Die Fertigmacher

Ein aktuelles Thema, ein überfälliges Buch … erhellend und wohl verfasst.

Die Autoren Werner Rügemer und Elmar Wigand eröffnen mit dem weithin bekannten Fall der dieses Jahr verstorbenen Emmely: Die Supermarkt-Kassiererin aus Berlin, die mit schäbigsten Methoden rausgeworfen wurde, nach 31 Jahren ordentlicher Arbeit – von entsprechenden Medien beflissentlich hervorgehoben. Das sich das unglaubliche Vorgehen von Kaisers gegen eine aktive Gewerkschafterin richtete, fiel dabei gerne unter den Tisch. Diese Geschichte zum Anlass nehmend, fragen die Verfasser nach Sinn und Zweck, nach einer Systematik hinter diesem erst mal bizarr und unverhältnismäßig erscheinenden Vorgehen. Lange muss man nicht nach Antworten suchen: Die politisch-soziale Offensive des Neo-Liberalismus ist auf weiter Front erfolgreich gewesen, auch und insbesondere auf dem Feld der Arbeitsbeziehungen. Spätestens seit Mitte der 80er Jahre, nach den verlorenen Kämpfen bei der Abwicklung der Montanindustrie, begann die z.T. recht kleinteilige Durchdringung der verschiedenen gesellschaftlichen Sphären (Arbeits-, Sozial-und Rechtssysteme, auf dem Terrain der veröffentlichten Meinung uvm.). Dies leider auch unter reger Mithilfe und Beteiligung der großen Gewerkschaften.

In der neuen schönen Dienstleistungswelt geht es heiß her. Die systematische Bekämpfung betrieblicher Mitbestimmung, gewerkschaftlicher Organisierung und sogar der Etablierung von Betriebsräten hat ein unglaubliches Ausmaß angenommen. Die Methoden, die dabei zum Einsatz kommen, sind oft so aufwendig und kostenintensiv, dass einem die Spucke weg bleibt. Dies hat zur Entstehung und Ausweitung eines Milieus von Unternehmensberater*innen, Rechtsanwält*innen, Consultants, Agenturen, Personalmanager*innen, Detekteien, PR-Agenturen, Stiftungen, arbeitgeberfinanzierten Universitätsinstituten und ähnlichem mehr geführt.

Die Akteur*innen dieses Netzwerkes übernehmen, meist sehr gut bezahlt, die ideologische Vorarbeit, juristische Beratung, strategische Beratung, und nicht zu vergessen, die schäbige Drecksarbeit. Die offenbar umfangreiche Recherche der Autoren erlaubt eine erhellende Darstellung der wichtigsten Agenturen, PR- und Personal-Manager*innen, Beraterfirmen und nicht zuletzt der Arbeitsrechtsanwält*innen, sowie der Analyse der jeweiligen praktischen Vorgehensweisen. Hier liegt auch die Stärke des Buchs. Glücklicherweise verengen die Beiden das Vorgehen dieser Netzwerke nicht allein auf Gewerkschaftsbekämpfung. Sie beschreiben detailliert die dreckigen Methoden der „Fertigmacher“ ohne die vorangegangenen und zum Teil parallel verlaufenden Strategien der Neu- und Umstrukturierung von Arbeitsverhältnissen auszusparen.

„So hat sich weitgehend unbeachtet etwa von Gewerkschaften, ein wissenschaftlich-unternehmerisches Netzwerk herausgebildet, in dem Methoden der kapitalistischen Menschwerdung – Unterwerfung als Freiheit – nicht nur ausgeheckt, sondern in der Arbeitswelt umgesetzt werden.“ (S.63)

Die Verfasser erweitern das Thema politisch auch bis auf die europäische Ebene. Sie beschreiben in aller Kürze die Entwicklung der letzten Jahre und analysieren dabei das sog. „Grünbuch Arbeitsrecht“, 2006 herausgegeben von der EU-Kommission. („Die EU solle die wettbewerbsfähigste Region der Welt werden.“ (S. 164)) ebenso wie die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen in den neuen Mitgliedsstaaten, bis zu umfangreichen indirekten und direkten Interventionen z. B. im Arbeits-, Tarif- und Sozialrecht. Das Ziel, schreiben die Autoren auf Seite 21, sei schließlich „die Auflösung der Gesellschaft in einen Markt aus freien, ungebundenen, […] flexiblen Individuen, die in ständiger Konkurrenz zueinander“ stehen.

Abgerundet wird das Buch durch 13 Personenportraits von wichtigen Akteuren auf diesem Feld, sowie neun Konfliktdarstellungen. Dabei reichen die kurzen Portraits von betrieblichen Auseinandersetzungen von Legoland, über TNT Post und UPS bis hin zu den Auseinandersetzung bei Neupack.

Entstanden ist dieses lesenswerte und anregende Buch aus den Vorarbeiten zur „Arbeitsunrecht in Deutschland“-Konferenz im Jahre 2009, sowie einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall von 2014. Dazu passend gibt es die Webseite http://arbeitsunrecht.de, wo viele weitere Beispiele angeführt sind, aber auch aktuellere Entwicklungen diskutiert werden. Betroffene können sich über diese Seite an den gleichnamigen Verein wenden und Unterstützung organisieren.

Beim Resümee jedoch schwächeln die Verfasser. Der Appell an das (Menschen-)Recht klingt, angesichts des unglaublichen Umfangs und des Aufwandes, angesichts der Akribie und des Eifers, den viele Unternehmen an den Tag legen, einigermaßen hohl und hilflos. Sie schreiben ja richtigerweise, dass hinter dem „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ tatsächliche Akteur*innen stecken, dass diese auch Namen und Gesichter haben, und fordern zum Kampf und Streik auf. Falsch ist beides nicht, es liegt aber so weit auseinander, dass ich dem eine Ebene der Auseinandersetzung, die vielleicht eher dazwischen liegt, hinzufügen möchte: Die Arbeit als Ort unserer alltäglichen Einspeisung von Können, Wissen und mannigfaltigen Erfahrungen in den Apparat von Verwertung, Konkurrenz und Selbstoptimierung ist eine hervorragende Möglichkeit, die Vielheit von Widerständigkeit, Renitenz, Selbstbehauptung und - aneignung zu diskutieren und auszuprobieren. Bis dahin: Bringen wir den Ärger, die Scheiße, die uns die Arbeit aufdrängt, wieder dorthin, wo sie jeden Tag neu reproduziert wird.

mattes

Werner Rügemer, Elmar Wigand:
Die Fertigmacher – Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbekämpfung
PapyRossa Verlag, Köln 2014, 238 Seiten, 14,90 EUR