Von Majdanek und Buchenwald zur Mühlenstraße

In den Gerichtssaal der Mörder*innen kommt gehobene Gastronomie

Das Landgericht (LG) in Düsseldorf mit seinem damaligen Sitz an der Mühlenstraße 34 (bis 2009) wurde ab dem 26. November 1975 dafür bekannt, dass es keine Gerechtigkeit in einem Prozess gegen die Mörder*innen aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek schaffen würde. Am 30. Juni 1981 sprachen die Richter*innen das Urteil. Für den tausendfachen Mord gab es acht Gefängnisstrafen, davon einmal lebenslang für Hermine Braunsteiner-Ryan, und fünf Freisprüche „aus Mangel an Beweisen“.

Noch besser kam der Stabsscharführer der Waffen-SS, Wolfgang Otto, vor dem Landgericht LG Düsseldorf davon. Er war angeklagt wegen Mordes am KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann. Otto war 1933 in die SS eingetreten und Mitglied der NSDAP. Im KZ Buchenwald war er im SS-Totenkopf-Sturmbann. Bis zum 11. April 1945 leitete er die Kommandanturschreibstube. Otto leitete zudem das Kommando 99 bei Exekutionen. Achtmal schoss er. Bei 35 Erhängungen führte er Protokoll. Im „Pferdestall“ wurden 7.000 bis 8.000 sowjetische Kriegsgefangene durch Genickschuss getötet. Für die Exekutionskommandos besorgte er Zigaretten, Kaffee und Würstchen – nach den Hinrichtungen.

Vor 30 Jahren, am 15. Mai 1986, wurde Otto von der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Krefeld wegen Beihilfe zum Mord an Ernst Thälmann schuldig gesprochen. Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofes kassierte jedoch das Krefelder Urteil am 25. März 1987. Otto kam nun vor das Düsseldorfer LG, das ihn am 29. August 1988 freisprach.

1962 war erneut durchgesickert, dass der katholische Religionslehrer an Verbrechen in Buchenwald beteiligt war. Es folgten in 25 Jahren sieben Ermittlungsverfahren gegen Otto. Er wurde aus dem Schuldienst genommen, in den Ruhestand versetzt und mit einer Pension von 1.700 DM bedient.

Vor dem Gerichtseingang an der Mühlenstraße, aber auch im Gerichtssaal selber, gab es laute Proteste.

Jürgen Schuh, Sprecher der Düsseldorfer VVN-BdA, war damals aktiver Augenzeuge. Er erinnert sich:

„Am Morgen des 31. Juni 1981 waren wir (im Nadelstreifen unauffällig gekleidet, die Genoss*innen hatten die Transparente unter den Kostümen) zur Urteilsverkündung im großen Gerichtssaal anwesend. Werner Stertzenbach (ehemaliger Häftling im KZ-Westerbork und Widerstandkämpfer) hatte als Journalist den Majdanek-Prozess begleitet und informiert, dass Freisprüche zu erwarten seien. Drei ältere elegante Damen neben mir (offensichtlich der Faschistenszene zugehörig) fanden mich sehr sympathisch.

Richter Bogen betrat mit den Angeklagten den Saal. Nach den ersten Freisprüchen ‚im Namen des Volkes’ stand ich neben den entsetzten Damen auf dem nächsten Tisch und erklärte: ‚Im Namen des Volkes erkläre ich dieses Gericht für abgesetzt!’

Tische und Stühle fielen um, als mich die Saaldiener vom Tisch zerren wollten. Richter Bogen flüchtete mit den Angeklagten in ein Hinterzimmer. Während des allgemeinen Handgemenges war einer der Fernsehjournalisten, die vor der Tür warteten, runter zur Mühlenstraße gerannt und hatte unsere Leute informiert. Es dauerte nur Sekunden, bis ca. 250 Genoss*innen – an der hilflosen Polizei vorbei – das Gericht stürmten. Dann flogen die Flügeltüren im Gerichtssaal auf, und wir hatten den Saal voll in der Hand. Nach kurzer spontaner Protestkundgebung verließen wir dann organisiert an der sprachlosen Polizei vorbei das Gebäude. Als wir mit 250 Antifaschist*innen durch das palastartige Treppenhaus zogen und das Moorsoldatenlied intonierten, klirrten bei den Zeilen ‚Dann zieh’n die Moorsoldaten, nie mehr mit dem Spaten, ins Moor!’ sämtliche Fensterscheiben, aber keine ging zu Bruch. So was hatte es in der Mühlenstraße noch nie gegeben. Abgeschlossen wurde die ganze Aktion mit einer Gedenkkundgebung vor dem Gebäude der ehemaligen Synagoge in der Kasernenstraße.“

In der Mühlenstraße, wo im ehemaligen Stadthaus – genau gegenüber vom ehemaligen Gerichtsgebäude – jetzt das Medici-Hotel mit höchstem Anspruch residiert, wird es in Zukunft „hochwertige Gastronomie“ geben. Aber nur im Erdgeschoss. Die Frankonia Eurobau AG plant nach eigenen Angaben sieben bis acht Einheiten. Gesamtfläche: 3.000 Quadratmeter.

Noch etwas feiner wird es im ehemaligen Foyer des Gerichts, das sich in eine Art Hotellobby verwandeln soll. Auf der anderen Seite, an der Neubrückstraße bekommt Mutter Ey ein Denkmal von Bert Gerresheim. Es gibt eine Galerie, ein Café.

Insgesamt behält das Gerichtsgebäude seinen Klassencharakter. Die Kaltmieten beginnen bei 12 bis 13 Euro. Kaufen ist möglich: 4.500 Euro bis 16.000(!) Euro pro Quadratmeter. Bei einem Domizil von 280 Quadratmetern muss eine Oma lange stricken, um das Geld bei der Frankonia einzahlen zu können.

Frei nach Heinrich Zille: Man kann einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt. Wenn das Mordwerkzeug eine Wohnung ist, dann trifft das Zitat sicherlich nicht für die noblen Wohnungen an der Mühlenstraße zu. Es bleibt vielleicht eher die Frage, ob es denn Mörder gibt, die an anderer Stelle der Erkenntnis des grandiosen Grafikers und Malers Zille gerecht werden. Über den Säulen im Eingangsbereich (Säulenportikus) des alten Gerichtsgebäudes thronen in Überlebensgröße Figuren, die Tugenden von Richter*innen darstellen sollen: Gerechtigkeit, Besonnenheit, Großmut, Klugheit, Mut und Frieden. Die Arbeiten Hubert Netzers, Bildhauer-Lehrer an der Kunstakademie, entstanden um 1923. Hitler probte zu der Zeit mit dem „Marsch zur Feldherrnhalle“ bereits den Aufstand. Zehn Jahre später kam Hitler an die Macht, baute Konzentrationslager wie Buchenwald und Majdanek. – Und an dem Ort, wo Gerechtigkeit sein sollte, entsteht nun hochwertige Gastronomie. À votre santé!

Uwe Koopmann


8. Mai 1945 – KEIN VERGESSEN

siehe auch folgende Artikel in dieser Ausgabe:
8. Mai 1945 – Tag der Befreiung – Was sonst !?
Das falsche Schwein geschlachtet
Auf den Spuren der Resistenza (Teil I)
„Geschenkt wurde uns nichts“