Geschichte vor dem Abbruch

Über das liquidierte Büro der KPD in der Ackerstraße 144

Die Adresse Ackerstraße 144 tauchte in mehrfacher Beziehung in den letzten Monaten in der Düsseldorfer Tagespresse auf: Das dort beheimatete Theater FLIN hatte die Kündigung bekommen und suchte nach einer alternativen Spielstätte. Eine Kündigung gab’s auch für die Frauenberatungsstelle e.V., die sich über Jahre auf diesem Areal engagiert hatte. Ebenfalls auf der Abschussliste: die Mucki-Bude „Vital-Sport“ und die „Nudelfabrik“. Diese sozialkulturellen Topoi müssten – eigentlich – um einen politischen Ort ergänzt werden, der aber aus der Berichterstattung von RP und anderen Blättern ausgeklammert wurde: Die Ackerstraße 144 war auch die Parteizentrale der KPD und Redaktion und Druckerei der KPD-Zeitung „Freies Volk“.

Das Verbot der KPD gehört nicht zu den Lieblingsthemen der vorherrschenden Presse. Dabei zieht es sich wie ein roter Faden durch mehr als 150 Jahre der Düsseldorfer Geschichte. Angefangen hatte das Dilemma nicht bei der KPD, sondern vorher im direkten Umfeld von Karl Marx. Adolph Joseph Maria Bermbach (1821-1875), zeitweilig Ratsherr in der damals selbständigen Stadt Gerresheim, war während des Kölner Kommunist*innen-Prozesses ein „toter Briefkasten“ von Karl Marx. Zwischen 1850 und 1852 war er auch Mitglied des Bundes der Kommunisten. Das reichte offensichtlich aus, um den beschlossenen Antrag des Gerresheimer Bürger- und Heimatvereins, eine Straße nach ihm zu benennen, bislang nicht umzusetzen. Dabei war Bermbach nicht nur Ratsherr, sondern auch Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung (Rumpfparlament).

Die KPD hatte nicht nur in der Nazi-Zeit Erfahrungen mit der Liquidierung ihrer Büros machen müssen. Das ging gleich nach 1945 weiter. Die Partei war am 1. September 1950 in die neue Zentrale in der Achenbachstraße 43 eingezogen. Da blieb sie aber nur 28 Tage, denn die britische Kommandantur entschied, dass genau dieses Gebäude für andere Zwecke benötigt würde und deshalb liquidiert wurde.

Am 17. August 1956 folgte das erneute KPD-Verbot (BVerfGE 5, 85) – jetzt nicht mehr durch NS-Schergen, sondern unter der Adenauer-Regierung. Die politischen Mandate wurden entzogen. 1949 hatte die KPD bei der Bundestagswahl 1.361.706 Wähler*innen. Das Verbot war der Höhepunkt der Repression, denn schon 1950 gab es den Adenauer-Erlass, der die erste Berufsverbote-Welle für Kommunist*innen brachte. 1951 folgte das Verbot der FDJ. Am 23. September 1951 stellte Adenauer den Antrag beim Bundesverfassungsgericht, die KPD ganz zu verbieten. Mit diesem Antrag begannen die Durchsuchungen der Parteibüros zur Sicherung von „Beweisen“ für das Verbotsverfahren. 1952 wurde die Geschäftsordnung des Bundestages so geändert, dass die KPD ihren Fraktionsstatus verlor. Sie durfte keine Anträge stellen und keine Anfragen einbringen. Selbst die Gerichtsordnung des Bundesverfassungsgerichts wurde geändert. Hermann Höpker-Aschoff, Präsident des Gerichts, war gegen das KPD-Verbot. Er starb 1954 und wurde durch einen Befürworter des Verbots ersetzt. Ein zentraler Grund für die juristischen und politischen Angriffe auf die KPD: Die KPD war gegen die Wiederbewaffnung, Gründung der Bundeswehr, Mitgliedschaft in der NATO.
Es gab 10.000 Urteile (Gefängnis und Zuchthaus), 250.000 Ermittlungsverfahren, 500.000 Betroffene.

Mit einer massiven Polizeiaktion wurden sofort nach der Verkündung des Parteiverbots 50 KPD-Funktionär*innen verhaftet. Es gab 300 Hausdurchsuchungen. Die Immobilien und Technik (Druckerei) wurden beschlagnahmt. Die KPD-Landesleitung in der Klosterstraße wurde geräumt. Ein besonderes Ziel der Begierde und Repression: die Ackerstraße 144. Hier arbeiteten auch die Redaktion und der Verlag des „Freien Volkes“. Der Einsatz lief unter dem Codewort „Aktion Karabiner“. (Die Bundeswehr war im Jahr zuvor inklusive vonn alten NS-Offizieren gegründet worden.) Dabei wurde gleich die ganze Straße gesperrt. Bei der KPD, so wurde unterstellt, handelte sich – in heutiger Begrifflichkeit – um ein „politisches Ebola-Virus“. Staatssekretär Hans Ritter von Lex, der den Verbotsantrag der Regierung gegen die KPD begründete: „Sie ist ein gefährlicher Infektionsherd im Körper unseres Volkes, der seine Giftstoffe in die Blutbahn des staatlichen und gesellschaftlichen Organismus der Bundesrepublik sendet.“ – Schon 1953 hatte der „Rheinische Merkur“ geschrieben: „Das große Anliegen, von dem man wünschen möchte, dass es (...) schnell und zielsicher angepackt wird, ist die endgültige Vernichtung des Marxismus, die Entgiftung des Sozialismus, nicht nur in Deutschland, sondern ausstrahlend nach Europa.“

Die Polizei hatte für die Aktion in Düsseldorf „mit einem großen Aufgebot“, wie Peter Baumöller in seinen Lebenserinnerungen, redaktionell von der TERZ betreut, schreibt, die Ackerstraße besetzt. Rechts neben der Tordurchfahrt, wo jetzt eine Pizzeria betrieben wird, war das Ladenlokal der KPD. Hier gab es bis zum Verbot das „Freie Volk“ zu kaufen. Darüber lag die Parteizentrale. Im Hinterhof, im Bereich des Theaters FLIN, waren die Druckerei, die Setzerei, die Redaktion und der Verlag vom „Freien Volk“. Zeitzeugin Inge Kosel (80) erinnert sich an jedes Büro, an jeden Schreibtisch. Sie war 1954 von dem bekannten Kommunisten Eugen Eggerath (Jg. 1905) als Mitglied für die KPD gewonnen worden und arbeitete jetzt hier bis zur Räumung. Eggerath stammte aus Vohwinkel und war bis zu seiner Verhaftung durch die Nazis am 3. März 1933 – während einer Gastspielreise – Theatermeister am Städtebundtheater in Neuss. Er kam ins Gefängnis Anrath und wurde dann im August 1933 ins KZ Börgermoor deportiert. Nach dem Krieg arbeitete er an Düsseldorfer Bühnen, bis er 1950 als Kommunist erneut verhaftet wurde. Auch Inge Kosels Vater Franz Bittner war in der KPD. Besonders schmerzlich ist ihr die Enteignung der Druckmaschine in Erinnerung. Die war noch ganz neu. Der Kauf war durch viele Spenden von den KPD-Genoss*innen und Sympathisant*innen abgesichert worden. Nach Arbeitsende wurde die Maschine geradezu liebevoll geputzt.

Der Zugriff war Peter Baumöller durch den Polizei-Fotografen Peter Baum eine halbe Stunde vor der Aktion gesteckt worden. Baumöller malte in aller Eile ein Transparent mit der Aufschrift „Trotz Verbot – KPD“, das unter den Fenstern im dritten Stock des Vorderhauses aufgehängt wurde. Bei der Besetzung durch die Polizei gab es angesichts des Machtgefälles keine Chance auf wirkungsvollen Widerstand. In Zwischenrufen wurde daran erinnert, dass die KPD diese Aktionen auch von den Nazis kannte. Baumöller berichtet, dass die Polizei auch die Gesamtausgabe der „Weltbühne“ beschlagnahmte. Carl von Ossietzky schrieb am 1. Dezember 1932 in der Zeitschrift: „Ich weiß, dass jeder Journalist, der sich kritisch mit der Reichswehr beschäftigt, ein Landesverratsverfahren zu gegenwärtigen hat; das ist Berufsrisiko.“ Die Weltbühne erschien zuletzt am 7. März 1933. Ossietzky kam ins Gefängnis, nach einer Amnestie wurde er am 28. Februar 1933 – nun von den Nazis – erneut verhaftet, im Gefängnis Berlin-Spandau interniert, anschließend ins KZ Sonnenberg deportiert und gefoltert. Das KZ Esterwegen (Emsland) war seine letzte Hölle.

Der KPD ging es auch nach dem Verbot und der Konfiszierung ihres Eigentums darum, die politische Arbeit insbesondere gegen die Aufrüstung der Bundeswehr fortzusetzen und den deutschen Zugriff auf Atombomben zu verhindern (Aktion „Kampf dem Atomtod“). Franz Josef Strauß (CSU) war am 16. Oktober 1956 von Adenauer zum Kriegsminister bestellt worden. Für die Information der KPD-Genoss*innen und – so weit wie möglich unter illegalen Bedingungen – auch der Bevölkerung wurde das „Freie Volk“ eingesetzt. Jetzt wurde sie in einem Kleinformat illegal in einer Druckerei in Mönchengladbach gedruckt. Aber diese konspirative Druckerei flog durch Verrat auf: Vor Weihnachten 1959 wurden die Räumlichkeiten im Rahmen der Aktion „Sendepause“ durchsucht. Der Drucker und der Inhaber der Druckerei wurden verurteilt.

Auch an all diese Teile der Düsseldorfer Stadthis­to­rie muss erinnert werden, denn: Es findet nur die Geschichte statt, die nicht „vergessen“ wird.

UWE KOOPMANN