Heine-Preis für Alexander Kluge

Im Schauspielhaus wurde am 14. Dezember mit einem Festakt der Heinrich-Heine-Preisträger gewürdigt.

Ans Ende seiner Dankrede setzte der Preisträger ein verstörendes Bild: „In einem Film der 70er Jahre steht der Großaffe King Kong auf den Twin Towers und verteidigt das, was er liebt, die weiße Frau, die in seiner Pranke Platz findet. Mit der anderen Hand greift er Regierungsflugzeuge und zerschmettert sie. Er will das Unheil vom Liebsten, was er hat, dieser Frau, abwehren. Ist das ein realistisches Bild? Ist es phantastisch?“

Es sei „ein wahres Bild“. Der 70-er-Jahre-Film ist bekanntlich ein Remake, das Original stammt von 1933. Damals hatte Kong das Empire State Building bestiegen. 2005 – nach der Zerstörung der Twin Towers – kam ein zweites Remake in die Kinos, auf dem der Riesenaffe wieder das Empire State Building besteigt. Nicht mehr modernste Jäger und Helikopter greifen King Kong an, sondern wieder die Doppeldecker-Propellermaschinen – wie im Film von 1933. Sehnsucht nach der guten alten Zeit, als es noch überschaubare Grenzziehungen zwischen Gut und Böse gab. In der Rede hatte Kluge betont, die Gegenwart sei ein Labyrinth. Dies dürften wir uns aber nicht in Aufsicht, „wie auf dem Fußboden mancher Kathedralen“, vorstellen. Es bestünde vielmehr aus Katakomben. „In ihnen ist es tatsächlich Dunkel, es lebt dort ein Monstrum.“ Vielleicht sei es aber keines. „Vielleicht sind wir, die Eindringlinge, das Monster, und der Minotaurus ist ein Lebewesen, auf dessen Rücken wir siedeln und mit dem wir uns verbünden sollten.“

Kluge war sichtlich bemüht, die Veranstaltung als Gesamtkunstwerk zu gestalten. Die Laudatio hielt der mit ihm befreundete Anselm Kiefer, es folgten Filmeinspieler – unter anderem eine Hommage an Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput IX“ mit Helge Schneider. Auch die Klaviermusik war mehr als nur „Begleitprogramm“. Die Rede wirkte, wie oft bei Kluge, allzu ambitioniert. Bei anderer Gelegenheit reagierte Erwin Dombrowski – gespielt von Georg Schramm – mal sehr ungehalten: „Nun hören Sie doch mal mit diesen Metaphern auf! Das führt uns hier doch nicht weiter, Herr Kluge!“

Bezugnahme auf die Ukraine

Dass wir es aktuell mit einem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ zu tun haben, wurde in der Berichterstattung überdeutlich. Ganze Redaktionen werden eingespart, Zeitungen begnügen sich oft damit, dpa-Meldungen abzudrucken. Und die werden immer kürzer. Hatte es vor zwei Jahren anlässlich der Preisverleihung an Habermas noch geheißen, der Philosoph habe den „Kleinmut“ der heutigen Gesellschaft gerügt: „Sie begreife die Zukunft nicht mehr als Herausforderung, auf die man Antworten finden müsse, sondern nehme sie als alternativlos hin“, so war der dpa-Meldung diesmal lediglich zu entnehmen, dass „die Preisjury Kluge als wichtigen Vertreter der kritischen Theorie gewürdigt“ habe und dass Kluge es schaffe, „Betrachter und Leser in ein Zwiegespräch mit Gesellschaft, Geschichte und Gegenwart zu führen“. Hatte es vor zwei Jahren noch inhaltlich pointiert geheißen, Habermas „warnte, dass nationale Egoismen wieder aufblühten“, so wurde das, was Alexander Kluge diesmal zur Ukraine sagte, in Berichten allenfalls im Nebensatz erwähnt.

Der Stoff zu Tchaikovskys Oper „Mazeppa“ – die Veranstaltung klang mit dem Lied der Maria aus „Mazeppa“ aus – stamme, so unterstrich Kluge, von Lord Byron und Alexander Puschkin: „Heine und diese beiden Poeten bilden ein Dreigestirn“. Von einer „Tragödie der Unverträglichkeit“ handele diese „Mazeppa“: „Ein ukrainischer Herrschersohn, zu Gast am polnischen Hof, verführt dort Frauen. Von deren Ehemännern wird er auf ein Pferd genagelt, das mit dem nackten Prinzen, zum Wahnsinn gebracht durch den Schmerz der Nägel, zum Dnjpr galoppiert und dort tot niedersinkt. Der Prinz aber wird Hetmann der Ukraine. Kaum an der Macht, überwirft er sich mit allen anderen und bringt einige um. Er verbündet sich mit dem Westen, mit der Armee des Schwedenkönigs Karl XII. In der Schlacht von Poltawa schlägt Zar Peter der Große beide aufs Haupt. Die einzige Frau, die Mazeppa wirklich liebte, verfällt dem Wahnsinn.“ Ihr Lied am Ende der Oper bleibe „als einziger Trost“.

Zu den letzten Jahren Heines merkte Kluge an: „In den drei Jahren vor seinem Tod, mit schwerer Krankheit, die ihn unbeweglich auf die Matratze bannt, tobt 1853-1856 der Krimkrieg. Die Namen Sewastopol und Krim haben für uns eine zeitgenössische Konnotation. Es lohnt sich, mit Heines witzerfülltem Auge den Koalitionskrieg des damaligen Westens zu betrachten: England, das theatralische Weltausstellungs-Frankreich von Napoleon III., Piemont-Sardinien, also der Embryo Italiens und das Osmanische Reich gegen das Russland des Zaren. Das ist der erste moderne Krieg. Anders noch als in den napoleonischen Kriegen ist eine Massenpresse Garant der Kriegsverlängerung. Erstmals Kriegsfotografie, Telegrafie (noch in der Schlacht von Waterloo befindet sich die Brieftaube Rothschilds an deren Stelle!). Karl Marx hat in einer New Yorker Zeitung Tag für Tag über diesen Krieg berichtet. Er beschreibt, wie zaristische Staatsanleihen über die Bankhäuser in Hamburg, Wien und London die Börse anfachen. Diese Anleihen gewährleisten die russische Rüstung. Der Boom, befeuert durch die hohen Zinsen der russischen Papiere, finanziert die Rüstungen der Alliierten gegen Russland. Diese ersten Schritte zur Globalisierung der Kriegskosten wird Heine in seiner Gruft genauso beurteilt haben wie Marx.“

In der Pressekonferenz, die zwei Tage vor der Preisverleihung im Heinrich-Heine-Institut stattfand, hatte Kluge zum Schaffen von „Oasen“ aufgerufen, seine dctp-Minuten beim Privat-TV seien solche Oasen. Den Begriff „Oasen“ habe er von Heine. In einem Entwurf für einen seiner Parisberichte von 1843 heißt es ernüchternd: „Es sind drey Dinge, die mich am Ende bestimmen den Occident zu verlassen und irgend eine unzivilisirte Oase im Morgenlande aufzusuchen: diese drey sind nemlich die Gasbeleuchtung, der Dampfmaschienenrauch und das liebe Clavierspiel!

Thomas Giese