„Geiler haufen“

Mit einem festen Kern trifft sich das extrem rechte Spektrum aus dem Kreis von PRO NRW, (Nachwuchs-)Hooligans und Haudrauf-Nazis seit nunmehr drei Monaten unter dem Namen „DÜGIDA“ mit seinem montäglichen „Abendspaziergang“ zur „Rettung des Abendlandes“ in scheinbar ewig gleichem Ritual am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Deutschland-Fahne-Schwenken, Kreuz-Tragen, Anwohner*innen-Bedrohen, Journalist*innen-Anpöbeln und Antifaschist*innen-Anbrüllen – das scheint Aktionskonsens zu sein. Daneben verselbständigt sich DÜGIDA aber offenkundig auch zur Austausch-, Planungs- und Aufheiz-Plattform der extremen Rechten in NRW.

Am 23. März 2015 war der montäglich auflaufende Haufen des Neonazi-, (Möchtegern)-Hooligan- und Verwirrten-Allerleis unter dem Namen „DÜGIDA“ („Düsseldorf gegen die Islamisierung des Abendlandes“) vor dem Düsseldorfer Hauptbahnhof zum ersten Mal kleiner als in den Wochen zuvor. Bis auf wenige Gestalten aus der Düsseldorfer Hooligan-(Nachwuchs-)Szene fehlten die hässlichen Männer und wenigen Frauen mit HoGeSa-Pulli, die zuletzt vor allem durch unmissverständliche Provokationen gegenüber Antifaschist*innen und vor allem durch die zunehmend unerträglichere Bedrohung von Anwohner*innen oder muslimischen Einrichtungen aufgefallen waren. Nur knapp mehr als fünfzig Personen hatten sich als DÜGIDA-Teilnehmer*innen um die neue Anmelderin Katja Karakus (PRO NRW) versammelt. Melanie Dittmer – unlängst erst vom PRO-NRW-Vorstand geschasst – hatte auch weiterhin stumm zu bleiben, Frederick Christopher von Mengersen (ebenso PRO-NRW) sprach dagegen um so länger und narkotisierender. Angesichts dieser allwöchentlichen Wiederkehr von lähmend-langweiligen Redebeiträgen, verwirrten Statements von Sympathisant*innen und der nun peinlich kurzen Demo-Route ist der Attraktivitäts-Faktor dieser Nazi-Veranstaltung auch weiterhin nur schwer nachvollziehbar. Doch mit Blick auf die Ereignisse am Rande der „Abendspaziergänge“ oder darüber hinaus deutet sich eine ganz andere Entwicklung an.

Denn was aus der Entfernung der Gegenkundgebung bisweilen aussieht wie der versprengte Rest-Mob einer vermeintlichen „Bewegung“, die in den westdeutschen Bundesländern nicht zündet, haben DÜGIDA und Konsorten auf durchsichtige Weise noch andere Funktionen: Vergemeinschaftung, Event-Fetisch und Timing. Einen dieser ‚Events‘ beschreibt die antifaschistische Zeitung LOTTA im März 2015. Der Abend, um den es geht, liegt knapp zwei Monate zurück. Am 18. Januar 2015 hatten sich „etwa 50 Personen aus dem HoGeSa-Spektrum [...] in Köln versammelt, um sich auf den Weg zu einer öffentlichen Gedenkveranstaltung zu machen. Die Veranstaltung fand anlässlich des 14 Jahre zuvor verübten NSU-Bombenanschlags in der Kölner Probsteigasse statt. Glücklicherweise wurde die Gruppe kurz vor Erreichen ihres Zieles zufällig entdeckt, für 29 Personen endete die Aktion zirka 150 Meter vom südlichen Ende der Probsteigasse entfernt an einer Kirche im Polizeikessel. Der Rest flüchtete vor der Polizei in die umliegenden Seitenstraßen.“ Die Gekesselten hatten beachtliches Equipement dabei: Quarzsandhandschuhe, Pfefferspray, ein Elektroschocker und allerhand „Schutzbewaffnung“, wie es in Polizeisprache so schön heißt. Wäre die Gruppe bis zur Probsteigasse gekommen, wäre mit einem Angriff, dann sicher auch mit Verletzten zu rechnen gewesen. Wie die LOTTA berichtete, feierten sich die Nazis im Anschluss an ihre Zusammenkunft in Köln selbst, posteten Gruppenfotos ihres Treffens unweit der Gedenkveranstaltung und versicherten sich gegenseitig, an einem „richtig geile[n] Tag“ dabei gewesen zu sein.

Nach den Recherchen von LOTTA sind mehr als ein Drittel der am 18. Januar in Köln Gekesselten „mehr oder weniger regelmäßige TeilnehmerInnen an den Düsseldorfer DÜGIDA-Demos“. Auch in Bonn bei „BOGIDA“ oder bei dem für Köln geflopp­ten „KÖGIDA“-Versuch gibt es Schnittmengen. Dass am 23.3. deutlich weniger dieser üblichen Verdächtigen bei „DÜGIDA“ teilnahmen, mag daran gelegen haben, dass etliche es seit ihrem gewalthaften Auftritt in Wuppertal anlässlich der vorzeitig abgebrochenen PEGIDA NRW-Demo vom 14. März wohl vorzogen, erst einmal nicht erneut offensiv aufzufallen.

Dating-Portal DÜGIDA: Gemeinsam stark

Auf den zweiten Blick ist die aktuelle Entwicklung über den montäglichen DÜGIDA-Spuk hinaus also in eben dieser neuen Funktion bemerkenswert. So stellen die LOTTA-Autor*innen fest, dass sich in den letzten Monaten offenbar „eine stets gewaltbereite regionale HoGeSa-Struktur mit Schwerpunkt Ruhrgebiet – aber vom Einzugsgebiet her weit über das Ruhrgebiet hinausgehend – herausgebildet [hat], die sich über Treffen und Foren koordiniert. Die Vernetzung findet aber auch statt über gemeinsame Konzertbesuche und durch die gemeinsame Teilnahme an GIDA-Demonstrationen. Was Demonstrationen betrifft, geschieht dies aktuell hauptsächlich in Düsseldorf (DÜGIDA)“. Auch die Wuppertaler PEGIDA NRW-Demo sei einer dieser Knotenpunkte brauner ‚Projekt‘-Planung. Und mehr noch: „Angriffe aus diesem Kreis häufen sich“, wie die LOTTA berichtet.

Die Chronik der Übergriffe, die die Autor*innen der antifaschistischen Zeitung zusammengestellt haben, schreibt sich derweil weiter fort. Am Abend des 23. März – DÜGIDA war unter geringerer Beteiligung gerade gelaufen – griffen Nazis in einer vermutlich geplanten Aktion eine Gruppe am Düsseldorfer Volksgarten an. Die Nazis hatten die dunkel Gekleideten, die sich hier zu einem sogenannten „Ingress“-Spiel verabredet hatten, offenbar für Antifaschist*innen gehalten und waren nach Angaben der Betroffenen mit Baseballschlägern auf die Überfallenen losgegangen.

Solche und ähnliche ‚Verabredungen‘ dürften durchaus in Verbindung zu DÜGIDA und anderen -GIDAs stehen. Ist doch der „Lernort Straße“ ein idealer Treffpunkt, um sich der eigenen ‚Stärke‘ zu vergewissern. Das gemeinsame Gröhlen pumpt die Gemüter auf, die Sozialpsychologie von Gruppendynamiken macht es auch für Hans und Hannelore Wurst möglich, sich erhaben zu fühlen. So ist „gemeinsam stark“ dann auch das wenig originelle, aber wohl zutreffende Label der HoGeSa-Abspaltung gleichen Namens. Nicht von ungefähr ist ausgerechnet Dominik Roeseler, PRO-NRW-Ratsherr in Mönchengladbach, Pressesprecher von „Gemeinsam Stark Deutschland“. Nachdem das Polizeipräsidium Düsseldorf Melanie Dittmer nicht länger als Anmelderin von DÜGIDA zu akzeptieren gedachte, übernahm Roeseler für den 9. März die DÜGIDA-Anmeldung.

Besser als Virtual Dating: Lernort Straße

Als Kennenlern- und Eventbörse der NRW-Neonazi-Szene ist das so mickrig anmutende Häuflein Dügidas nicht zu unterschätzen. Das wird einmal mehr deutlich mit Blick in die virtuelle Welt der Nazi-Netzwerke. Auf Facebook und Co. lässt es sich vortrefflich „auf dicke Hose“ machen. Das haben soziale Medien im World Wide Web wohl so an sich. Unzweifelhaft gilt das auch für Nazis. Anfang März etwa verbreitete ein Düsseldorfer Nazi hier in nahezu unnachahmlicher Fascho-Macker-Attitüde Drohungen gegenüber einer Antifaschistin, als er durch die Hintertür vorschlug, sie an ihrem Wohnort zu ‚besuchen‘. Intellektuell sonst eher ungelenk war es seinen Facebook-Freunden hier vergleichsweise rasch möglich zu erfassen, was der braune „Bruder“ (so die Ablöse-Vokabel für „Kamerad“ im Nazi-Hooligan-Wortschatz) mit dem Foto eines Türklingelschildes wohl eigentlich sagen wollte, das er auf seinem Profil veröffentlichte. „Wenn Du mal tanzen willst mit denen“, hieß es dann auch, sei man auf Zuruf dabei. Und wo ließe sich das besser organisieren, als im gemeinsamen Austausch vis à vis? Mit „Komm doch montags mal zur Demo, wir können uns gern vorher treffen“, der Kommentar-Fortsetzung dieses Profil-Eintrages, dürfte klar sein, dass dort, wo Nazis zum „Abendspaziergang“ zusammenkommen können, real-life Strukturen gesponnen werden.

Jenseits der virtuellen Welt brauner Netzwerke und der Möglichkeit, sich im direkten, im ‚analogen‘ Austausch zu verabreden, ist das gemeinsame Mob- und Gröhl-Erlebnis auf der Straße aber offenbar der entscheidende Kick, der aus Online-Maulaffen Schläger-Trupps machen könnte. Schon nach dem Hooligan-Auftritt anlässlich der abgebrochenen PEGIDA NRW-Demo in Wuppertal tauschte sich die Szene wiederum via Facebook über den „klasse tag“ aus, der „schon allein aus dem grund“ so super gewesen sei, weil „wir uns alle gesehen haben!!! ahu“. Und unlängst bot auch der Dortmunder Neonazi-Aufmarsch am 28. März Anlass, den Vergemeinschaftungsprozessen auf der Straße ein Loblied zu singen. Andreas Kraul, HoGeSa-Regionalleiter aus Herne, postete nach dem Aufmarsch in Dortmund das obligatorische Gruppenbild der „Sektion Herne“. Die Kommentar-Antworten folgten auf dem Fuße: Mit „Unsere mutigen Jungs aus dem Revier“ und „Geiler haufen [sic!]“ kommentieren Kraul-Freunde das eigene Bild.

DÜGIDA, Wuppertal, Dortmund – das Prinzip Nazi-Event funktioniert nach einem einfachen Muster. Solange sich Nazis mit ihren vom Versammlungsrecht gedeckten Aufmärschen unter Polizeischutz auf der Straße vernetzen können, ist es kaum verwunderlich, dass sie sich auch eben dort verstärkt ausagieren werden. „War wieder geil“ und „... und wieder nen paar persönlich kennengelernt“ sind Sprüche aus dem Online-Poesiealbum der Nazi-Strukturen, die zeigen, dass der „(Kennen-)Lernort Straße“ ein günstiger Schulungs- und Selbstvergewisserungsort für Nazis sein kann. Es ist Zeit, dem „[g]eilen Haufen“ genau diesen Raum wegzunehmen! Dass Gegenproteste auch als Teil der Kulisse der Nazi-Event-Kultur wahrgenommen werden und part of the game sein können, ist ein weithin hör- und diskutierbares Argument. Antifaschistische Interventionen müssen gerade darum deutlich machen, dass sie mehr als symbol-politische Kinder-Pflaster zur Erleichterung des Gewissens sind. Es geht nicht mehr um „Grillwürstchen gegen rechts“ oder „Licht ausknipsen gegen Nazis“. Die Straße, die da allmontaglich für die Nazis frei-gegittert wird, ist real, die Verabredungen der Faschos haben konkrete Konsequenzen. Kein Fußbreit dem Rassismus muss wörtlich genommen werden!

Der LOTTA-Artikel ist unter dem Titel „Ein richtig ‚geiler Tag‘“ am 15.3.2015 in der Online-Ausgabe erschienen. Wer ihn nachlesen mag findet ihn hier: https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/online/ein-richtig-geiler-tag

Für weitere Infos zu Gegenprotesten und Aktionen gegen DÜGIDA und Konsorten siehe http://duesseldorf-stellt-sich-quer.de