannen, nur soziale Konstrukte: Geister, die die Menschheit hypnotisieren. In Hierarchien erhalten wir Macht immer nur im Austausch gegen Gehorsam. Macht und Herrschaft sind so stark verflochten, dass wir sie kaum auseinanderhalten können. Doch ohne Freiheit ist Macht wertlos.

Anfangen mit:
Beziehungen, die auf Vertrauen basieren

Vertrauen konzentriert die Macht bei jenen, die es entgegenbringen und nicht bei jenen, die es erhalten. Eine Person, die sich Vertrauen verdient hat, braucht keine Absicherung durch Herrschaft. Wenn jemand nicht vertrauenswürdig ist, warum sollte die Person dann Autorität besitzen?

Ohne Autoritäten haben Menschen einen Anreiz Lösungen für Konflikte zu finden – um gegenseitiges Vertrauen zu erlangen. Hierarchien blockieren diesen Anreiz und ermöglichen es den Autoritäten, Konflikte zu unterdrücken. Ohne die Zwänge, die uns aktuell auferlegt werden – Staatsangehörigkeit und Illegalität, Eigentum und Schulden, wirtschaftliche und militärische Befehlsstrukturen – könnten wir unsere Beziehungen auf der Basis freier Vereinbarungen und gegenseitiger Hilfe neu aufbauen.

Anfangen mit:
der Befreiung der Wünsche

Für uns in dieser Gesellschaft Aufgewachsene sind nicht einmal unsere Leidenschaften unsere eigenen – um wirklich frei zu sein, müssen wir auf den Prozess, der unsere Wünsche produziert, Einfluss nehmen.

Anfangen mit:
Revolte

Fanatiker*innen geben üblicherweise einer spezifischen Gruppe die Schuld für ein systemisches Problem – das Problem jedoch sind die Systeme an sich. Ganz egal, wer die Zügel in der Hand hält, die Institutionen bringen immer die gleichen Demütigungen und Ungleichheiten hervor. Nicht etwa weil sie fehlerhaft sind, sondern weil sie genau dazu da sind.

Wir wollen Herrschaft insgesamt abschaffen – nicht ihre Details vernünftiger verwalten, nicht austauschen, wer befiehlt und wer gehorcht, nicht das System durch Reformen stabilisieren. Statt nach legitimeren Gesetzen oder Gesetzgebenden zu verlangen, lasst uns lieber unsere eigenen Stärken erkennen und lernen, sie gemeinsam zu nutzen. Es geht nicht um einen Krieg, einen binären Konflikt zwischen zwei militarisierten Feinden, sondern um sich verbreitenden Ungehorsam.

Das Problem ist:
Hierarchie

Es gibt viele verschiedene Mechanismen um Ungleichheiten zu legitimieren und aufrechtzuerhalten. Manche davon brauchen einen zentralisierten Apparat, wie zum Beispiel das Gerichtswesen. Andere funktionieren subtiler, wie zum Beispiel Geschlechterrollen.

Einige dieser Mechanismen sind mittlerweile komplett in Verruf geraten. Wer glaubt schon noch an Gottesgnadentum? Andere, wie etwa das Eigentumsrecht, bleiben so tief verwurzelt, dass wir uns ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen können. Und doch existieren sie alle nur auf Grund unseres kollektiven Glaubens: sie sind real, aber nicht unvermeidbar. Die Existenz von Slumlords und Führungskräften ist nicht natürlicher, notwendiger oder nützlicher als die Existenz von Kaiser*innen. All diese Mechanismen haben sich gemeinsam entwickelt und sich gegenseitig verstärkt. Die Geschichte des Rassismus ist zum Beispiel kaum von der Geschichte des Kapitalismus zu trennen: Weder das eine noch das andere ist vorstellbar ohne Kolonisation, Sklaverei oder die Trennung nach Hautfarben, die die Arbeiter*innen spaltete und immer noch festlegt, wer in den Gefängnissen und Armenvierteln dieser Welt lebt.

Es ist naiv zu glauben, dass in einer Gesellschaft, die auf Hierarchien, basiert Gleichberechtigung geschaffen werden könnte. Du kannst zwar die Karten neu mischen, das Spiel bleibt aber das gleiche.

Das Problem sind:
Grenzen

Wenn eine fremde Armee in ein Land einmarschiert, die Wälder rodet, die Flüsse vergiftet und den Heranwachsenden Treueschwüre abverlangt – wer würde sich nicht bewaffnet zur Wehr setzen? Wenn jedoch die lokale Regierung das gleiche macht, stellen Patriot*innen bereitwillig Gehorsam, Steuern und ihre Kinder zur Verfügung. Grenzen schützen uns nicht, sie spalten uns – sie erschaffen nutzlose Spannungen mit den Ausgeschlossenen und verdunkeln die realen Unterschiede unter den Eingeschlossenen. Wir brauchen Formen der Zusammengehörigkeit, die nicht von Ausschluss bestimmt sind, die nicht Macht und Legitimität zentralisieren, die Empathie nicht auf kleine geschlossene Communities beschränken.

Das Problem ist:
Repräsentation

Nur durch Handeln kannst du dich selbst ermächtigen; deine Interessen kannst du nur kennenlernen, wenn du dich ihnen entsprechend verhältst. Wenn alle Bemühungen Einfluss auf die Welt auszuüben, durch die Vermittlung durch Repräsentant*innen oder durch die Vorschriften der Institutionen kanalisiert werden müssen, entfremden wir uns voneinander und von unserem Potential.

Wir sind nicht reduzierbar. Weder Delegierte noch Abstraktionen können für uns einstehen. Wir brauchen Präsenz, Unmittelbarkeit, direkten Kontakt miteinander und Kontrolle über unser Leben – etwas, dass uns kein*e Repräsentant*in und keine Repräsentation geben kann.

Das Problem sind:
Anführer*innen

Herrschaft ist eine soziale Unordnung, in der der Großteil der Teilnehmenden darin versagt, Initiative zu ergreifen und über ihre eigenen Handlungen kritisch nachzudenken. Solange wir Handlungsfähigkeit als Eigentum spezifischer Individuen und nicht als soziale Beziehung betrachten, werden wir immer abhängig von Herrschenden sein – und von ihrer Gnade.

Das Problem sind:
Regierungen

Regierungen versprechen uns Rechte, sie können uns aber nur Freiheiten nehmen. Die Grundidee von „Rechten“ beinhaltet eine zentrale Macht die diese Rechte zugesteht und garantiert. Wenn sie mächtig genug sind, uns etwas zu garantieren, sind sie auf jeden Fall auch mächtig genug, es uns wieder zu nehmen. Regierungen dazu zu ermächtigen, ein Problem zu lösen, gibt ihnen lediglich die Möglichkeit, noch mehr Probleme zu erschaffen. Außerdem generieren Regierungen Macht nicht aus dem Nichts – es ist unsere Macht, die sie ausüben, die wir wesentlich effektiver ohne das Spektakel der Repräsentation einsetzen könnten. Wenn Macht zentralisiert ist, müssen Menschen über andere herrschen, um auf ihr eigenes Schicksal Einfluss ausüben zu können.

Wo immer es Hierarchien gibt, begünstigen diese diejenigen, die an ihrer Spitze stehen und ermöglichen es ihnen, Macht zu zentralisieren. Wenn wir dieses System durch mehr Kontrolle und Ausgleiche ausbessern wollen, bedeutet dies lediglich, dass wir uns Schutz von einer Seite erhoffen, vor der wir eigentlich geschützt werden sollten. Die einzige Möglichkeit, Druck auf die Herrschenden auszuüben, ohne in ihr Machtspiel hinein gezogen zu werden, ist der Aufbau horizontaler, autonomer Netzwerke. Wenn wir jedoch mächtig genug sind, dass die Herrschenden uns ernst nehmen müssen, wären wir auch in der Lage, unsere Probleme direkt ohne sie zu lösen.

Es gibt keinen Weg zur Befreiung ohne Freiheit.

Das Problem sind:
Profite

Wenn alles einen Preis hat, verlieren selbst die einzigartigen Momente unseres Lebens ihre Bedeutung und werden zu bloßen Wertmarken in einer abstrakten Kalkulation der Macht. Alles was nicht finanziell messbar ist, lassen wir am Wegrand zurück.

Das Problem ist:
Eigentum

Die Grundlage des Kapitalismus sind Eigentumsrechte. Die Idee von Inhaberschaft legitimiert den Einsatz von Gewalt, um von Menschen erschaffene Ungleichheiten in Bezug auf Zugang zu Land und Ressourcen zu erzwingen.

Wenn unsere Beziehungen zu Dingen nicht durch Eigentumsrechte und Geld festgelegt wären, wären sie bestimmt durch die Beziehungen, die wir zueinander haben. Heutzutage ist es andersherum: Unsere Beziehungen zueinander werden bestimmt durch unsere Beziehungen zu materiellen Dingen. Eigentumsrechte abzuschaffen, würde nicht bedeuten, dass du deinen Besitz verlierst; es würde bedeuten, dass weder die Polizei noch ein Börsencrash dir die Sachen, die du brauchst, wegnehmen kann. Anstatt einer Bürokratie zu gehorchen, würden wir bei den menschlichen Bedürfnissen anfangen; anstatt einen Vorteil aus den Mitmenschen zu ziehen, würden wir Vorteile aus unseren gegenseitigen Wechselbeziehungen ziehen. Die schlimmste Angst der Gewinner*innen dieser Gesellschaft ist eine Gesellschaft ohne Eigentum – denn in einer solchen Gesellschaft bekämen sie nur den Respekt, den sie sich auch verdienen.

Das letzte Verbrechen

Jede gesellschaftliche Ordnung basiert auf einem Verbrechen – das Verbrechen, dass die vorige Ordnung abgeschafft hat. Danach wird die neue Ordnung als legitim wahrgenommen, sobald die Leute anfangen, sie als gegeben hinzunehmen. Was könnte diese Gesellschaft ablösen? Können wir uns eine Ordnung vorstellen, die nicht auf der Einteilung des Lebens in legitim und nicht-legitim, legal und illegal, Herrschende und Beherrschte basiert? Was könnte das letzte Verbrechen sein?

Um alles zu verändern, fang irgendwo an.