Täter-Opfer-Umkehr nach Polizei-Augenmaß

Im April griffen drei Personen aus dem „Hooligans gegen Salafisten“-Spektrum in Wuppertal einen Antifaschisten an und verletzten ihn lebensgefährlich durch Messerstiche und stumpfe Gewalt. Als sei der Angriff des HoGeSa-Trios, nach dem der Betroffene über einen langen Zeitraum hinweg intensiv-medizinisch versorgt werden musste, nicht Schock genug, irritierte die Wuppertaler Polizei schon in der Tatnacht im Rahmen der medizinischen Notversorgung des Betroffenen, dann aber vor allem im Zusammenhang mit ihrer ‚Ermittlungs‘- und Öffentlichkeitsarbeit in höchstem Maße. Momentaufnahmen in Sachen Tatsachen-Verdrehung.

Die Messerattacke, mit der am 11. April gegen 1 Uhr in Wuppertal-Elberfeld ein Antifaschist und Freund des Autonomen Zentrums (AZ) auf der Straße vor dem AZ von drei Personen aus dem HoGeSa-Nazi-Spektrum angegriffen wurde, kam nicht aus dem Nichts. Die Angreifer hatten schon zuvor Besucher*innen des AZ provoziert und dabei keine Zweifel an der Eindeutigkeit ihrer politischen Verortung gelassen. Mit ihren Pöbeleien gaben sie sich klar als Anhänger und im Slang kundige Akteure der rassistischen, weit rechts außen stehenden und stets gewaltbereiten „Hooligans gegen Salafisten“, kurz „HoGeSa“, zu erkennen. Als Personen unerkannt blieben sie zunächst trotzdem. Und sie hatten obendrein auch keine Schwierigkeiten, die auf den Angriff folgende Situation zu nutzen, um sich vorerst unbehelligt aus dem Staub zu machen. Dazu hatte wesentlich beigetragen, was unmittelbar nach dem Angriff geschah – nicht unerheblich getragen vom Vorgehen der Polizei, deren Agieren schon im Verlauf des Abends mehr als irritierend sein sollte.

Mitte Mai, über vier Wochen nach dem Angriff, vermeldete die Wuppertaler Polizei, dass sie die Ermittlungen zu dem „versuchten Totschlag“ abgeschlossen habe. Gegen eine Person sei Haftbefehl erlassen worden, gegen zwei weitere habe die Polizei Ermittlungsverfahren eingeleitet. „Alle drei Personen“, hieß es am 15.  Mai in der Presseerklärung der Polizei, „gehören zur rechten Szene und sind polizeilich bereits in Erscheinung getreten.“ Die Erkenntnis, dass es sich bei den mutmaßlichen Tätern um ‚alte Bekannte‘ aus der „rechten Szene“ handelt, wirkt – über vier Wochen nach der Tatnacht – wie aus dem Hut gezaubert. Und das ist auch kaum verwunderlich, lässt das Polizeipräsidium doch bis heute die Öffentlichkeit weiterhin im Unklaren darüber, was die Polizeibeamt*innen in der Nacht auf den 11. April 2015 bei ihrem Einsatz und im Nachgang in ihrer Ermittlungs- und Öffentlichkeitsarbeit getan und zugleich unterlassen haben, und in welche Richtung sie von Beginn an – reflexhaft, ohne mit der Wimper zu zucken und unter kaum vorgehaltener Hand – zuerst ermittelten.

In der Nacht vom 11. April 2015 gelang es den Besucher*innen des Autonomen Zentrums unmittelbar nach dem Angriff zunächst, den schwer Verletzten von der Straße weg in den Flur des AZ zu bringen. Sie leisteten Erste Hilfe und verständigten per Notruf umgehend medizinische Rettungskräfte. Diese trafen nur wenige Minuten später ein und konnten die Erstversorgung übernehmen, wie Besucher*innen des AZ zwei Tage später die Ereignisse dieser Nacht beschrieben. Ein später eintreffender Notarzt sollte, so die am 13. April veröffentlichte erste Stellungnahme aus Sicht der AZ-Besucher*innen, auf Weisung der Wuppertaler Polizei indes „nur mit großer Polizeibegleitung ins AZ“ hineingehen dürfen, „weshalb auf das Eintreffen weiterer Polizist*innen gewartet wurde, bevor die Rettung fortgesetzt werden konnte.“ Doch ohne sich auch nur im Geringsten auf eine der Situation angemessene Form des notwendig zügigen Austausches und der angebotenen Kooperation mit den anwesenden Besucher*innen des Autonomen Zentrums einzulassen – zumal bei diesem Zustand des Opfers nach dem Messerangriff und im Sinne der Notfall-Rettung des Verwundeten –, stürmten die „nunmehr verstärkten Polizeikräfte unter Androhung von Schlagstock- und Pfefferspray-Einsatz in den AZ-Eingang, um mit Gewalt zu dem Verletzten zu gelangen“.

Keine festen Anhaltspunkte?

Mit ihrer ersten Stellungnahme reagierten die Besucher*innen des AZ und die Unterstützer*innen des Schwerverletzten zwei Tage nach dem Angriff auf eine Pressemitteilung der Wuppertaler Polizei. In dieser hatte das Polizeipräsidium nur wenige Stunden nach dem Angriff verlauten lassen, dass Polizeibeamt*innen und Rettungswagen-Besatzung „von mehreren Angehörigen der linken Szene angegriffen“ worden seien und ihnen der Zutritt zu den Räumlichkeiten des Autonomen Zentrums verwehrt worden sei. Die Polizei-Pressemitteilung weiter: „Erst durch den Einsatz von Pfefferspray und mittels Schlagstock“ hätten „die Einsatzkräfte den Verletzten zur weiteren ärztlichen Versorgung aus dem Gebäude retten“ können. Zur „Ermittlung von Tatverdächtigen“ und zur „Auffindung von Spuren“ habe die Polizei das Haus räumen müssen.

Nach Schilderung der AZ-Besucher*innen traten die Polizist*innen bei dieser vorgeblichen „Ermittlung von Tatverdächtigen“ im Gebäude des AZ wahllos Türen ein: Ein vollkommen unnötiges und nicht zu erklärendes Vorgehen, da die Polizeibeamt*innen von Vertreter*innen des AZ vor Ort einen Schlüsselbund mit Schlüsseln aller AZ-Türen ausgehändigt bekommen hatten. Noch in der Nacht erklärten die Beamt*innen das AZ den Besucher*innen zufolge zum „Tatort und beschlagnahmten unser Haus bis zum Morgen“. Überflüssig zu erwähnen, dass die für die Messerattacke Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt schon lange weg waren.

Die Presseerklärung der Polizei wurde in den nächsten Stunden und Tagen von allen Wuppertaler Medien ungeprüft übernommen. Ihr einziger halbwegs korrekt formulierter Punkt: „Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen“ – also am Morgen des 11. April – könne, so die Polizeimitteilung, „ein Tatzusammenhang zu Personen aus der rechten Szene nicht ausgeschlossen werden.“

Verwirrspiele à la Extremismusdoktrin

ExtremismusdoktrinVon dieser so wenig hellsichtigen, kurzfristig aufleuchtenden Erkenntnis blieb allerdings im Verlauf der nächsten Tage weder auf Seiten der Polizei noch auf Seiten der Staatsanwaltschaft viel übrig. Am 15.4. erklärte die zuständige Staatsanwältin Monika Olschek in einer 180-Grad-Wende gegenüber der WDR-Lokalzeit, dass sie in den laufenden Ermittlungen nunmehr „aktuell [...] keine festen Anhaltspunkte“ dafür sehe, dass es „tatsächlich eine politische Tat bzw. [eine Tat] mit rechtem Hintergrund“ sei. Ermittelt würde vielmehr, so Olschek, auch im Umfeld des Tatortes, bzw. – wie die Staatsanwältin raunend formulierte: „bedingt durch den Tatort“, d.h. im Kreis der Besucher*innen des AZ [Hervorhebung: TERZ]. Ähnlich widersprüchlich gerieten auch die weiteren Erklärungen der Polizei-Pressesprecherin Anja Meis zum Verlauf des unmittelbaren Ermittlungseinsatzes in der Nacht zum 11. April, als sie am Morgen des Tattages noch von „Widerstandshandlungen“ im Autonomen Zentrum sprach (Lokalzeit, 11.4.2015). Nur wenige Tage später hatte sich der vorgebliche „Widerstand“ der AZ-Besucher*innen gegen das brachiale und aggressive Eindringen der Polizei in die Räume des AZ wie durch Zauberhand in unklare „Schubsereien“ (wieder Meis in der Lokalzeit, diesmal am 13.4.2015) verwandelt. Wer da wen geschubst haben soll, blieb unerläutert.

Was weitere Korrekturen und Veränderungen in ihren Presseverlautbarungen angeht, waren Polizei und Staatsanwaltschaft in Wuppertal bis Mitte Mai allerdings weniger beweglich. Bis dahin wurden alle weiteren Ermittlungsergebnisse, die über ihre polizeiliche Pressemeldung vom 11.4.2015 hinausgehen mochten, der Öffentlichkeit vorenthalten. Mehr noch: Bis heute gibt es keine Richtigstellungen der entstellenden Presserklärung vom 11.4.2015. Dies veranlasste die Besucher*innen des AZ Anfang Mai zuletzt zu einer weiteren, nunmehr dritten Stellungnahme zu den Ereignissen. Zuvor hatten sie in einer zweiten Erklärung am 24. April ihre Eindrücke von der Tatnacht ausführlich dargestellt und das Vorgehen, mit dem sie seitens der polizeilichen Einsatzkräfte vor Ort und durch die folgende ‚Öffentlichkeitsarbeit‘ von Polizei und Staatsanwaltschaft konfrontiert waren, eingeordnet. Vor allem machten sie hier auch mehr als deutlich, dass die Polizeikräfte in vollkommen unangemessener Weise in das Autonome Zentrum eingedrungen wären und den „durch die Geschehnisse unter Schock stehenden AZ-Besucher*innen mit Pfefferspray und Schlagstöcken gedroht hätten“. – Zum Einsatz gekommen wären diese so genannten polizeilichen Zwangsmittel, anders als die Pressemeldung der Polizei hierzu suggeriert, nicht!

Täter-Opfer-Umkehr

In den kommenden Wochen rührte sich die Polizei gegenüber der Presse oder Öffentlichkeit keinen Zentimeter. Auch, nachdem die Opferberatung Rheinland (OBR) und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Düsseldorf in einem Offenen Brief an die Wuppertaler Polizeipräsidentin Brigitta Rademacher das Polizeipräsidium dringend aufgefordert hatte, eine Richtigstellung der unvollständigen und irreführenden Presseerklärung vorzunehmen, geschah – wenig überraschend: nichts. Als Opferberatung und Mobile Beratung darauf aufmerksam machten, dass das Vorgehen der Wuppertaler Polizei die Befürch­tung erwecke, „dass im Zusammenhang mit der Tat eine Kriminalisierung der Hilfeleistenden im AZ und eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet“, störte das jene, die im Polizeipräsidium von Wuppertal für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (und mehr noch für die Ermittlungsarbeit der Wuppertaler Beamt*innen) verantwortlich zeichnen, ebenfalls nicht. Zumindest erfolgte keine öffentliche Reaktion, wie auch kaum zu erwarten gewesen wäre. Denn schon im Zusammenhang mit zwei zurückliegenden rechten Gewalttaten, dem Angriff auf Besucher*innen des Vohwinkler Nachtflohmarktes am 25. September 2011 sowie dem Angriff bei einer Filmvorführung im Wuppertaler Cinemaxx am 30.11.2010, hatte die polizeiliche Ermittlungsarbeit durchaus zu wünschen übrig gelassen. Angesichts schon dieser damaligen „Ermittlungsdefizite bei der Aufklärung“ appellierten Opferberatung Rheinland und die Mobile Beratung im Regierungsbezirk Düsseldorf an die Polizeipräsidentin, „Ersthelfer_innen und Zeug_innen nicht als mögliche Täter_innen zu stigmatisieren und einen maximalen Opfer- und Zeugenschutz zu gewährleisten.“ Auch sei die Tat definitiv wohl kaum als „Rechts-Links-Auseinandersetzung“ aufzufassen und darzustellen. Vielmehr sei darüber nachzudenken, ob es sich nicht vielmehr um einen „Mordversuch“ handele. Ganz zu schweigen von „einer möglichen rassistischen Tatmotivation“ im Angriff auf den Antifaschisten mit türkischer Migrationsgeschichte, der die ermittelnde Behörde dringend nachzugehen habe. Schließlich stellten OBR und Mobile Beratung die Frage, „ob und wie der Zeugen- und Betroffenenschutz vor möglichen Bedrohungen und Einschüchterungen gewährleistet“ sei, solange zwei der Tatverdächtigen noch „auf freiem Fuß“ seien.

Der bereits polizeilich bekannte HoGeSa-Nazi Patrick Petri war noch in der Nacht des 11. April 2015 auf den Hinweis einer Passantin hin – nicht etwa, und das unterstrichen die Besucher*innen des AZ in ihrer zweiten Erklärung: „durch Ermittlungen der Polizei“ – aufgegriffen worden. Das hielt die Beamt*innen in Wuppertal aber offenbar nicht davon ab, an ihrer ursprünglichen, hanebüchenen Ermittlungsrichtung gegenüber Besucher*innen und Ersthelfer*innen des AZ festzuhalten. Trotz Haftbefehl und Ermittlungen gegen zwei weitere dringend Tatverdächtige HoGeSa-Nazis erhielten Besucher*innen des Autonomen Zentrums auch weiterhin Vorladungen als Beschuldigte [...], in denen sie grund- und haltlos der Tat des versuchten Mordes“ beschuldigt wurden. „[N]icht als Zeug*innen, sondern als Beschuldigte“, wie die Besucher*innen des AZ in ihrer dritten Erklärung vom 12. Mai 2015 „zur Deutlichkeit noch einmal“ unterstrichen.

In der Presserklärung, mit der das Polizeipräsidium Wuppertal am 15. Mai nun den erfolgreichen Abschluss der Ermittlungen verkündete, findet sich nunmehr nichts von all diesen irritierenden Abfolgen, Beschuldigungen, Grenzüberschreitungen oder Auslassungen. Warum auch? Schließlich kann die Polizei auf eine erfolgreiche Ermittlungsarbeit der eigens gebildeten Ermittlungskommission zurückblicken – oder möchte dies zumindest glaubhaft vermitteln. Zur Sicherheit, auf dass gar keine weiteren Fragen nach dem Tatort, den Ersthelfer*innen und den Umständen, mit denen die Polizei in der Tatnacht ihre sogenannten Ermittlungen aufnahm, entstehen, findet sich in dieser jüngsten Polizei-Pressemitteilung nicht einmal mehr der Hinweis auf den Tatort. Die Rede ist nur noch von einem „versuchten Tötungsdelikt an der Markomannenstraße“. Das Autonome Zentrum ist hier also ganz plötzlich schlichtweg unsichtbar, verschwindet wortlos hinter einem Straßennamen. Wer sollte da noch Fragen haben, ob die Polizei bei ihrem Vorgehen vor und im AZ am 11. April 2015 alles richtig gemacht hat, wenn das Reizwort „Autonomes Zentrum“ nicht mehr vorkommt, das womöglich schlafende Journaille-Hunde hätte wecken können?

Jenseits aller Spekulationen um das Kalkül der Wuppertaler Polizeipräsidentin und ihrer Ermittlungskräfte bleiben zwei Dinge gewiss: Die Täter sind Nazis. Neben Patrick Petri, der als Haupttatverdächtiger mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt und sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft geständig zeigt, ist Thomas Pick als zweiter Angreifer tatverdächtig. Pick war im Januar mit von der Partie, als knapp 50 Personen aus dem HoGeSa-Spektrum in Köln am Rande einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 14ten Jahrestages des NSU-Sprengstoffanschlages in der Probsteigasse bedrohend aufliefen.

Angesichts der Ereignisse ist es aber auf der anderen Seite wohl noch um ein Vielfaches wichtiger, dass es dem Betroffenen bald wieder besser gehen wird. Unterstützerinnen und Unterstützer stehen ihm zur Seite, das ist ein wichtiger Punkt. Aus dem Gefühl von Ohnmacht, aus dem Schock der Bedrohungs-Erfahrung und des Angriffes kann – nicht morgen, oder übermorgen, sicher aber mit der hierfür nötigen Zeit – auch ein Gefühl von Stärke erwachsen. Solidarität muss praktisch werden! In diesem Sinne wünscht die TERZ gute Besserung.

Wuppertal – kein Platz für Neonazis

13. Juni 2015 | Demonstration | Gemeinsam gegen Rassismus und rechte Gewalt! | 13:00 Uhr | Kerstenplatz | Wuppertal-Elberfeld
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