Es war einmal:
Trotzkismus in Düsseldorf

Zwischen 1969 und 1986 arbeitete die trotzkistische „Gruppe Internationale Marxisten“ an der sozialistischen Revolution. Als deutsche Sektion der IV. Internationale wurde in den Ortsgruppen, so auch in Düsseldorf, daran gefeilt, über die gründliche Analyse zur richtigen Praxis zu gelangen.

Die Idee war wie eh und je, den Kapitalismus durch die proletarische Revolution zu überwinden. 1951 wurde auf dem Weltkongress der IV. Internationale der „Entrismus“ als Taktik vereinbart: Die Gesellschaft sollte von innen heraus auf den langen Weg der „permanenten Revolution“ gebracht werden. In Deutschland wollten trotzkistische Keimzellen in Parteien, zuvörderst in der SPD, die damals als Arbeiterpartei galt, und in Betrieben bei den Arbeiter*innen das nötige Klassenbewusstsein sprießen lassen. In BRD-Wirtschaftswunderzeiten gelang das nicht ohne Weiteres. Als die Gruppe Internationale Marxisten (GIM) sich 1969 formierte, blieben die Arbeiter*innen dennoch im Fokus. Düsseldorf wurde dabei als wichtiger Ballungsraum eingestuft, schließlich sei „durch die klassenpolitische Bedeutung (...) die Situation an Rhein und Ruhr Gradmesser für den Entwicklungsstand der Gesamtorganisation.“ Die Protokolle von Mitgliederversammlungen, die Korrespondenzen und Manuskripte der Ortsgruppe (OG) erzählen, wie über die Jahre mit großen Portionen Überzeugung und Opposition teilweise bis zur Erschöpfung gewirkt wurde. Viel Energie wurde in den Spagat zwischen dem Agitieren entlang der Programmatik der IV. Internationale („Einheit nach außen!“) und einer autarken internen Diskussionskultur investiert. Die Mitglieder unterwarfen sich einer Parteidisziplin, konnten aber Fraktionen (in GIM-Sprech: Tendenzen) bilden, um Minderheitsmeinungen nicht versickern zu lassen. So opponierte die trotzkistische GIM dem Autoritätsapparat stalin’scher Prägung. Dass sie hiermit auch real existierende sozialistische Systeme und deren Befürworter*innen kritisierte, wurde als verräterisch, gar als konterrevolutionär empfunden. Nicht nur deswegen kam es zu Reibungen (z.T. im wörtlichen Sinne!) mit anderen kommunistischen oder linksradikalen Gruppierungen.

Das Widersprüchliche vereinen: Demokratischer Zentralismus

Angesichts der überschaubaren Mitgliederzahlen sind die Organisationsstrukturen, die die GIM jahrelang unterhielt, bemerkenswert. Zu ihren Hochzeiten Mitte der 1970er Jahre waren 600 Menschen ordentliches Mitglied, später mäanderte die Zahl jedoch entlang der 300. In den rund 25 OGs waren durchschnittlich nur 5-20 Menschen aktiv. Nach einer sechsmonatigen Kandidat*innenzeit wurde als Mitglied akzeptiert, wer „sein sozialistisches Bewußtsein und revolutionäre Aktivität unter Beweis gestellt hat“. Der demokratische Zentralismus, dem sich die GIM verschrieb, wollte die strenge, durchaus hierarchische Form wahren, ohne demokratisches Terrain zu verlassen. Jede OG hatte ihre Leitung; das oberste Organ war die jährlich tagende Nationale Konferenz, die vom Zentralkomitee einberufen wurde. Wichtiger Knotenpunkt war das Politische Büro (PB) in Frankfurt und später in Köln, das lange Zeit Winfried Wolf und Angela Klein betrieben. Das PB erledigte die organisatorischen Arbeiten und vertrat die deutsche Sektion öffentlich. Die Briefwechsel zwischen PB und anderen Organisationen waren mannigfaltig. Sie reichten von der italienischen „Gruppi Comunisti Rivoluzionari“, über die Jerusalemer „Revolutionary Communist League“ und die „Palestinian Communist Group“ bis zur peruanischen „Partido Revolucionario de los Trabajadores“. Trotz aller Fehden mit anderen linken Akteur*innen war die GIM äußerst bündnisaffin. In Düsseldorf arbeitete sie punktuell mit anderen Gruppen zusammen, beispielsweise brachte die OG 1976 eine Anti-AKW-Arbeit in Gang. Mit der „Bürgerinitiative Umweltschutz Düsseldorf“, einigen Spontis sowie der maoistischen KPD machte sie gegen Brokdorf mobil, wo in jenem Jahr der Bau des Reaktors begann. Genosse Wolfgang evaluierte im September 1977 jedoch, dass der GIM hierbei schnell das Zepter aus der Hand genommen wurde und es fortan unbedingt nötig sei, sich stärker in der Bewegung zu platzieren: „Sie ist in der Tat eine Massenbewegung, setzt sich (aber) zum heutigen Zeitpunkt hauptsächlich aus Kleinbürgern zusammen (…). Dies ist die wichtigste Aufgabe der Anti-AKW-Bewegung: Die Einbeziehung der Arbeiterklasse in die Bewegung. Das Atomprogramm der Bundesregierung kann niemals zu Fall gebracht werden ohne (ihre) Mitwirkung.“ Um die Gunst des historischen Subjekts Arbeiter*in wurde auch in der Gewerkschaftsarbeit geworben. Die Düsseldorfer*innen pflegten vor allem Kontakte zu den Gewerkschaften „Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV)“ und „Handel, Banken und Versicherungen (HBV)“. Im Engagement für eine 35-Stunden-Woche versuchte die OG, z.T. gemeinsam mit der KPD, Sympathisant*innen in den Betrieben in und um Düsseldorf zu gewinnen. Elementar für die GIM war ihr internationalistisches Selbstverständnis, das Stalins Konzeption vom „Sozialismus in einem Lande“ konterkarierte. Die OGs organisierten Soli-Kampagnen für Chile oder Nicaragua, informierten über die polnische Solidarnosc-Bewegung oder die Diktatur in Portugal. Hierbei interagierten die GIMler*innen oftmals direkt mit ihren Genoss*innen in anderen Ländern. In Düsseldorf arbeiteten sie im Türkei-Komitee mit den Falken und der türkischen Gruppe Kurtulus zusammen. Besondere Reputation erhielten die Düsseldorfer*innen aber für ihre Arbeit in der Fachhochschule, wo es der GIM-Hochschulgruppe 1975 gelang, mit 35 % der Stimmen ins Studierendenparlament zu kommen. Wenige Jahre später bedauerte Genosse Wolfgang das Abflauen der FH-Arbeit und meinte, dass gerade dort „eine große Chance zur Radikalisierung der Studenten der Sozialarbeit bzw. Sozialpädagogik gegeben (sei, zumal diese) oft direkt die schlimmen Auswirkungen des kapitalistischen Systems vermittelt über ihre ‚Klienten‘ mit(bekämen).“

Die Übersetzung von Theorie in Praxis

Die Düsseldorfer Protokolle illustrieren, dass Schulungen für Mitglieder und Sympathisant*innen äußerst ernst genommen wurden. Hierzu Genosse Wolfgang: „Der revolutionäre Mensch muß ständig geschult werden, bzw. sich selbst schulen. Er muß permanent seine theoretischen Erkenntnisse und politischen Aktivitäten reflektieren, vor allem mit den Mitgliedern seiner Organisation, kollektiv also.“ Als Voraussetzung des eigenen politischen Handelns vor Ort und anderswo wurde die „Analyse des Imperialismus (und) die daraus abgeleitete Strategie des revolutionären Marxismus“ bestimmt. Unheimliche Mengen an Bilanzierungen, Strategiepapieren, Erklärungen oder periodischen Bulletins (z.B. die „Was tun“) waren die Folge. Ebenso schreib- und leseeifrig hielten die Genoss*innen formelle Reglements ein: Protokolle der OG-, PB- oder ZK-Sitzungen wurden verfasst, Anträge gestellt und Austrittserklärungen von lyrischer Qualität formuliert. Letztere sind besonders bewegend, weil sie zeigen, mit welcher Konsequenz sich junge Menschen1 ihrer politischen Arbeit widmeten. Das verraten auch zwei Umzugsgesuche aus Düsseldorf: Tatsächlich informierten GIMler*innen die Leitung nicht nur über ihren Umzug – sie baten um Billigung desselben. Im April 1977 schrieb Genossin Crucs an PB und OG, um ihren Umzug von Düsseldorf nach Aachen zu rechtfertigen. Sie hatte sich in Düsseldorf erhofft, „wirklich in einen umfassenden persönlichen Zusammenhang involviert zu werden und zugleich die neuen Ideen und Probleme zu diskutieren, auszuarbeiten und anzugehen.“ Die Arbeit in der OG war aber bald desillusionierend: „Der hohe Stand der Aktivitäten beruhte (...) auf der Disponibilität studentischer Genoss(inn)en, die quasi-Fulltime ‚für die Organisation‘ arbeiteten. Der Aktionismus der OG war gleichzeitig Grundlage für ihre Krise (...). Nach einigen ersten Erschütterungen und Austritten (...) wurden sehr bald Fragen nach dem Sinn politischer Tätigkeit aufgeworfen, nach dem Verhältnis sogenannter persönlicher oder privater ‚Probleme‘ und der Zugehörigkeit zur und Arbeit in der revolutionären Organisation.“

Emanzipation auf allen Ebenen

Das von Crucs angesprochene Einbeziehen der „privaten“ Ebene wurde durch die Frauenbefreiungsbewegung entfacht. Diese inspirierte dazu, „die eigene, revolutionäre Identität bewußter zu suchen. Aber die beginnende Diskussion (scheiterte) an der Borniertheit und dem Konservatismus derjenigen (...), für die die neuen Ideen entweder einfach nur Ausgeburt kleinbürgerlicher Selbstbezogenheit, oder ‚im Prinzip‘ annehmbar, aber unerheblich, oder lediglich vom ,Wesentlichen‘ ablenkend waren.“ Die GIM griff nicht nur Frauenrechtsthemen auf, sie versuchte diese auch in der Organisation umzusetzen. Hiermit integrierte sie einen emanzipativen Schwerpunkt, den viele linke Gruppierungen der Zeit als lediglich „Nebenwiderspruch“ begriffen. Obwohl die Arbeit der Frauengruppe in Düsseldorf begrüßt wurde („Keine Revolution ohne die Befreiung der Frau“), gab es Verstimmungen. Genosse Wolfgang etwa beanstandete: „Nur das Beschäftigen mit sich selbst unter Gleichgesinnten bringt (...) nicht automatisch eine Veränderung mit sich“. Er hingegen wusste um die Aufgabe der Frauengruppe, sie müsse „Ausdruck des Bewußtsein und des Kampfes im Arbeitsbereich der Frauen sein.“ Die GIM orientierte sich stark an den Bewegungen der Zeit und versuchte in diesen Fuß zu fassen. In Düsseldorf zeigte sich das auch an den Bemühungen, sich in den Häuserkampf einzuklinken. Im Protokoll vom 7.4.1981 findet sich hierzu eine vielsagende Notiz in Sachen Credibility: „demo mit ca. 500 leuten, neues haus besetzt, (...) martin berichtet vom hausbesuch: wurde nicht reingelassen, hg. auch nicht! angst vor agenten, sahen zu alt aus!“ Inwiefern die GIM in den fast zwei Jahrzehnten ihres Bestehens die Gesellschaft einer Revolution näher gebracht hat, ist schwer einzuschätzen. Sie reüssierte in der konsequenten Solidaritäts- und Vernetzungsarbeit, in Deutschland und international. Auffällig oft ist in den Quellen aber von Krise – der persönlichen, in der Ortsgruppe, der GIM, im Trotzkismus – die Rede. Der Kraftakt, zwischen Individuum und kleinem wie großem Kollektiv zu vermitteln, führte statt zu permanenter Revolution wohl allzu häufig zu permanenter Diskussion. Um in einer an Klassenkampf uninteressierten BRD nicht in der Isolation verlorenzugehen, fusionierten GIM und KPD 1986 zur „Vereinigten Sozialistischen Partei“ (VSP)2.

Anne Niezgodka / Archiv für alternatives Schrifttum
http://afas-archiv.de

1. 1980 waren 70% der Mitglieder zwischen 20 und 30 Jahre alt. Es gab 30% Studierende, 30% in der Industrie Tätige (also vermutlich das, was Arbeiter*innen am Nächsten kommt), 20% arbeiten im Öffentlichen Dienst.
2. Später: „Vereinigung für Sozialistische Politik“, noch später: „Verein für solidarische Perspektiven e.V.“. Letzterer gibt heute die „Sozialistische Zeitung“ heraus.