Same same, but different

Abschied mit Aufbruchstimmung

Die frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. hat nach langer Suche neue Räumlichkeiten gefunden. Voraussichtlich im Mai steht der Umzug von Flingern in die Talstraße nach Friedrichstadt an. Bis dahin gibt es noch jede Menge Arbeit. Die TERZ hat die Frauenberatungsstelle in der Umbaubaustelle besucht.

Der Hinterhof hat Atmosphäre. Über dem verwinkelten Karree hängt der Himmel sehr weit oben, hell und grau an diesem Märzmorgen. Wenn wir es nicht besser wüssten, könnten wir meinen, in einer Raum-Zeit-Blase zu stecken. Denn tatsächlich macht der Ort den Eindruck, als sei alles ähnlich und vieles anders zugleich. Und irgendwie auch wieder nicht. Und genau das kann ein perfekter Start sein. Ein guter Platz, um aufzubrechen, weiterzumachen, Neues aufzubauen und Bewährtes mitzubringen. Und genau dieses Gefühl ist den Mitarbeiterinnen der frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. auch anzusehen. Sie freuen sich, als sie am 19. März 2015 den versammelten Pressevertreter*innen (mit einer Ausnahme sind ausschließlich Frauen* der Einladung gefolgt) ihre neuen Räumlichkeiten präsentieren: mehr als 500 Quadratmeter, weitläufig, hell und im Aufbruch, Umbruch, Durchbruch, Aufbau ... Das ehemalige Fahrradgeschäft in der Talstraße 22-24 wird das neue Quartier der Düsseldorfer Frauenberatungsstelle sein.

Wie etwa das Theater Flin hatte sie im letzten Jahr die Kündigung ihrer Räumlichkeiten in der Ackerstraße 144 bekommen. 25 Jahre lang ist die Frauenberatungsstelle hier zu Hause gewesen. Ein Investor hatte die Liegenschaften aus der Insolvenz des vorherigen Eigentümers heraus übernommen und plant seitdem den Umbau des Areals, auf dem auch einst die KPD-Zentrale und die Druckerei der KPD-Zeitung „Freies Volk“ beheimatet waren (TERZ 09.14 und 01.15). Die Mieter*innen und Besitzer*innen luftiger Loftwohnungen werden die Erb*innen dieser geschichts-satten Umgebung sein. Hoffentlich denken sie manchmal daran.

Nun hat die frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. einen neuen Ort gefunden, der ganz ähnlich gestrickt ist. Wie auf der Ackerstraße 144 atmet der Innenhof in der Talstraße, gegenüber der Hinterseite des Stern-Verlages, eine Offenheit und ein „Willkommen“. Im Hof ist auch die Café/Fahrradschrauber*innen-Symbiose „Schicke Mütze“ zu finden. Der Stützpfeiler unter dem Vordach von Werkstatt und Café ist: Pink. Als hätte er darauf gewartet, dass die neue Nachbarin ausgerechnet die Frauenberatungsstelle sein würde. Die Büros müssen bis Ende Mai noch eingebaut werden in die heute weitläufigen ehemaligen Geschäftsräume mit Schaufenstern zur Straßenseite. Beratungsräume, ein angeschlossenes Kinderspielzimmer, Ruheecken, Empfangsbereich und Treffpunkt, Küche und sanitäre Einbauten stehen in der Fantasie schon im Raum, als Eva Inderfurth und Etta Hallenga gemeinsam mit einigen Kolleginnen die ersten Gäste durch die Baustelle führen. Bis zum Umzug, der für sich genommen definitiv kein kleines Wochenend-„Pläsier“ wird – das weiß jede*r, der oder die schon mal einen Single-Haushalt von A nach B umgetopft hat –, ist noch eine Menge zu tun. Der Umbau ist in vollem Gange.

Unterstützt wird die frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. dabei unter anderem von der Projektentwicklungs-Firma fitis GmbH, heutige Besitzerin der Ackerstraße 144. Vielleicht hat sie ihr soziales Gewissen entdeckt, vielleicht musste sie hiernach auch gar nicht lange suchen, nachdem sie einer der NRW-weit einzigen Frauenberatungsstellen von diesem Format durch ihre Umbauinteressen das Dach über dem Kopf weggekauft hatte. Vielleicht macht es sich gut im Unternehmensportfolio, ab und an auch mal etwas aufzubauen, was einen ideellen Mehrwert hat. Doch für den Augenblick kann das Motiv für die Unterstützung fast egal sein. Denn Bauleistungen, nicht Gewissensbisse (ob echt oder als werbewirksames Feigenblatt) sind gefragt. Und diese will die Investoren-Company einbringen. Wenn das klappt, ließe sich diese Hilfe auch einfach als verantwortungsbewusste Haltung gegenüber der eigenen Geschäftspraxis benennen. Sei’s drum: am Ende wird nach Taten abgerechnet und nicht nach Worten.

Das Engagement einer Stiftung, die sich für den Umbau der neuen Räumlichkeiten in’s Zeug legt ist wichtiger als diese so nachvollziehbar marketingfähige wie trotz aller für gewöhnlich doch eher emotionalen und moralischen Schlichtheit der Immobilienwirtschaft für den Augenblick sehr praktische Sachförderung. Mit dieser Hilfe hat die Frauenberatungsstelle jetzt eine „Spendenverdoppelungsaktion“ ins Leben gerufen. Jeden Euro, der für die Umbaumaßnahmen der Talstraße 22-24 gespendet wird, verdoppelt die private „Bethe-Stiftung“. Deren Kern-Förderschwerpunkte liegen bisher im Bereich der (seelischen) Gesundheit von Kindern. Die 1996 von der Familie Bethe ins Leben gerufene Stiftung förderte zuletzt ein Kinderhospiz in Wuppertal und unterstützt aktuell die Klinikclowns in Köln. Jetzt hat die Frauenberatungsstelle die Stifter-Familie für ihren Umbau-Mara thon gewinnen können. Das Prinzip der „Spendenverdoppelung“ ist simpel: „1+1=4“ – ganz einfach. Wenn 20.000 Euro zusammenkommen, macht die „Bethe-Stiftung“ daraus bis zu 40.000 Euro, mit denen der Umbau gestemmt werden kann.

Einziehen werden also Menschen, Broschüren, Computer, Kinderspielsachen, gespendete Kleidung für Personen, die Betroffene von Menschenhandel geworden sind und adhoc neu eingekleidet werden müssen, Telefone, Ruhesofas, Teekannen, Plakate, Demo-Transparente und vieles mehr. Das ist die materielle Seite. Die zwölf Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle werden künftig also in Friedrichstadt zur Arbeit gehen. Sie werden dort am Kriseninterventionstelefon Anrufe entgegennehmen, die es bisweilen in sich haben. Sie werden in der Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt Menschen beraten und Kraft geben, wieder handlungsfähig zu werden und Lösungswege zu finden. Hier werden sie Frauen treffen, die nach einer „Vergewaltigung“ in die Frauenberatungsstelle kommen. Manchmal sofort nach dem Übergriff, manchmal erst nach Jahrzehnten (TERZ 03.15).

Etwa 3.500 Frauen und deren Angehörige nehmen pro Jahr die verschiedensten Beratungsmöglichkeiten und Unterstützungsangebote der frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. in Anspruch. Im Rahmen der Interventionsstelle gegen Häusliche Gewalt werden hier auch Männer beraten, die als Betroffene Gewalterfahrungen gemacht haben. Darum war es der Frauenberatungsstelle ein großes Anliegen, auch in ihrem neuen Gebäude mehrere Eingänge zu ihren Räumlichkeiten zu haben, so dass jede und jeder so weit wie möglich angstfrei in die Beratungsstelle kommen kann. Ohne Barrieren – in jedem Sinne – ist und bleibt die frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. also auch in ihren neuen Räumen.

In der Talstraße werden die Mitarbeiterinnen auch ihre Team-Runden haben, in denen sie gemeinsam Entscheidung über alle Belange der Beratungsstelle treffen. Es wird Platz geben in größerem Rahmen, mit dem gesamten Verein zusammenzukommen oder zu öffentlichen Veranstaltungen oder Workshops einzuladen. Umziehen und neu hinzukommen werden aber auch Tränen, Angst, Geduldsproben, Hoffnungen, Schlussstriche und Neuanfänge. Dass es hierfür einen Raum gibt in dieser Stadt, ist ein Erfolgserlebnis, das sich die Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle und alle Unterstützer*innen auf ihre Fahnen schreiben können. Nach 25 Jahren auf der Ackerstraße 144 heißt es jetzt also tatsächlich Abschied nehmen. Ein Abschied, der gewiss schwer fällt, Kraft und Geld kostet. In der Talstraße kommt die Beratungsstelle aber an einem Ort an, der nicht nur einen Bruch markiert, sondern auch Möglichkeiten schafft, eine Arbeit weiterzuführen, die – auf individueller und gesellschaftspolitischer Ebene – keine Stiftung der Welt bezahlen kann. Einen Raum dafür zu haben, ist mehr als Gold wert!

Die TERZ wünscht alles Gute für den Umzug und freut sich auf die Einzugsparty!

Auf der Homepage der frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. sind alle Infos zur Beratungsstelle und zum Umzugstermin abrufbar: http://www.frauenberatungsstelle.de
Die neue Adresse lautet ab Mitte/Ende Mai dann: frauenberatungsstelle düsseldorf e.V., Talstraße 22-24, 40217 Düsseldorf, Telefon: (0211) 686854.

Wer sich an der „Spendenverdopplungsaktion“ mit einer kleinen oder größeren Summe am Umbau beteiligen möchte, kann dies unter dem Stichwort „FrauenRaum“ bei der Postbank Essen, BIC: PBNKDEFF, IBAN: DE78 3601 0043 0007 6294 31 tun. Bis zum 20. Juni ist das Spendenkonto hierfür freigeschaltet. Und nicht vergessen: Jeder Groschen wird verdoppelt: „1+1=4“!


In eigener Sache:

Ein Poster ist ein Poster ist ein Poster

Im März hatte die TERZ einen Artikel zur aktuellen Situation um die Reform des Strafrechtsparagraphen 175 veröffentlicht und in einem Interview mit Etta Hallenga, Mitarbeiterin der frauenberatungsstelle düsseldorf e.V., viel Wichtiges über die Unzulänglichkeit von § 175 StGB erfahren. Im Strafrecht soll der Paragraph Normen schaffen, wie – so dessen Überschrift – „sexuelle Nötigung; Vergewaltigung“ zu ahnden sein sollten. Mit Etta Hallenga sprach die TERZ auch über die Geschichte feministischer Interventionen gegen die hier mehr als schiefe Rechtslage. Und über die aktuelle Forderung, § 175 StGB neu zu formulieren, so dass der/die Betroffene nicht mehr nachzuweisen hat, dass die „sexuelle Nötigung“ oder die „Vergewaltigung“ gegen ihren oder seinen Willen stattgefunden hat. Auch diese Intervention auf der juristischen Ebene ist, finden wir, als Teil der langjährigen (feministischen) Kämpfe für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu sehen. Um dies zu veranschaulichen, hat die TERZ eine Abbildung zur Gestaltung des Artikels und Interviews gewählt, die einen Ausschnitt feministischer Proteste der 1980er und 90er Jahre illustriert: „Wir kastrieren auch ohne Krankenschein“ heißt es da im Textteil eines Plakates, das in den 1990er Jahren am Rande einer feministischen Demo in Berlin zu sehen war.

Leider ist uns im Layout-Stress im kurzen Monat Februar die Bildunterschrift abhanden gekommen, die die Plakat-Abbildung in diesem Sinne hätte einordnen sollen. Denn nicht zuletzt steht die Abbildung in einem Spannungsverhältnis zum Text und zum Interview – gerade auch, weil sie die Momentaufnahme einer feministischen Position widerspiegelt, die vor mehr als 20 Jahren diskutiert wurde. Wer über die Abbildung ins Grübeln gekommen sein mag, was das mit der aktuellen Debatte um § 175 StGB und vor allem mit dem Interview zu tun haben könnte: Weiterdenken! Wenn die Verwirrung, die durch die verlorene Bildunterschrift, die den Kontext hätte herstellen sollen, verursacht worden ist, zur Diskussion einlädt: um so besser!

Vor allem möchten wir uns aber – auch jenseits dieses unbeabsichtigten Diskussionsimpulses – insbesondere bei der frauenberatungsstelle düsseldorf e.V. dafür entschuldigen, dass uns dieser Versuch eines ‚dialektischen‘ Layouts durch Schusseligkeit misslungen ist. Wir arbeiten dran.