„Geschenkt wurde uns nichts“

Im April 1945 befreiten italienische Antifaschist*innen zusammen mit den Alliierten Italien vom Faschismus. Der Dokumentarfilm „Geschenkt wurde uns nichts“ macht die Stimmen von Zeitzeuginnen hör- und sichtbar, deren ganz persönliche Erinnerungen an die Zeit des bewaffneten Widerstands ein wichtiges, hierzulande bis heute kaum wahrgenommenes Kapitel im Buch der Großerzählung vom italienischen Antifaschismus schreibt: Partisaninnen, Frauen in der Resistanza.

In den Bergen Norditaliens war im April 1945, vor nunmehr 70 Jahren, der Zweite Weltkrieg vorbei. Die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen der Resistenza hatten an der Seite der Alliierten dem italienischen Faschismus unter Mussolini und der Besatzung Norditaliens durch die deutsche Wehrmacht, durch SS und Polizei-Einheiten ein Ende gemacht. Heute, 2015, feiern antifaschistische Organisationen wie etwa die 1944 gegründete Partisan*innen-Vereinigung ANPI (Associazione Nationale Partigiani d’Italia) den 25. April als „70° anniversario della liberazione“, als Jahrestag der Befreiung. Sie ehren die Widerstandskämpfer*innen und erinnern an die von den Nazis ermordeten Zivilist*innen.

Ohne Gerechtigkeit kein Frieden!

Im offiziellen, staatlichen Gedenken der deutsch-italienischen Diplomatie-Inszenierung kommt die Resistenza nicht vor. Und über die Nazi-Morde herrscht seitens der bundesdeutschen Außenpolitik bis heute peinlich-verklausuliertes Gemurmel von Schuld und von der Bürde, die Verbrechen von Nazis mit den Mitteln einer eng gefassten Strafjustiz ahnden zu müssen. Der Topos der Rechtsstaatlichkeit, die mit ihren Strafverfolgungsinstrumenten an Regeln gebunden sei, die es zu akzeptieren gelte, ist hier – wieder mal (TERZ 06.14) – vor allem aus dem Munde des bundespräsidialen Geschichtsklitterers Joachim Gauck die Zauberformel für weißgewaschene Geschichtspolitik.

Dieser Zynismus betrifft etwa auch die Ermittlungen gegen Angehörige der 16. Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“, die am 12. August 1944 im toskanischen Bergdorf Sant‘ Anna di Stazzema 560 Zivilist*innen ermordeten. Die 2005 von einem italienischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilten „Mörder“ (!) von Sant‘ Anna wurden von der BRD nicht ausgeliefert. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hingegen stellte 2012 die Ermittlungsverfahren ein. Eine Bestrafung wäre nämlich nur bei dem nie verjährenden Tatbestand „Mord“ möglich gewesen. Und „Mord“ mit den entsprechenden „niederen Beweggründen“ wollten die Richter*innen den Tätern nicht unterstellen: Sie (wie der inzwischen verstorbene Horst Richter aus Krefeld) seien doch nur willenlose Befehlsempfänger gewesen. Bundespräsident Joachim Gauck sprach bei seinem offiziellen Gedenktermin in Sant‘ Anna di Stazzema im März 2013 davon, dass die Hinterbliebenen – „wir“, wie er übergriffig sich selbst und die deutsche Gesellschaft in das Trauern um die Ermordeten einschloss – wie zum Ersatz mit einem moralischen Begriff von Schuld urteilen sollten. Oder mit anderen Worten, verkürzt formuliert: die Nazis, die Deine ganze Familie ausgelöscht haben, kannst Du ganz privat in die Hölle wünschen, der Rechtsstaat wird ihre Taten nicht ahnden, deine Trauer nicht anerkennen. Gauck salbaderte derweil in üblichem Gestus von Brüderlichkeit und dem „Wunder der Versöhnung“. Derweil wehte die deutsche Fahne über dem Gedenkort – symbolpolitisch eine bodenlose Frechheit und ein Schlag ins Gesicht aller, die gegen den Faschismus gekämpft haben, seinen Mördern begegneten, ihre Massaker überlebten – und heute nichts mehr als Gerechtigkeit fordern.

„Den Frauen hat niemand etwas geschenkt“

Um Gerechtigkeit und um Freiheit ging es auch den Partisaninnen und Partisanen, die in Italien für die Befreiung vom Faschismus kämpften. Der bewaffnete Kampf gegen Nazis und italienische Faschisten war ihr Widerstand, war ihr Weg zur Gerechtigkeit. Und mit der Befreiung Italiens am 25. April 1945 war das Ende der Geschichte noch lange nicht erreicht. Denn die Resistenza stand in aller Vielfalt auch für eine emanzipatorische Politik sozialer Kämpfe, hatte kommunistische oder anarchistische Wurzeln und Ziele, verband den konkreten Befreiungskampf gegen den Faschismus mit dem Kampf um soziale Gerechtigkeit.

Um Emanzipation und Gerechtigkeit ging es in der Resistenza aber auch auf einer anderen Ebene. Denn gemeinsam mit Männern kämpften auch Frauen in den Partisanen-Einheiten, als bewaffnete Kämpferinnen oder als sogenannte Stafetten. Sie transportierten Lebensmittel und Kleidung, Waffen und Munition von den Tälern in die Berge, nahmen Nachrichten mit und bildeten nicht zuletzt die überlebenswichtige Infrastruktur des bewaffneten Kampfes. Wer heute in Norditalien ein Mueso de la Resistenza besucht, wird erstaunt feststellen, wie viele Frauen im Widerstand waren – und in welcher Stärke und Klarheit ihre Stimmen heute in den dortigen Museen bisweilen repräsentiert sind. Doch das ist noch nicht lange so. Und hierzulande sind ihre Geschichten immer noch nahezu unbekannt.

Genau darum ist ein Dokumentarfilm von 2014 so bemerkenswert. Hier erzählen drei Frauen aus der Reggio Emilia ihre ganz persönliche Geschichte von der Resistenza. Dabei stellen sie Fragen und Beobachtungen in den Raum, die zweifellos bisher auch unterhalb des Aufmerksamkeitsradars linker, antifaschistischer Geschichts-Arbeit geblieben sind: Was waren es für Geschlechter-Rollen, in denen die Partisaninnen steckten? Wie sahen hier emanzipatorische Prozesse aus? Was machen Widerstand und bewaffneter Befreiungskampf mit der „Ordnung der Geschlechter“? Und was bedeutete ihre Zeit in der Resistenza für die Frauen nach dem Krieg? Welche Freiheit war es, für die in den Bergen und in den Diskussionsrunden im Tal gekämpft wurde? Auch die Freiheit als Frau und Kämpferin? So begleitet der Filmautor Eric Esser die Partisanin Annita Malavasi im Gespräch mit zwei ihrer Genossinnen, in Erinnerung an ihren Eintritt in die Resistenza, an die Gründe für ihre Entscheidung, sich als Partisanin dem bewaffneten Kampf anzuschließen und nicht zuletzt: in ihren Gedanken über die Konfrontation mit einer männlich dominierten Gesellschaft, die auch die Resistenza mit den Augen des Patriarchats auszuleuchten und zu beurteilten sucht.

„Annita Malavasi und ihre ehemaligen Kampfgefährtinnen haben viel zu erzählen“, schreibt die Autorin Ingrid Strobl in ihrer Filmrezension. Sie sprechen „sehr aufrecht, selbstbewusst, mit einem herben Humor und mit Schmerz in den Augen. Alte Frauen, deren Mut und Engagement im Widerstand gegen die deutsche Besatzung nie adäquat gewürdigt wurden. Auch nicht von den Genossen.“ Wir wollen ihnen zuhören.

9. Mai 2015, 15 Uhr
Matinee-Vorführung
anschließend Filmgespräch mit Regisseur Eric Esser (Berlin)
Metropol-Kino, Brunnenstraße 20
Eintritt 8 bzw. 6 Euro (mit Gilde-Pass)

Eine Veranstaltung von gruppe_f, i furiosi (Interventionistische Linke) und SJD – Die Falken Düsseldorf


8. Mai 1945 – KEIN VERGESSEN

siehe auch folgende Artikel in dieser Ausgabe:
8. Mai 1945 – Tag der Befreiung – Was sonst !?
Das falsche Schwein geschlachtet
Auf den Spuren der Resistenza (Teil I)
Von Majdanek und Buchenwald zur Mühlenstraße