Autonome

Alles so schön bunt hier

Klaus Farin, Leiter des Archivs der Jugendkulturen in Berlin, hat ein Buch über „Die Autonomen“ herausgegeben. Der Sammelband, der neben Interviews auch die Perspektiven von sog. „Expert*innen“ zusammenbringt, wirft aber auch etliche Fragen auf.

Gerade die autonome Szene gelte als „am schwersten zu erforschende Szene überhaupt“. So klingt der Verlagstext dann auch ein wenig reißerisch-zoologisch, wenn es dort weiter heißt, dass es dem Archiv der Jugendbewegung nun erstmals gelungen sei, Interviewpartner*innen zu versammeln und Alltagseinblicke zu geben. Sind die Autonomen merkwürdige Tiefsee-Fische? Oder vielleicht doch einfach nur „Extremisten“, wie Staat und Verfassungsschutz sie gerne nennen? Wie gut kann nicht zuletzt ein Buch sein, das „Die Autonomen“ beschreibt und von dem gewöhnlich gut informierte Kreise wissen, dass es zugleich auf den Finanzierungsfüßen staatlicher Bildung-gegen-„Extremismus“-Programme steht?

Das weithin bestehende und bisweilen dominierende Bild von „den Autonomen“ wird vorrangig immer noch von jenem medial überzeichneten Holzschnitt der irrational zerstörungswütigen wie planlosen ‚Gewalttäter‘ bestimmt; wer sich näher mit ihnen beschäftigt, wird dagegen aber nicht darum herum kommen, ein ernsthaftes politisches Anliegen und eine überdurchschnittliche organisatorische Kompetenz vorzufinden. Doch ist es nicht eben einfach, Tiefeneinblicke zu gewinnen, wo doch vom realen Leben der radikalen Linken relativ wenig nach außen dringe, so der Startpunkt des Herausgebers. Grund genug für Klaus Farin mit diesem Buch „Die Autonomen“ in den Blick zu nehmen. Da ist Farins Ausgangsposition die denkbar beste, ist er doch als alter Punker mittlerweile engagierter wie geschäftstüchtiger Übervater des Archivs der Jugendkulturen in Berlin.

In seiner Einleitung skizziert Klaus Farin kurz und fachkundig die Geschichte und die politischen Fundamente der Autonomen (Politik der ersten Person, Militanz, Basisdemokratie, Systemopposition) und deutet erste Debatten und Widersprüche an – etwa jenen zwischen der Vorstellung von Freiräumen und dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung einerseits und dem Anspruch nach gesamtgesellschaftlicher Veränderung andererseits.

Danach folgen 20 aus nahezu denselben Fragen bestehende Interviews mit 14 Männern und fünf Frauen (eine Person bleibt geschlechtlich anonym). Die Altersspanne ist enorm, die Interviewpartner*innen sind zwischen 18 und beinahe 60 Jahre alt. Sie eint, dass sie sich alle mehr oder minder – egal ob junge Tierbefreierin in der Provinz oder schwerst-organisierter Autonomer in Berlin –, der (heutigen) autonomen Szene zugehörig fühlen. Vier der Interviewten, von denen übrigens nirgends gesagt wird, wie sie gefunden oder ausgewählt wurden, sind Ende 50, weitere vier nur sind unter 25 Jahren, was wiederum ein schiefes Licht auf die These von den Autonomen als Jugendkultur wirft. Die Interviews sind kurzweilig, aber irgendwie auch belanglos. Vielleicht fehlt hier eine stärkere Klammer oder ein widersprüchliches Moment, die eine Idee davon eröffnen würde, wie all diese Menschen mit ihren politischen Konzepten und Praktiken – und ihren jeweiligen Entscheidungen dafür! – miteinander in Bezug stehen. Oder eben – ganz „autonom“ – nicht. Michael Wildenhain und Wolf Wetzel, beide kluge alte Kämpen und wortgewaltige Autoren, sind hier ebenfalls vertreten. Sie zählen witziger Weise nicht zu den „Expert*innen“, die dann weiter hinten auftauchen.

Nach diesem Interviewteil, der den Einstieg sehr „szenisch“ macht, findet sich ein über 60 Seiten umfassender Text über die Zeitschrift „radikal“. Diese ausführliche Auseinandersetzung mit der Entwicklung und Einordnung dieser „Zeitung von der Bewegung – für die Bewegung“ ist wirklich lesenswert und vollzieht die Geschichte und die Bedeutung dieses ja bereits 1976 gegründeten Mediums in verschiedenen Kampfzyklen gut nach.

Fünf Interviews mit sogenannten Expert*in-nen schließen sich an. Davon sind zwei Vertreter der dunklen Seite der Macht: Einer ist ein Redakteur der „Jungen Freiheit“, der launig die steile These vertritt, die Autonomen würden mittelfristig völlig verschwinden. Der andere, Uwe Backes, ist Anhänger der ja nicht grade mit besonderer intellektueller Strahlkraft versehenen „vergleichenden Extremismusforschung“. Sein wenig überraschend selten gern gelesener Name steht beinahe synonym für die sogenannte Hufeisentheorie, nach der sich die politischen „Extreme“ links und rechts einer politisch „neutralen“ Mitte wie an den beiden Enden der Hufeisenform annäherten, sich an den Rändern gleichsam spiegelten. Backes gibt allerdings hier immerhin die These zum Besten, dass die Autonomen „überwiegend junge Leute“ seien und dass jene „nach einer gewissen Zeit aus der Szene wieder aussteigen und sich relativ spurlos in die Gesellschaft reintegrieren“ (S. 339). Na, dann ist ja gut. Die anderen Expert*innen sind drei der Linken zugeneigte Professor*innen, wie etwa Wolf-Dieter Narr oder Melanie Groß.

Den Abschluss bildet eine geschätzt über 200 Titel umfassende Literaturliste zum Thema des Buches. Die gibt es in dieser Form so noch nicht, auch wenn die Liste nur Titel enthält, die wiederum im Archiv der Jugendkulturen in Berlin vorhanden sind. Ob diese doch ansehnliche Liste die im Buch öfter vertretene Ansicht, über die Autonomen sei zu wenig bekannt oder sie seien gar – na klar! – zu wenig erforscht, nun stützt oder widerlegt, muss hier offen bleiben.

Alle Interviews zeigen persönliche Biografien, verbleiben aber letztlich individuell. Viele Autonome und auch die Expert*innen gehen davon aus, dass die Autonomen gesamtgesellschaftlich gesehen keine Bedeutung mehr haben, jene noch nie hatten, oder wenn überhaupt, dann nur bis zur Mitte der 1990er Jahre gewisse Relevanz entfalteten.

Und heute? Das grundsätzliche strategische Problem der autonomen Linken besteht ja aus mindestens zwei Aspekten: Wie wird vermieden, etwa im Kampf gegen Nazis und Rassismus, als militante Verteidiger*innen der Grundrechte aufzutreten? Wie lautet zweitens die Antwort darauf, dass die links-alternative Forderung nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung nun – erst recht durch Hartz IV – in eine neoliberal-autoritäre Formierung des „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“ umgewandelt wurde? Nun ist dieses Buch keines zu einer (post-)autonomen Strategiedebatte, insofern sind in ihm dazu keine Antworten zu erwarten gewesen. Vielmehr liegt hier ein nettes Buch für Stadtbibliotheken, Sozialarbeiter*innen und andere vor, und ja, auch eines für die autonome Szene.

Neben dem Blick auf historisches und aktuelles autonomes Denken und Fühlen sind aber gerade heutige Aktive gefragt, wenn es darum geht, das gesamte Buchprojekt noch einmal denkend umzudrehen. Denn finanziert ist es vor allem durch staatliche Förderung aus dem Umfeld des Kristina-Schröder-Extremismus-Programmes. Diese Zusammenhänge und Finanzierungs-Verbindungen zu thematisieren und zur Diskussion zu stellen, ist notwendiger Teil der Lektüre dieses Buches. Wie Farin selbst dazu steht, hat er schon 2011 in einem Zeitungsinterview deutlich gemacht (das leider nicht online ist): „Es ist die Pflicht des Staates, seine Kritiker zu finanzieren“ (jw 3.9.2011). Ob es dann ausgerechnet ein Buch über „Die Autonomen“ sein muss? Vielleicht liegt da der Witz der Umwidmung staatlicher Gelder nach dem Motto „Vielen Dank für den Fisch!“. Ob der Bogen hier allerdings nicht ein wenig überspannt ist – spätestens, wenn Flachdenker Uwe Backes in Farins Buch zu Wort kommen kann – das mag jede*r Leser*in selbst beurteilen.

Bernd Hüttner

Klaus Farin (Hrsg.):
Die Autonomen
Verlag des Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2015. 360 Seiten, 28 EUR