„Geld ist wie ein komischer Parasit“

Wir leben in einem Zeitalter, in dem Facebook dir sagen kann, wer du bist, dein Handy dir mitteilt, wo du dich gerade befindest und Google dich über dein Denken aufklärt. Überall transparent und nirgendwo unsichtbar. So macht sich Prometheus in Chris Kondeks und Christiane Kühls Performance „Anonymous P.“ beim Impulse Theater Festival 2015 auf die Suche nach Daten, stiehlt sie den Mächtigen und schenkt den Menschen durch Dunkelheit Anonymität. TERZ traf sich mit dem Videokünstler und Regisseur Chris Kondek, der unter anderem für die Projektionen in der Düsseldorfer Inszenierung „Karte und Gebiet“ (2011, Regie: Falk Richter) verantwortlich war und mit Künstler*innen wie Laurie Anderson oder Meg Stuart zusammengearbeitet hat, um über Anonymität, Big Data, Geld und aktuelle Projekte zu sprechen.

„Anonymous P.“ erschafft einen neuen Prometheus, der sich mit unserer Transparenzgesellschaft und, wie Angela Richter sie in ihrem Theaterstück tituliert: „Supernerds“ auseinandersetzt. Wie schafft ihr die Analogie von „Prometheus“ zu „Whistleblowern“?

Prometheus hat das Feuer von den Göttern gestohlen, damit die Menschen durch das Licht freier und unabhängiger leben können. Die Götter wollten das natürlich nicht und haben versucht, das Feuer wiederzubekommen. Auch Whistleblower stehlen den Mächtigen etwas, nämlich Daten, und verteilen sie unter den Menschen. Wie Prometheus werden sie verbannt. Aber statt im Kaukasus sitzen sie in Moskau oder in der ecuadorianischen Botschaft in London. Der neue Prometheus bringt den Menschen kein Licht, sondern Dunkelheit. Er ist Anonymous P., und mit der Dunkelheit erlaubt er, den Menschen anonym zu sein.

Ist Anonymität heutzutage überhaupt noch möglich?

Anonymität ist heute mit viel Arbeit verbunden. Man kann versuchen, seine Spuren zu verwischen, indem man E-Mails beispielsweise verschlüsselt versendet. Aber ich denke, dass Anonymität keine reale Option mehr ist.

Bin ich Big Data ausgeliefert?

Wir können Big Data nicht mehr entgehen. Das Einzige, was wir vielleicht tun können, ist uns Strategien zu überlegen, mit denen wir Big Data durch falsche Daten, wie fiktiv benannte Dateien, verschmutzen.

Lass uns über Geld sprechen: In „Money – It came from outer space“ (2010) haben Christiane Kühl und Du das Geld als „gigantisch-lebenden Organismus“ entlarvt. Wie kommt ihr darauf?

Uns kam die Idee, dass Geld sich bewegt, als ob es ein lebendiger Organismus wäre. Eine Art von Kreatur. Wir haben uns gefragt: Welche Art von Kreatur kann Geld sein? Unsere Recherchen haben uns zu Science-Fiction-Filmen geführt, so dass wir die Metapher des „Alien“ geschaffen haben. In dieser Phase sind wir auch auf den Essay „Imagination of Disaster“ von Susan Sontag gestoßen, in dem sie behauptet, dass Science-Fiction-Filme nie Prognosen über die Zukunft treffen, sondern sich mit den Ängsten der Gegenwart befassen. In den 50iger Jahren war es beispielsweise der Atomkrieg, heute ist es das Geld.

Geld ist ein Alien?

Speziell 2009 und 2010 schien es, als habe Geld ein Eigenleben entwickelt, das sich nicht mehr kontrollieren lässt. Kein Ökonom wusste, wieso die Weltfinanzkrise passiert ist, und keiner konnte erklären, wer davon betroffen ist und wer nicht. In unserer Recherchephase haben wir uns gefragt, was einen Alien ausmacht. Wir kamen zu dem Schluss, dass es versucht, immer mehr Gebiete einzunehmen und immer größer und stärker zu werden. Außerdem versucht ein Alien, sich in einen Körper einzunisten, damit dieser Körper ihm Untertan ist. Geld ist wie ein komischer Parasit, der dich infiziert, damit du schließlich für ihn arbeitest. Unsere Inszenierung „Money – It came from outer space“ war ein Experiment, das sich aus Interviews mit Ökonomen und aus Alien-Filmen zusammensetzt. Wir wollten damit eine neue Art und Weise schaffen, über Geld zu sprechen, in der man sich nicht des Sprachgebrauchs von Politikern oder Ökonomen bedient; weil wenn man die Sprache von Ökonomen benutzt, spricht man, wie das System es möchte. Das Sprachproblem wird momentan vor allem bei Griechenland deutlich, wo die griechische Bevölkerung keine Stimme bekommt.

Wie würdest Du die Situation von Griechenland beschreiben?

Da der IMF (International Monetary Fund), Europa und Amerika alle die selbe Meinung verbreiten, lässt es sich schwer einschätzen, was in Griechenland wirklich vor sich geht. Immer wieder wird nur gesagt, dass Griechenland Kompromisse eingehen muss, dass die Griechen nicht kompromissbereit sind; als ob die Menschen dort verrückt wären. Das treibt die Diskussion nicht voran und beweist, dass die Banken die zentralen Entscheidungsträger sind, weil immer mehr Geld ins System gesteckt wird, um Banken zu stützen, die schließlich das Geld verwalten. Trillionen von Dollar werden ins Bankensystem gesteckt, damit der Markt wächst. Somit wird der Finanzmarkt zum grundlegenden Entscheidungsträger.

An welchen aktuellen Projekten arbeitet ihr?

Christiane und ich arbeiten momentan an „Selfies“ und „Du und das Dokument“. In „Selfies“, welches voraussichtlich 2017 zu sehen sein wird, möchten wir herausstellen, dass ein Selfie neben seiner Bildseite einen digitalen Code besitzt, der Metadaten in sich trägt. Wir möchten gerne in einer Installation oder Performance den Zuschauern das strukturelle Gesicht der Selfies zeigen. Unser zweites Projekt „Du und das Dokument“ setzt sich mit Identifikation auseinander und der Frage: Was muss man tun, um zu beweisen, wer man ist? Es thematisiert Dokumente und ID-Karten als Überwachungs-Hilfsmittel, fragt nach der Geschichte von Identifikation und was mit Menschen passiert, die keine Papiere oder ID-Karten besitzen. In Indien haben wir uns mit einem Mann unterhalten, der uns vom neuen indischen Identifikationssystem mit biometrischen Pässen erzählt hat, und er sagte: „Seit es diese neuen ID-Karten gibt, haben wir eine Existenz.“ Die Performance wird im Frühling kommenden Jahres im Frankfurter Mousonturm zu sehen sein.

Vielen Dank für das interessante Gespräch und für Deine kommenden Projekte: TOI TOI TOI!

SABINE SCHMIDT