Das falsche Schwein geschlachtet

In den letzten Kriegstagen 1945 ging es in Düsseldorf um widersprüchliche Ziele: Die Widerstandsgruppe „Aktion Rheinland“ wollte den Krieg beenden. Das galt auch für etliche Soldaten, die sich der Truppe entzogen. Und schließlich ebenso für Helferinnen und Helfer, die die „Fahnenflüchtigen“ versteckten.

Die Gegenseite war von zwei unterschiedlichen Vorstellungen geprägt. Eine Vorlage lieferte der „Führer“ Adolf Hitler am 19. März 1945 mit dem Nero-Befehl: „Alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören.“ Verantwortlich für die Umsetzung des Befehls waren die Gauleiter und Reichsverteidigungskommissare. In Düsseldorf: Friedrich Karl Florian. Die Realisierung des Befehls hätte die totale Zerstörung Düsseldorfs zur Folge gehabt. Die Militärs in Düsseldorf zeigten vorauseilenden Gehorsam. Noch vor dem Nero-Befehl wurde die Oberkasseler-Brücke („Skagerrak-Brücke“) am 3. März 1945 gesprengt, um den Vormarsch der US-Truppen zu stoppen.

Andere Nazischergen schauten – und das war die andere Variante von Zukunftsvorstellungen – über den politischen Tellerrand und gingen der Frage nach, wie Deutschland, Europa und die Welt nach Kriegsende neu geordnet werden könnten. Aus ihrer Sicht war es zwingend, die Truppe in einem kampffähigem Zustand zu halten, einen Separatfrieden mit den westlichen Alliierten zu schließen, um dann – für die Nazis: noch einmal – gemeinsam gegen den Bolschewismus zu marschieren und die Sowjetunion zu erobern. Diese verschiedenen Linien hinterließen in Düsseldorf ihre Spuren bis weit nach 1945, wobei es zwar durch die militärische Niederlage eine Zäsur gab, eine politische, ideologische und juristische aber zum Teil nur in sehr bescheidenem Ausmaß. Selbst in den Ministerien und Gerichten gab es eine Kontinuität der alten Nazi-Seilschaften.

In der Nacht zum 17. April, der Düsseldorf die Befreiung vom Faschismus brachte, wurden fünf Männer der „Aktion Rheinland“ ermordet: Theodor Andresen, Franz Jürgens, Karl Kleppe, Josef Knab und Hermann Weill. Sie wollten die führenden Nazis festnehmen und die Stadt friedlich den Amerikanern übergeben. Der Versuch wurde verraten, die fünf Männer wurden, ohne dass dem Exekutionskommando die Todesurteile vorlagen, ermordet.

Die friedliche Übergabe gelang dennoch, denn die führenden Nazis hatten sich inzwischen abgesetzt. Es war niemand mehr da, der die Befehle für den Exodus geben konnte. Der Polizeipräsident folgte seinem Führer nach Wallhall am 7. Juni durch Selbstmord.

Freisprüche

Am 5. März 1949 urteilte das Schwurgericht Düsseldorf: Es sprach die Täter frei, denn die Tötung der fünf Männer sei nicht rechtswidrig gewesen, weil es sich um „Meuterei“ gehandelt habe. Das Recht wurde dem Grundsatz „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“ untergeordnet. Die Richter und Staatsanwälte, die dieser „Rechtsphilosophie“ anhingen, waren in aller Regel schon vor dem 8. Mai 1945 in Amt und „Würden“. Eine andere Rechtsauffassung hätte sich zwingend gegen sie selber gerichtet. So nimmt es nicht Wunder, dass diese Rechtsanwälte und Richter, die vielfach für Todesurteile in der NS-Zeit verantwortlich waren, wegen dieser Verbrechen nie juristisch zur Rechenschaft gezogen wurden. Bis 1999 galten die Todesurteile gegen die Widerständler als rechtmäßig. Erst das „Gesetz zu Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile“ hob die Todesurteile auf.

So wie es den fünf ermordeten Männern, zu deren Gruppe auch die Überlebenden Aloys Odenthal und Karl August Wiedenhofen gehörten, um die Verkürzung des Krieges ging, so ging es ihren Mördern und auch der Soldateska um den Hauptmann a.D. August Kaiser und dem Feldwebel Adolf Stender von der „Heeresstreife Kaiser“ um seine Verlängerung.

Die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung, das Gericht, die Medien und die Prozessbeobachter erkannten, dass es bei dem Prozess gegen die Mörder der fünf Opfer aus der „Aktion Rheinland“, den Gauleiter Friedrich Karl Florian, Oberstleutnant der Polizei Karl Brumshagen, Revieroberleutnant der Polizei Heinrich Gesell und Düsseldorfs Polizeipräsident, SS-Brigadeführer August Korreng, nicht nur um den Umgang mit nationalsozialistischem Unrecht ging. Es ging – wenigstens am Rande des Spielfelds – um Weltpolitik, zumindest um die Absicherung einer erneuten Angriffsmöglichkeit gegen die Sowjetunion.

Die Angeklagten nahmen für sich in Anspruch, dass sie einen Separatfrieden mit den Amerikanern angestrebt hätten, die Düsseldorf längst in einen Kessel verwandelt hatten. Anschließend sollte es dann gemeinsam gegen die Sowjetunion gehen. Dieses Ziel erreichte Gauleiter Florian nicht mehr, er bleib seiner Gesinnung auch nach dem Krieg verhaftet. Ebenso seinem Ziel, Osteuropa neu zur kartieren. Beim Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) fand er Menschen, die wie er auf das „Dreigeteilt niemals!“ schworen. Florian starb am 24. Oktober 1975 in Düsseldorf-Mettmann.

Die Heeresstreife Kaiser hatte ihren Sitz in einem ansehnlichen Haus in der Benderstraße 80 in Gerresheim. Die Villa liegt direkt neben der evangelischen Grundschule, die 2003 nach der ehemaligen jüdischen Mitschülerin Hanna Zürndorfer benannt wurde. Die Familie Zürndorfer war von den Nazis bedroht. 1939 gelangte Hanna nach England. Ihr Vater Adolf wurde 1941 in das Ghetto Litzmannstadt verschleppt, wo er starb.

Ziel der Heeresstreife war es, zumal in der Kriegsendphase und in einer militärisch vollkommen aussichtslosen Situation, die Truppe mit brutaler Gewalt bei der Stange zu halten. Dafür mussten Köpfe rollen. Aus Gerresheim wurde der Grenadier Josef Funk (16.06.1908 – 22.03.1945) vom Alten Markt 5 ermordet. Er hatte sich von der Truppe abgesetzt und zu Hause versteckt, wurde gefasst und erschossen.

Else Gores (26) von der Oberbilker Allee 284 hatte zwei Soldaten versteckt, die sich ebenfalls dem „Endsieg“ verweigerten. Alle drei wurden von der Heeresstreife zum Eller Forst transportiert und ganz in der Nähe der „Waldschänke“ erschossen. Else Gores überlebte den Schuss in den Hals. Sie wurde in einem Gebüsch von Spaziergängern gefunden und in die „Waldschänke“ gebracht. Von dort aus sollte sie medizinisch versorgt werden. Abgeholt wurde sie aber von der Heeresstreife – und wurde nie wieder gesehen.

Heinrich Könn berichtete später für „Erlebtes und Erlittenes. Gerresheim unter dem Nationalsozialismus“: „Wenn man die Dreherstraße Richtung Torfbruchstraße ’runterging, musste sich jede Person ausweisen, denn dort stand Hauptmann Kaiser von der Keldenichstraße und kontrollierte. Der Vater meines Freundes Briese wurde nur 150 Meter von seiner Wohnung entfernt an Ort und Stelle erschossen. Er hatte sich nicht ausweisen können. Nach Kriegsende begegnete ich Kaiser mit seiner Frau und beschimpfte ihn massiv, doch er war mittlerweile schon einiges gewohnt.“

Der vielleicht bekannteste Mord der Heeresstreife war der an dem in der Naziklassifikation als „Halbjude“ geltenden Moritz Sommer aus der Linienstraße 19. Er hatte „Deserteure“ versteckt, war aufgeflogen und wurde von der Heeresstreife gefoltert und am 15. April 1945 am Oberbilker Markt zur Abschreckung aufgehängt. Das war zwei Tage vor Kriegsende. Am 14. April 2005 wurde eine Gedenktafel am Mordort aufgestellt, die aber im Laufe der Zeit mehr und mehr als Biertisch missbraucht wurde. In einem zweiten Anlauf wurde die Tafel zur Sicherheit an der Wand der Polizeiwache am Oberbilker Markt angebracht.

Die Mörder wurden zum Teil freigesprochen, weil ihnen nicht nachgewiesen werden konnte, dass sie als Person gehängt oder geschossen hatten. Es wurde auch „argumentiert“, dass „der Führer“ befohlen habe und man sich in einem Befehlsnotstand befunden habe. Kaiser bekam am 28. Januar 1949 fünf Jahre Zuchthaus. Anders traf es den Feldwebel Adolf Stender aus der Heeresstreife. Er wurde zum Tode verurteilt. Das 1949 beschlossene Grundgesetz verbot allerdings die Todesstrafe. Somit blieb nur noch die Zuchthausstrafe: 10 Jahre. Aber auch der Mörder Stender erhielt breite Solidarität, und es gab viele Gesuche, Gnade walten zu lassen. Der Fall wurde neu aufgerollt, und am 1. Juni 1950 wurde das Strafmaß auf fünf Jahre reduziert. Zu seiner Entlastung hatte das Gericht einen „Überreizungszustand seines zentralen Nervensystems“ erkannt.

Da Stender inzwischen die katholische Religion als Heil erkannt hatte und konvertiert war, setzte sich auch der Gefängnispfarrer für ihn ein. Ministerpräsident Karl Arnold (CDU) lehnte ein Gnadengesuch von 1953 „als verfrüht“ ab. Am 10. Dezember 1955 knickte er dann doch ein. 1956 war Stender frei. Letztlich geholfen haben mag die Intervention des Kölner Erzbischofs, Joseph I. Kardinal Frings (1887-1978), der für den geläuterten Mörder und Neu-Katholiken Stender sowie drei weitere Mörder aktiv geworden war. Kaiser kam bereits am 3. Dezember 1954 auf Bewährung frei.

Go East II

Die rechtslastige ideologische Gemengelage der Düsseldorfer Justiz in der Nachkriegszeit entsprach den Versatzstücken aus der NS-Ideologie, dem damals aktuellen Antikommunismus. Sie wurde bei Tätern*innen, Verteidiger*innen, Staatsanwält*innen und Richter*innen aber auch aus anderen Quellen gespeist, die sich auch auf die Zeit vor 1945 bezogen. So korrigierte Winston Churchill seine positive Meinung über Stalin von 1942, indem er bei einem Vergleich zwischen Stalin und Hitler feststellte: „Wir haben das falsche Schwein geschlachtet.“ Churchill am 26. Januar 1949 im Parlament: „Ich glaube, dass der Tag kommen wird, an dem alle zweifelsfrei erkennen werden – und nicht nur die eine Seite dieses Hauses – sondern die gesamte zivilisierte Welt, dass es eine unermessliche Segnung für die Menschheit gewesen wäre, den Bolschewismus schon bei seiner Geburt erdrosselt zu haben.“

Am 20. August 1943 trafen sich Churchill und Roosevelt sowie die Stabschefs der USA und Großbritanniens in Quebec. Besprochen wurde, ob es möglich sei, aus der Anti-Hitler-Koalition auszutreten und ein Bündnis mit den Nazigeneralen zu schmieden, um einen gemeinsamen Krieg gegen die Sowjetunion zu führen. Schon 1919 hatte Churchill in einem Gespräch mit General Alexander Pawlowitsch Kutepow (Weiße Armee) erwogen, die junge Sowjetunion zu erwürgen. Auch hier ging es um den Zugang zum Erdöl in Transkaukasien. Premierminister Neville Chamberlain: „Wenn es London nicht gelingt, einem Abkommen mit der Sowjetunion auszuweichen, darf die britische Unterschrift darunter nicht bedeuten, dass im Falle eines Überfalls der Deutschen auf die UdSSR die Briten dem Opfer der Aggression zu Hilfe kommen und Deutschland den Krieg erklären.“ Im Rahmen der Appeasement-Politik traf er sich im September 1938 bei der Münchener Konferenz mit Hitler und Mussolini. Vorbild 1918: amerikanische und englische Truppen unterstützten in der Sowjetunion (Archangelsk) die konterrevolutionäre Weiße Armee.

Ein erneuter Einmarsch in die Sowjetunion statt Zuchthaus mag wohl der Traum gewesen sein von Kaiser, Stender, Florian und Konsorten, und diese Allmachtsphantasien speisten sich durchaus aus Realitätselementen. So gab es 1946(!) die so genannte Zone F zwischen Flensburg und Hamburg. Dietrich Kittner schrieb, dass dort „eine strukturell völlig intakte deutsche Armee stand, Gewehr bei Fuß, bzw. Waffen ‚eingelagert’.“ Die deutschen Offiziere trugen weiterhin ihre Waffen. Diese Zone F gehörte zum 8. CORPS DISTRICT der britischen Besatzungsarmee. Die zunächst 750.000 Soldaten, später 570.000 deutschen Soldaten in der Zone F galten als „Frozen Personnel“. Aus der Zone G, ebenfalls in Schleswig-Holstein, kamen noch 410.000 Soldaten dazu. Deutsche Generäle leiteten die sechs Abschnittskommandos mit jeweils 100.000 Mann. Die Reste der Wehrmacht wurden am 20. August 1946 aufgelöst.

Ein Ex-Nazi, der seine höchste politische Stufe 1966 auf der Karriereleiter mit der Vereidigung als Ministerpräsident von Baden-Württemberg erklomm, war der Marinerichter Hans Filbinger (1913-2007). Er könnte wohl als Bruder im Geiste von Florian und anderen Mördern betrachtet werden. Filbinger trug das Parteibuch der NSDAP, er war „Hitlers Marinerichter“ (Rolf Hochhuth). Filbinger hatte Todesurteile gefordert. Er vollstreckte sie auch. In seinem Fokus standen wie bei Kaiser die Deserteure. Im Gegensatz zu Kaiser, der nicht erst verhandelte, sondern gleich schoss, umgab sich Filbinger zusätzlich mit dem Schein des Rechtspositivismus.

Wie die Nazi-Verbrecher in Düsseldorf blieb auch Filbinger nach 1945 gesinnungsaktiv: In einem britischen Gefangenenlager riss sich der Kriegsgefangene Kurt Olaf Petzold die Hakenkreuze von seiner Kleidung. Petzold: „Ihr habt jetzt ausgeschissen. Ihr Nazihunde, Ihr seid Schuld an diesem Krieg.“ Filbinger verurteilte ihn dafür als praktizierender(!) Marinerichter am 1. Juni 1945 (Kapitulation war am 8./9. Mai) zu sechs Monaten Gefängnis. Als Begründung wurden ein „hohes Maß von Gesinnungsverfall“ und „Gefahr für die Manneszucht“ genannt. Der „Spiegel“ zitierte ihn am 15. Mai 1978: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Franz-Josef Strauß ergänzte sein Rechtsverständnis am 29. Juli 1978, „mit Ratten und Schmeißfliegen führt man keine Prozesse“. Zu seinem Rücktritt am 7. August 1978 flocht sich Filbinger noch einen Heiligenschein: „Dies ist die Folge einer Rufmordkampagne, die in dieser Form bisher in der Bundesrepublik nicht vorhanden war. Es ist mir schweres Unrecht angetan worden. Das wird sich erweisen, soweit es nicht bereits offenbar geworden ist.“ 1979 wurde Filbinger zum Ehrenvorsitzenden der CDU Baden-Württemberg ernannt.

In Düsseldorf sind die Anhänger*innen von Kaiser, Stender, Florian & Co. im Schutze von Polizei und Justiz jeden Montag weiterhin aktiv...

Uwe Koopmann


8. Mai 1945 – KEIN VERGESSEN

siehe auch folgende Artikel in dieser Ausgabe:
8. Mai 1945 – Tag der Befreiung – Was sonst !?
Auf den Spuren der Resistenza (Teil I)
„Geschenkt wurde uns nichts“
Von Majdanek und Buchenwald zur Mühlenstraße