Auf den Spuren der Resistenza

Antifaschistischer Widerstand in Italien vor und nach 1945

Teil II – Nuova Resistenza

In der letzten Ausgabe beschrieb der erste Teil des Artikels eine Strömung der Resistenza, die entgegen der Strategie der linken Parteien PCI und PSI auf eine bewaffnete Revolution hoffte, um mit dem Kapitalismus auch die Wurzeln des Faschismus zu beseitigen. Der zweite Teil des Artikels geht auf die Kontinuität dieses Widerspruchs in der Entstehung der sozialen Bewegungen und der bewaffneten Gruppen der 1960er und 1970er Jahre ein.

Die Krise der Linken

Mit dem im ersten Teil des Artikels beschriebenen kommunistischen Aufstand nach dem Attentat auf Palmiro Togliatti im Jahr 1948 endete eine historische Phase der direkten Konfrontation zwischen Resistenza und Faschismus bzw. der Restauration des Kapitalismus. In den 1950er Jahren befand sich die politische Linke in der Defensive. Ihre Parteien PCI und PSI sind aus der Regierung in die Opposition gedrängt worden und erlitten Wahlniederlagen. Die Arbeiterbewegung spaltete sich in verschiedene politische Richtungsgewerkschaften und die Aktivist*innen der PCI-nahen Gewerkschaft CGIL wurden in den Fabriken von den Unternehmern hart verfolgt. 1956 sorgten der Beginn der Entstalinisierung auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjet­union und die Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands durch die Rote Armee für heftige Kontroversen und Massenaustritte innerhalb der kommunistischen Partei PCI. Auch das linke Bündnis zwischen PCI und dem sozialistischen PSI zerbrach endgültig. Die Ex-Partisan*innen, die noch in der Nachkriegszeit auf die bewaffnete Konfrontation gesetzt hatten, waren mittlerweile zerstreut. Einige hatten Haftstrafen hinter sich, andere konnten vor der staatlichen Repression in die Tschechoslowakei oder Jugoslawien fliehen. Viele waren trotz ihrer Unzufriedenheit mit der Parteiführung in der kommunistischen Partei geblieben, andere hatten sich desillusioniert zurückgezogen oder nutzten ihre im Partisanenkrieg erworbenen Fähigkeiten in der kriminellen Unterwelt von Mailand oder Genua. Aber auch über ein Jahrzehnt nach Ende des Krieges, stiegen regelmäßig einige Vertraute in geheime Verstecke um die Waffen aus der Resistenza-Zeit zu säubern, zu überprüfen und bereit zu halten, falls ihr Einsatz notwendig werden würde.

Die Revolte von Genua: Neue und alte Kämpfe

Neue und alte Kämpfe Im Sommer 1960 war dieser Zeitpunkt gekommen. Die christdemokratische Minderheitsregierung ließ sich von der faschistischen Partei MSI tolerieren, der im Gegenzug die Durchführung eines Parteitags in Genua erlaubt wurde, einer Stadt mit starker Arbeitertradition, die für ihren erbitterten antifaschistischen Widerstand während der Resistenza kollektiv geehrt worden war. Die Massendemonstrationen in den letzten Tagen vor dem Parteigipfel gingen in Straßenschlachten mit der Polizei über. Während die Führung der Kommunistischen Partei und des offiziellen Partisanenverbands ANPI versuchten, die Lage zu beruhigen, bereiteten sich Zehntausende auf den Sturm des Parteitags vor. Hunderte Molotov-Cocktails wurden gebaut, 20 landwirtschaftliche Traktoren rissen die Stacheldrahtabsperrungen der Polizei nieder, und aus ganz Italien waren bewaffnete Partisaneneinheiten erschienen. Primo Moroni, der später der Chronist der radikalen Linken Italiens in den 1970er Jahren werden sollte, war damals noch junges PCI-Mitglied und erinnerte sich Jahre später, wie ihn am Vorabend des Parteitags der Verantwortliche des Ordnungsdienstes des Mailänder PCI, ein Ex-Partisan, gegen die Anweisung der Parteiführung heimlich von Mailand nach Genua beorderte, wo er sich einer Gruppe von bewaffneten Ex-Partisanen anschloss: „Sie konnten sich auf der Gasse dank der Steigung in Stellung bringen. Sie kauerten sich nieder und richteten ihre Waffen auf die andere Seite, wie in einer Schlachtordnung. Sie ließen diejenigen auf der anderen Seite erst mal ihre Waffen sehen. Und die Polizei, die auf den Platz zuging, wich zurück.“ Andere Gruppen entwaffneten Polizeieinheiten, nahmen sie gefangen und tauschten sie gegen festgesetzte Demonstrant*innen aus. Um der absoluten Eskalation auszuweichen, untersagte die Regierung in letzter Minute den Parteitag.

Genua war aber bei Weitem nicht nur ein Aufstand der Ex-Partisan*innen, auf den Straßen waren zahlreiche Arbeiter*innen und auch die „Jugendlichen in den gestreiften Trikots“, benannt nach ihrem Kleidungsstil. In dieser Zusammensetzung der Revolte zeigt sich ein Vorgriff auf die beiden folgenden Jahrzehnte. Seit 1962 kämpfte eine neue autonome Arbeiterbewegung in den norditalienischen Fabriken. Die enorme Produktivitätssteigerung in den Werken von FIAT, Pirelli und anderen Großunternehmen waren durch eine Umstrukturierung der Arbeit nach Vorbild des Fordismus erfolgt. Das bedeutete Fließbandarbeit, Rationalisierung, strenge Disziplinierung und Überwachung der einzelnen Arbeitsschritte und ständige „Optimierung“ der Produktionsbedingungen in den Massenfabriken zu Lasten der Arbeiter*innen. Die enorme physische und psychische Belastung durch die verhasste monotone Bandarbeit und die zahlreichen teils tödlichen Arbeitsunfälle durch die zu hohe Bandgeschwindigkeit waren die Hauptprobleme der Fabrikarbeiter*innen, die durch den PCI schlichtweg ignoriert wurden. Dies führte zu einer Entfremdung zwischen Partei und Teilen der Arbeiterklasse, die auch durch die neue Zusammensetzung der Arbeiterklasse in den Fabriken gefördert wurde. Statt Facharbeiter*innen mit starken Bindungen an die Traditionen der Arbeiterbewegung dominierten eingewanderte Arbeiter*innen aus dem Süden Italiens. Genau diese Situation analysierte eine Gruppe von kommunistischen Dissident*innen, die sich um die Zeitschriften „Quaderni Rossi“ und später „Classe Operaia“ gruppierten. Diese Strömung der Linken wurde später unter dem Namen Operaismus bekannt. Die detaillierten Untersuchungen der Operaist*innen gingen einher mit den ersten Aktionen unzufriedener Fabrikarbeiter*innen. Ab 1962 entwickelte sich eine neue, weitestgehend autonome Arbeiterbewegung in den Großfabriken Norditaliens, die mit wilden Streiks, Sabotage, Fabrikbesetzungen und Straßenschlachten agierte und sich zwanzig Jahre lang nie so richtig unter die Kontrolle des PCI bringen ließ. Sie organisierte sich abseits der klassischen Gewerkschaften in autonomen Basiskomitees und Versammlungen und erreichte ihren Höhepunkt im „Heißen Herbst“ von 1969, als Wilde Streiks in nahezu allen großen Fabriken Italiens ausbrachen. Aus der Verbindung dieser neuen Arbeiterbewegung mit der Studentenbewegung und einer ebenso subkulturellen wie proletarischen Jugendrevolte entstanden ab 1969 die neuen operaistisch beeinflussten Gruppen Lotta Continua und Potere Operaio.

Die explodierenden sozialen Kämpfe sorgten auf Seiten der Herrschenden für erhebliche Unruhe. Dabei standen sich jedoch grob unterteilt zwei Strategien gegenüber. Ein Teil der christdemokratischen Regierungspartei setzte auf die Integration der Linkskräfte in die Regierungskoalition, in den 1960er Jahren war bereits der PSI in die Regierung eingetreten, in den 1970ern wurde mit dem PCI über einen „Historischen Kompromiss“ zur Zusammenarbeit verhandelt. In Verbindung mit punktuellen Reform-Zugeständnissen sollte dies die Revolte befrieden. Eine andere Fraktion des Staatsapparats lehnte dies strikt ab und war bereit zur Unterdrückung der sozialen Kämpfe auch auf autoritär-diktatorische Maßnahmen nach Vorbild der Putschisten in der Türkei, Griechenland und später auch Chile zu setzen. Mehrere Putschversuche einzelner Einheiten von Polizei und Militär scheiterten aber an der inneren Zerstrittenheit dieser Fraktion und der Rivalität der unterschiedlichen Geheimdienste und der politischen Polizei. Mit dem „Heißen Herbst“ 1969 nahmen auch die Aktivitäten von Geheimdiensten und neofaschistischen Gruppen zu, mehrere Bombenattentate wurden verübt. Der Begriff „Strategie der Spannung“ beschrieb zutreffend, wie Geheimdienste und faschistische Organisationen zusammenarbeiteten, um durch Terroranschläge für eine Destabilisierung der politischen Lage zu sorgen, mit dem Ziel einen autoritären Staatsstreich vorzubereiten. Am 12. Dezember 1969 tötete eine Bombe auf der Piazza Fontana in Mailand sechzehn Menschen. Während die Polizei zunächst zwei Anarchisten verdächtigte, von denen einer während des Verhörs aus dem Fenster gestürzt wurde und starb, erkannten die sozialen Bewegungen, die Streikenden und Demonstrant*innen in dem Anschlag ein staatliches Massaker und einen Angriff auf die revolutionäre Linke. Schlagartig nahmen die Diskussionen um die Notwendigkeit einer bewaffneten Selbstverteidigung zu.

Zwei Guerilla-Konzepte: GAP und BR

GAP und BREiner der ersten, der diese Diskussionen führte, war der Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Auf zahlreichen Reisen hatte er vor allem in Lateinamerika Kontakte zu Befreiungsbewegungen und Guerilla-Gruppen geknüpft, war mit Fidel Castro und Régis Debray befreundet und publizierte Übersetzungen der Schriften Che Guevaras in seinem Verlag. Am stärksten war aber sein Interesse an den Kreisen der Ex-Partisan*innen, die über die Jahrzehnte der Nachkriegszeit weiterhin an eine bewaffnete Revolution glaubten. Vor allem in Genua und dem ländlichen Ligurien fand er sie und gründete mit ihnen und einigen jüngeren Aktivist*innen die GAP, Gruppi di azione partigiana (Partisanenaktionsgruppen). Name und Abkürzung waren den historischen Partisaneneinheiten der Gruppi di azione patriottica nachempfunden. In ihrer Strategie verknüpften die GAP Feltrinellis die Erfahrungen von Resistenza und kubanischer Guerilla. Neben ausgiebiger Propaganda über Flugblätter und Piratensender verübte die GAP Anschläge auf faschistische Büros und Staatseinrichtungen. Grundsätzlich war ihr Konzept aber defensiv, es sah schwer zugängliche Bergregionen in Norditalien und Sardinien als Rückzugsorte für bewaffnete Milizen vor. Im Zentrum stand die Abwehr eines von Feltrinelli erwarteten rechten Staatsstreichs, der auch die linken Parteien unter Druck setzen würde und eine Zusammenarbeit mit ihnen ermöglichen könnte.

Feltrinellis Vorstellungen wurden von einer anderen Tendenz der revolutionären Linken scharf kritisiert, den 1970 in Mailand entstandenen Brigate Rosse (BR, Rote Brigaden). Bei den BR trafen Kader der Basiskomitees der Mailänder Fabriken auf Leute aus der Studentenbewegung, sowie Aktivist*innen aus der Emilia-Romagna, die wegen ihrer autonomen Aktivitäten aus der kommunistischen Parteijugend ausgeschlossen worden waren. Alberto Franceschini gehörte dieser letzten Gruppe an. Er berichtete Jahre später, dass ihm vor seinem Aufbruch nach Mailand ein älterer Ex-Partisan zwei versteckte Waffen aus der Zeit der Resistenza übergab, es gab zahlreiche weitere ähnliche Fälle. Auch in den Mailänder Fabriken und Stadtteilen gab es noch eine starke Tradition und Kultur der Ex-Partisan*innen, die die BR als einen neue Generation kommunistischer Militanter akzeptierten und unterstützten. Die Brigate Rosse ihrerseits knüpften ihrerseits an diese Tradition an, ihren Namen wählten sie auch mit Bezug auf die Volante Rosse, eine in Mailand aktive Partisanengruppe, die noch in der Nachkriegszeit Anschläge auf Faschisten verübte. Eine kurzlebige Zeitung der BR hieß „Nuova (Neue) Resistenza“, und am Jahrestag der Befreiung vom Faschismus wehten 1971 und 1972 hunderte Fahnen der Brigate Rosse über den Dächern von Mailänder Arbeitervierteln. Dennoch war die Resistenza für die BR ein historischer Hintergrund, eine Tradition, auf die sie sich bezogen, aber aus der sie nicht ihre eigene aktuelle Strategie ableiten wollten. Für sie standen die Kämpfe der autonomen Arbeiterbewegung in den Fabriken im absoluten Mittelpunkt. Feltrinellis Fokussierung auf einen Staatsstreich hielten sie für völlig übertrieben. Die Putschversuche würden allerdings von der Regierung ausgenutzt, um die politische Linke davon zu überzeugen, die parlamentarische Demokratie als kleineres Übel gegenüber einer Diktatur zu akzeptieren. Dem wollten die BR eine Forcierung der Klassenkämpfe entgegensetzen, was auch bewaffnete Aktionen einschloss. Statt als in den Bergen zurückgezogenen Partisanengruppen organisierten sich die BR als Fabrikguerilla. Die einzelnen Brigaden waren in einer bestimmten Fabrik aktiv und dort fest verankert und akzeptiert. Ihre ersten Aktionen waren keine spektakulären Anschläge gegen die bürgerlichen Machtzentren, sie zündeten stattdessen Autos des fabrikinternen Sicherheitsdienstes an oder entführten den für die Arbeitsorganisation zuständigen Manager. Ihre Ziele waren außerhalb der Fabrik kaum bekannt, innerhalb aber dafür umso mehr verhasst. Nach dem Tod Feltrinellis und zahlreichen Verhaftungen schlossen sich die Reste der GAP den Brigate Rosse an und gaben ihre vormalige Strategie auf. Der bewaffnete Kampf spitzte sich in den Folgejahren mit zahlreichen Toten auf allen Seiten zu und wurde gleichzeitig zu einem Massenphänomen. Tausende Aktivist*innen organisierten sich in dutzenden bewaffneten Gruppen, von denen die Brigate Rosse aber die bei weitem stärkste und langlebigste blieb. Die sozialen Kämpfe der 1970er Jahre militarisierten sich zunehmend, ohne dass der Sprung zu einer bewaffneten Revolution auch nur im Ansatz gelang.

Fazit

Bis in die 1970er Jahre existierte die Tradition einer zweiten Resistenza außerhalb der offiziellen Geschichtsschreibung oder Parteilinie. Teils von innen, teils von außen kritisierten die kommunistischen Militanten die strategischen Entscheidungen ihrer Parteiführungen und hofften zeitlebens auf eine bewaffnete Erhebung. Diese Tradition bildeten einen wichtigen Erfahrungsschatz und Bezugspunkt für die neu entstehenden Studenten- und Arbeiterbewegungen, für die Jugendrevolte und die bewaffneten Gruppen. Gleichzeitig war es die defensive und reformistische Strategie des PCI, die den Raum für eine neue radikale Linke schuf. Gerade deshalb griff der PCI die neuen Bewegungen als von der CIA-gesteuerte Provokateure und Faschisten an. Um sich nicht mit den eigenen historischen Entscheidungen auseinanderzusetzen, leugnete er die authentischen Wurzeln der neuen Bewegungen in einem Teil der Resistenza und der Arbeiterklasse.