Auf den Spuren der Resistenza

Antifaschistischer Widerstand in Italien vor und nach 1945

Teil I – Die verratene Resistenza

Dieser zweiteilige Artikel beleuchtet die Geschichte der italienischen Resistenza. In dieser Ausgabe stehen die Widersprüche zwischen der kommunistischen Parteiführung und ihrer revolutionären Basis im Mittelpunkt. Der zweite Teil wird die Kontinuität dieses Widerspruchs in der Entstehung der sozialen Bewegungen und der bewaffneten Gruppen der 1960er und 1970er Jahre beschreiben.

Anders als in Deutschland, wird in Italien bereits am 25. April der Tag der Befreiung vom Faschismus gefeiert. Mit dem anderen Datum geht auch eine andere Geschichte einher. Vor 70 Jahren am 25. April 1945 begann in Norditalien ein großer bewaffneter Aufstand von Partisan*innen und lokaler Bevölkerung. Noch am gleichen Tag wurde Mailand befreit, zwei Tage später kapitulierten 7.000 Wehrmachtssoldaten in Genua vor den Partisanen-Einheiten, auch Bologna, Modena, Turin, Bergamo und Venedig erlebten das Ende des Faschismus durch einen bewaffneten Aufstand. Während die alliierten Streitkräfte seit ihrer Landung in Sizilien und Süditalien 1943 die deutschen Streitkräfte langsam, aber stetig in Richtung Norden zurückdrängten, entstand in Norditalien ein blutiger Bürgerkrieg. Einheiten der Wehrmacht und SS verübten grausame Massaker an der Zivilbevölkerung als Vergeltung für Partisanen-Aktionen. Den deutschen Besatzern und italienischen Faschist*innen stand das antifaschistische Bündnis Comitato di Liberazione Nazionale (CLN, Komitee für die Nationale Befreiung) gegenüber, in dem sich liberale, katholische, radikaldemokratische, sozialistische und kommunistische Parteien unter einer gleichberechtigten gemeinsamen Führung vereinten. Die stärkste Kraft in dem Bündnis stellten die militärischen Partisanen-Einheiten der kommunistischen Partei PCI dar. Die erfolgreiche Befreiung Norditaliens noch vor Eintreffen der Alliierten sorgte in der ganzen Gesellschaft, vor allem aber bei den sozialistischen und kommunistischen Partisan*innen für ein neues Gefühl von Stolz und Hoffnung. Gerade für die militante Basis von PCI und PSI (Italienische Sozialistische Partei) war der Kampf mit dem militärischen Sieg über den Faschismus noch lange nicht zu Ende. Für sie galt es, die Wurzeln des Faschismus zu überwinden und die antifaschistische Befreiung in eine sozialistische Revolution weiterzuentwickeln. Sie konnten sich dabei auf eine starke Arbeiterbewegung stützen, die seit 1943 den Befreiungskampf mit massenhaften Streiks und Sabotageakten u.a. in der Rüstungsindustrie unterstützt hatte, aber auch auf die lokalen antifaschistischen Befreiungskomitees, die in den befreiten Städten die Verwaltung übernommen und aufgebaut hatten. Ein entscheidender Faktor waren natürlich die bewaffneten Partisanen-Truppen, die entgegen den Forderungen der Alliierten zu einem großen Teil ihre Waffen behielten. Es erschien ihnen als selbstverständlich, dass die Fabriken, Unternehmen und Ländereien der mit dem Faschismus über 20 Jahre hinweg verbündeten Kapitalisten und Großgrundbesitzer enteignet werden müssten.

Die Strategie des PCI

Den revolutionären Zielen der kommunistischen Basis widersprachen nicht nur liberale und katholische Kräfte, sondern auch die eigene Parteiführung. 1944 war der Generalsekretär des PCI, Palmiro Togliatti, aus seinem Exil in der Sowjetunion zurückgekehrt. Unter der rigiden Kontrolle Stalins und der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) hatte die internationale kommunistische Bewegung ihre frühere strikte Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie abgelegt und fokussierte sich jetzt auf breite Volksfrontbündnisse gegen den Faschismus. Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 hatte sich Stalin außerdem mit den Westalliierten auf eine Aufteilung Europas in westliche bzw. sowjetische Einflusszonen geeinigt. Italien war ebenso wie Griechenland der westlichen Einflusszone zugeteilt. Als nach der Befreiung Griechenlands 1944 ein Bürgerkrieg zwischen der nationalistischen Rechten und den revolutionär orientierten kommunistischen Partisan*innen begann, unterstützten britische Streitkräfte massiv die antikommunistischen Einheiten, während Stalin gemäß den Vereinbarungen von Jalta auf eine Intervention verzichtete. Für die griechischen Kommunist*innen endete der Bürgerkrieg 1949 mit einer vernichtenden Niederlage, die für Togliatti ein mahnendes Beispiel war. Er wusste, dass sich Stalin auch im Fall eines revolutionären Aufstands in Italien nicht einmischen würde und hielt angesichts der starken militärischen Präsenz US-amerikanischer und britischer Truppen jegliche bewaffnete Erhebung für aussichtslos. Gleichzeitig hielt Togliatti aber ohnehin die italienische Gesellschaft insgesamt noch nicht reif genug für einen revolutionären Umsturz. Er versuchte sich an Antonio Gramsci zu orientieren, seinem Vorgänger an der Spitze des PCI. Gramsci hatte festgestellt, dass der Klassenstaat sich eben nicht nur durch Repression und Terror an der Macht halten konnte, sondern auch durch seine Fähigkeit, einen Konsens in weiten Teilen der Gesellschaft zu erzielen. Für Togliatti war eine Revolution unmöglich, solange es dem PCI nicht gelang, diesen Konsens zu brechen und weite Teile der Intellektuellen, der Mittelschichten und der katholischen Basis der christdemokratischen Partei auf die eigene Seite zu ziehen. Dieses Ziel könne nur durch eine langfristige gesellschaftliche Verankerung und den Kampf um Reformen in breiten Bündnissen geschehen. Der „italienische Weg zum Sozialismus“, wie ihn Togliatti später ausformulierte, sollte nicht über einen revolutionären Umsturz, sondern durch den Wahlsieg eines breiten linken Blocks erfolgen.

Die verratene Resistenza

Unter Togliattis Führung agierte der PCI äußerst moderat und trat in die neue Regierung ein, die sich aus den antifaschistischen Parteien des CLN zusammensetzte. In den darauffolgenden Jahren stellte sich in den Wahlen die christdemokratische Partei Democrazia Cristiana (DC) als stärkste politische Kraft heraus, in der neben einem linkskatholischen Flügel vor allem Fraktionen des Kapitals und der süditalienischen reaktionären Großgrundbesitzer den Kurs bestimmten. Der PCI versuchte der DC gegenüber eher einen Weg der Kooperation als der Konfrontation einzuschlagen. Die Bemühungen des PCI konzentrierten sich darauf, in die neue Verfassung möglichst fortschrittliche Inhalte einzuarbeiten und ansonsten Wirtschaft und Gesellschaft wiederaufzubauen.

In seinem ständigen Bemühen um Kompromisse ging Togliatti schließlich auch auf Forderungen des italienischen Königs (Italien wurde erst kurze Zeit später durch ein Referendum zur Republik) und der Christdemokrat*innen um einen Ausgleich im Umgang mit dem Faschismus ein. 1946 erließ er in seiner Funktion als Justizminister eine Amnestieregelung, die dafür sorgte, dass ein Großteil der verurteilten Faschist*innen aus dem Gefängnis entlassen wurde. Für die ohnehin unzufriedenen kommunistischen Partisan*innen brachte diese Entscheidung das Fass zum Überlaufen. 500 von ihnen gingen bewaffnet in die Berge um Turin. Zahlreiche Partisan*innen-Gruppen führten fort, womit sie in den ersten Tagen nach der Befreiung angefangen hatten. Sie nahmen die Bestrafung der Faschist*innen in die eigene Hand, organisierten eigene Gerichtsverfahren und vollstreckten die gesprochenen Urteile mit zahlreichen Hinrichtungen. Gleichzeitig bekämpften sie die sich reorganisierenden faschistischen Milizen durch Anschläge und Attentate. Der PCI verurteilte dieses Vorgehen öffentlich und intern scharf, half aber andererseits einigen Partisan*innen, sich dem Zugriff der sie hart bekämpfenden Polizeieinheiten zu entziehen. Die unruhigen Nachkriegsjahre fanden im Juli 1948 ihren Höhepunkt und vorläufigen Abschluss, nachdem ein rechter sizilianischer Student am 14. Juli ein Attentat auf Togliatti verübte. Die Basis von PCI und PSI, mittlerweile aus der Regierung ausgeschlossen, sah den Anschlag als Beginn eines Angriffs von Regierung und reaktionären Kräften auf die Linke, als Anfang eines Bürgerkriegs und schlug zurück. Es folgte noch am gleichen Tag ein Generalstreik, an dem sich mehrere Millionen Arbeiter*innen beteiligten. Viele Partisan*innen holten ihre versteckten Waffen wieder hervor und gingen auf die Straße. In Genua, Turin und Venedig errichteten Militante mit Maschinengewehren bestückte Barrikaden, stürmten Polizeistationen und erbeuteten gepanzerte Wagen. Verkehrsknotenpunkte wurden blockiert, zentrale Gebäude für Infrastruktur und Kommunikation besetzt. Aber noch vom Krankenbett aus rief der schwer verletzte Togliatti zur Demobilisierung auf, die kommunistische Parteiführung folgte ihm und die Erhebung flaute nach zwei Tagen ab. Die Regierung antwortete mit der Verhaftung von 90.000 Militanten, die sich an den Unruhen beteiligt hatten. Der Juli 1948 war das Ende der Resistenza-Zeit, in der es nicht nur um die nationale Befreiung vom Faschismus ging, sondern auch um einen inneritalienischen Klassenkrieg. Es überlebte eine unzufriedene dissidente kommunistische Strömung von Ex-Partisan*innen, die von einer durch die Parteiführung „verratenen Resistenza“ sprachen. Die folgenden Jahre über war von ihnen nicht mehr viel zu sehen oder zu hören, aber sie behielten ihre Waffen in geheimen Verstecken, in der festen Überzeugung, sie eines Tages noch zu benötigen.

Der zweite Teil des Artikels erscheint in der folgenden TERZ-Ausgabe.


8. Mai 1945 – KEIN VERGESSEN

siehe auch folgende Artikel in dieser Ausgabe:
8. Mai 1945 – Tag der Befreiung – Was sonst !?
Das falsche Schwein geschlachtet
„Geschenkt wurde uns nichts“
Von Majdanek und Buchenwald zur Mühlenstraße