Männer spielen Theater und Frauen zeigen ihre Brüste

Obwohl die gesellschaftliche Stellung der Frau sich weitreichend zum Positiven verändert, lassen sich dennoch Geschlechterunterschiede feststellen, die aufzeigen, wie sehr frau sich weiterhin unterdrücken lassen muss, um ihren Weg gehen zu können. Um genaueres zu erfahren, traf sich die TERZ mit der Schauspielerin Anna Gesewsky, die an der „Ernst Busch“-Schauspielschule Berlin studiert hat, um mit ihr über Schauspielerei, die männerdominierte Theaterlandschaft und ihrer Rolle als Frau in der darstellenden Kunst zu sprechen.

Was interessiert Dich an der Schauspielerei?

Mein Interesse an der Schauspielerei kommt aus der Lust an Stimme, Bewegung und Inhalt. Damit meine ich Geschichten, die ich gerne erzählen möchte oder Texte, bei denen ich finde, dass sie an die Öffentlichkeit gehören. Gemeinsam in einer Gruppe zusammen zu kommen, um etwas zu erzählen – das hat mich immer am Schauspiel im Theater gereizt.

Welche Inszenierungen haben Dich am meisten geprägt?

Sehr geprägt hat mich die BAT-Inszenierung von William Shakespeares „Troilus und Cressida“, in der ich eine Doppelrolle spielen durfte. Ich verkörperte den griechischen Krieger Ajax und die schöne Helena. Manchmal sogar in einer Szene. Von einer Sekunde zur nächsten musste ich vom kämpferischen Krieger in die schöne Helena wechseln, die das Publikum in eine dreckige Szenerie verführt hat. Das schnelle Umspringen von einer Rolle zur anderen habe ich sehr geliebt. Weiter hat mich die Zusammenarbeit mit René Pollesch für die Inszenierung „I‘m stalking myself to death“ geprägt. Wir haben uns viel über den Inhalt verständigt und diskutiert, was wir über unsere Gesellschaft und unsere Zeit denken. Während dieser Zusammenarbeit habe ich zwei bedeutende Theaterelemente schätzen gelernt: Wir treffen uns hier für uns, und wir müssen kein Publikum bedienen.

Wie erlebst Du die männerdominierte Theaterlandschaft?

Im Theater gibt es leider weniger Frauenrollen als Männerrollen; was mich ärgert ist, dass neu geschriebene Stücke das nicht unbedingt ändern, auch wenn es tendenziell besser wird. Wiederum reflektieren einige Regisseure nicht wirklich über Frauenrollen und finden auch durch inhaltliche Diskussionen kaum Zugang. Warum muss Helene aus Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ weggehen und weinen, wenn es zu einem Konflikt kommt? Wieso kann sie sich nicht dieser Situation stellen? Das ist doch viel spannender.

Werden bestimmte Stereotype vom weiblichen und männlichen Geschlecht auf der Bühne beibehalten?

Ich habe den Eindruck, dass in vielen Theaterstücken eine Vorstellung davon dominiert, wie Frauen und Männer zu sein haben, und ich spiele nicht gerne Klischees von Frau- und Mann-Sein; das ist mir einfach zu platt. Es sei denn, es ist eine kluge und kontroverse Tragikomödie. Aber generell will ich keinen Menschen auf sein Geschlecht reduzieren.

Also sind Frauen in der Schauspielerei benachteiligt?

Ja, auf jeden Fall. Die typischen Machtmechanismen, die Frauen auf der Bühne klein machen, sind weitgehend präsent. Männer haben in der Regel viel mehr Text und deshalb auch eine größere Bandbreite an Spielmöglichkeiten. Es geht nicht, dass bei vielen Produktionen der Textanteil der weiblichen Figuren oft gering ist. Und wenn ich die Rolle füllen möchte, muss ich mir irgendetwas ausdenken. Auch wenn es viele spannende stumme Rollen gibt, sind viele Männer ganz klar im Textvorteil. Warum kann ich nicht den Robespierre oder Danton in Georg Büchners „Dantons Tod“ spielen? Einmal meinte auch ein Regisseur zu mir: Du bist eh spannend; es reicht, wenn du auf der Bühne anwesend bist. Hallo? Ich bin Schauspielerin. Schauspiel kommt von acting, das heißt mehr als stumme Projektionsfläche zu sein. Natürlich gibt es auch in diesem Beruf eine Differenz im Lohn, Frauen kriegen in der Regel einfach weniger Gage. Also weniger Geld, weniger Text und weniger Rollen. Ich sehe mich aber nicht immer als sozialisierte Frau, sondern als das, was ich bin.

Momentan spielst Du bei den Burgfestspielen Bad Vilbel in Adelheid Müthers Inszenierung „Die Päpstin“ die Hauptrolle der Päpstin Johanna, die aufgrund ihres Wissendrangs ihr Geschlecht leugnen muss. Verbindet Dich etwas mit Johanna?

Was mich auf jeden Fall mit Johanna verbindet, ist ihre Kämpferinnennatur. Ich bin auch eine Kämpferin. Außerdem schätze ich an Johanna, dass sie immer ihren Weg geht.

Ich bedanke mich herzlich für das fesselnde Gespräch und ich wünsche Dir weiterhin alles Gute!

SABINE SCHMIDT