„Kein Vergeben, kein Vergessen!“

Ein chorisches „Wir“ geht im deutschen Wald spazieren

Der renommierte Musiker, Komponist und Performer Mark Polscher, der u.a. bei dem bedeutenden Komponisten Karlheinz Stockhausen studierte, und der Autor, Regisseur und Chorleiter Bernd Freytag, bekannt vor allem durch die Aufsehen erregenden Chöre, die er für Inszenierungen von Volker Lösch erarbeitete, inszenieren erstmalig gemeinsam als Regisseure am Schauspiel Essen Elfriede Jelineks Identitäts- und Heimatmonolog „Wolken.Heim.“. Ohne jegliche Figuration und in hochartifizieller Versprosa thematisiert der Text die Geburt des Nationalis­mus. Er geht von Dichtern und Denkern des 18. Jahrhunderts aus, bis er schließlich in den Nationalsozialismus mündet und die noch verbliebenen Spuren des Faschismus im gegenwärtigen heimischen Boden ausgräbt. Es ruht im Boden, es wächst in den Wäldern – das chorische „Wir“ von Jelinek geht im deutschen Wald spazieren und trifft dort auf dekonstruierte Fragmente aus Texten von Fichte, Hölderlin, Heidegger, Hegel, Kleist und Briefen der RAF-Gefangenen. Jelineks postdramatischer Text verweigert sich jeglicher Theaterkonventionen und ist somit für Regisseur*innen eine Herausforderung, aber zugleich ein offenes Meer. Die Terz hat sich mit den wahnwitzigen Regisseuren, die sich dieser Herausforderung stellen, getroffen, um mehr über ihre Zusammenarbeit und ihre Inszenierung zu erfahren.

TERZ: Mark Polscher und Bernd Freytag als Regieduo, eine ungewöhnliche Kombination, vor allem da Ihr beide keine „klassischen“ Stadttheater-Regisseure seid. Wie habt Ihr zusammengefunden und woher kam der Gedanke gemeinsam zu arbeiten?

Mark: Kennengelernt haben wir uns 2001 bei Theaterarbeiten am Landestheater Linz. Seit diesem Zeitpunkt haben wir in verschiedenen Produktionen zusammengearbeitet, bei denen Bernd für den Chor verantwortlich war und ich für die Musik. Wir hatten uns etwas aus den Augen verloren, bis wir uns schließlich 2013 am Schauspiel Essen wiedergetroffen haben. Zu dieser Zeit komponierte ich die Musik für Thomas Krupas Inszenierung „Skin Deep Song“ und Bernd arbeitete mit einem Arbeitslosen-Chor für Volker Löschs Inszenierung „Rote Erde“. Da wir auf einmal wieder vor Ort zusammen waren, jeder bei einer anderen Produktion, haben wir uns gesagt: OK, jetzt wäre es an der Zeit, dass wir etwas zusammen inszenieren. Wir wollten gerne unsere Ideen, die wir in vielen Jahren gesammelt haben, in einem gemeinsamen Team umsetzen und schauen, wie ein von uns konzipiertes Theater aussehen könnte.

TERZ: Und wie kommt es, dass Ihr Elfriede Jelineks „Wolken.Heim.“ in Szene setzt?

Mark: Das Schauspiel Essen hat uns verschiedene Texte vorgeschlagen, darunter war auch „Wolken.Heim.“.
Bernd: Bei „Wolken.Heim.“ haben wir sofort gesagt, das machen wir! Das Stück vereint alle unsere künstlerischen Interessen, beziehungsweise alles, was wir bisher gemacht haben.
Mark: Außerdem hatte „Wolken.Heim.“ für uns von allen vorgeschlagenen Stücken die schönste und komplexeste Sprache. Aber auch das Thema „das deutsche Wesen“, sprich: Woher kommt Nationalismus, hat uns neben der Polyphonie des Textes interessiert.

TERZ: Dann frage ich Euch mal direkt im Anschluss, worum geht es für Euch in „Wolken.Heim“?

Bernd: Es handelt sich um einen Chormonolog, um einen Chor, der aus der Geschichte auftaucht und probiert, sein Auftauchen zu legitimieren. Es ist ein Totenchor, was natürlich Paradox ist, weil ein Chor von Toten nirgendwo auftauchen kann. Was macht ein Chor oder ein Sprecher, der auftauchen muss und nicht auftauchen kann oder wenn er auftauchen muss in etwas, das vor ihm oder in ihm liegt, und das in eine Katastrophe führen kann? Weiter hat der Chor mit Nationenbildung zu tun, die Jelinek selber kritisch beäugt und unsere Textfassung, die in 21 Blöcke unterteilt ist, probiert, mit diesen Phänomenen und Paradoxien umzugehen.

TERZ: Jelineks Werke sind im Allgemeinen als schwer umsetzbar bekannt, weil sie sehr sperrig sind, aus Textflächen bestehen und sich deswegen von klassischen Theatertexten unterscheiden. Deshalb ist es für jeden Regisseur eine Her­ausforderung, mit ihren Texten zu arbeiten. Wie habt ihr den Text für Euch bühnenfähig gemacht?

Bernd: Da „Wolken.Heim.“ keine klassischen Dramatis Personae besitzt, haben wir Jelineks synthetisches Verfahren umgekehrt, indem wir den Text einer Analyse unterzogen haben, um ihn aufzuschließen. Die verschiedenen Stimmen beziehungsweise verschiedenen Autoren, die Jelinek in „Wolken.Heim.“ verarbeitet, haben wir uns angeguckt und uns dann Übergänge und Zuordnungen überlegt, das heißt, welche Stimme was sprechen könnte.
Mark: Wir sind bei der Erstellung unserer Fassung von einer Partitur ausgegangen. Wir sprechen im Konkreten von einer „Partitur“, um die Polyphonie und die Komplexität des Textes ausdrücken zu können. Beispielsweise haben wir ganz bewusst darauf geachtet, dass wir eine Besetzung aus verschiedenen Stimmen konzipieren. Sprich, wir haben einen Chor von 12 Stimmen, der sich innerhalb des Stücks noch mal in Frauen- und Männer-Chor unterteilt sowie in halbe Frauen- und halbe Männer-Chöre. Dann haben wir noch 4 Schauspieler*innen, die jeweils eine Solostimme und einen Schauspielerchor bilden. Natürlich nehmen wir noch mal alle 16 Stimmen zusammen. Im Grunde greifen wir mit unserer Besetzung alle Kombinationen auf, um klangliche Ebenen zu erstellen, die miteinander kommunizieren. Diese unterschiedlichen Schichten von der Solostimme bis zur großen Figur „Chor“ entwerfen eine neue Art von klanglicher Dynamik, die sich im Raum verteilt.

TERZ: Würdet ihr Eure Inszenierung als Klangwerk oder als Schauspiel bezeichnen?

Mark: Es soll erlebbares Theater sein! Uns geht es um die Struktur und die Frage, wie können wir diese Textflächen von Jelinek theatralisch sinnvoll aufteilen, damit es eine Form ergibt, die man erleben kann. Dafür eignet sich unser Chor hervorragend, weil wir alle Geräusche, Klänge – damit meine ich nicht nur Sprache – von der Bühne selbst erzeugen können, sodass wir eine Musikalisierung erleben, die den Text erfahrbar macht.
Bernd: Manchmal haben wir fast nur reinen Klang auf der Bühne, der mit der Sprache von Jelinek korreliert. Sie behauptet, dass Sprache wie eine Druckkammer eine enorme Kraft erzeugt, mit der es sich lohnt zu arbeiten. Unser Chor vergegenwärtigt dies, indem er in sich sinkt, trommelt, stampft, verzweifelt, nicht aus sich heraus kommen kann und dennoch singen muss.
Mark: Die erste Möglichkeit, mich dem Text anzunähern, war Klang. So konnte ich eine erste Verbindung zum Text und seiner Konstruktion herstellen. Es ist sicher hilfreich zu wissen, dass Jelinek selbst eine starke Verbundenheit zur Musik hat und deswegen bestimmt auch musikalisch arbeitet. Mit einer klanglichen Annäherung konnten wir den Text in seiner Musikalität nehmen, ohne sofort die Sinnzusammenhänge zu prüfen.

TERZ: Jelinek beschreibt in „Wolken.Heim.“ ein kollektives „Wir“; dadurch möchte sie ein Nationalgefühl repräsentieren und den Ausschluss des Anderen offenlegen. Wie setzt ihr das theatralisch um?

Mark: Ganz simpel. Du hast einen Chor von 12 Leuten, und einer steht außerhalb des Chors. Der Chor spricht zusammen, erzeugt Klang oder vollzieht simultane Bewegungen und einer nicht. Dies sagt schon einiges aus. Über einen Chor wird das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft am besten darstellbar, und der Chor kann dadurch seine politische Funktion offenbaren.

TERZ: Die aktuellen politischen Ereignisse, vor allem die Pegida-Aufmärsche in Dresden, deuten darauf hin, dass Nationalismus und Rassismus weiterhin stark in der Gesellschaft verankert sind. Nimmt die Inszenierung Bezug zu aktuellen politischen Ereignissen?

Mark: Ja, das tut sie. Die Dresdener Ereignisse haben uns insofern inspiriert, als dass wir konkrete Anhaltspunkte hatten, um „Wolken.Heim.“ alltagstauglich zu machen. Das „deutsche Wesen“, welches Jelinek im Text beschreibt, konnten wir nun an gegenwärtigen und konkreten Phänomenen überprüfen. Dennoch ist „Wolken.Heim.“ in unserer Inszenierung sicherlich kein Pegida-Stück, weil es darüber hinausgeht.
Bernd: Das Problem mit der Aktualität ist, dass die Frage nach der eigentlichen Ursache nicht geklärt wird. Also ist die Oberfläche die Ursache? Oder liegt die Ursache tiefer? Gibt es etwas, was Wirkung hat und von einer anderen Zeit herkommt? Dabei stellt sich auch die Frage, wo Theater stattfindet. Theater im Sinne von Ereignis, Veranstaltung, Text und Interpretation, welches versucht, die Gegenwart zu bearbeiten und dabei meist aus der Vergangenheit kommt.

TERZ: Was erwartet mich bei Eurer Inszenierung von „Wolken.Heim.“ am Schauspiel Essen?

Im Chor: Überforderung, Ernsthaftigkeit und Groteske!

Die Terz bedankt sich für das interessante Interview und wünscht Euch ein großes: TOI TOI TOI!

SABINE SCHMIDT

„Wolken.Heim“ | Schauspiel Essen | 12.3., 19.3., 1.4. 2015 | jeweils 19 Uhr | Karten unter: tickets[at]theater-essen[dot]de oder der Telefonnummer: 0201-81 22-200