Terezín/Theresienstadt – Praha/Prag – Lety

Kurzbericht über die letzte Gedenkstättenfahrt nach Tschechien

Vier Tage dauerte die nunmehr zweite Gedenkstättenfahrt des Arbeitskreiskreises Gedenkstättenfahrt nach Tschechien, die u. a. vom AStA der FH-D unterstützt wurde. 18 TeilnehmerInnen hatten sich angemeldet, hinzu kam das Orgateam, darunter auch eine Historikerin. Die Reise startete am frühen Morgen des 11. Juni. Bereits für 15 Uhr war die erste Führung vereinbart in der im 18. Jahrhundert erbauten ehemaligen Festungs- und Garnisonsstadt Theresienstadt (tschechisch: Terezín), die den Nationalsozialisten aufgrund der günstigen baulichen Bedingungen als Ghetto für Juden und Jüdinnen (Große Festung) und als Polizeigefängnis (Kleine Festung) diente. Aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf wurden zwischen 1942 und 1945 fast 2.500 Menschen nach Theresienstadt deportiert, Sammelpunkt war das Gelände des heutigen neuen FH-Campus in Düsseldorf-Derendorf – damals ein Schlachthof. In Terezin leben heute etwa 2.500 Menschen, die Stadt ist 670 km von Düsseldorf entfernt, sie liegt weniger als 100 km südlich von Dresden und etwas mehr als 60 km nördlich von Prag. Über 140.000 Jüdinnen und Juden wurden hierhin deportiert, unter ihnen 15.000 Kinder. Nur 23.000 überlebten, alle übrigen wurden entweder in den Vernichtungslagern ermordet oder sie starben bereits vor Ort – an den Folgen der schlechten Lebensbedingungen (nicht zuletzt an Hunger) oder unmittelbar durch Gewaltausübung seitens der Nazis. Dennoch gilt Theresienstadt vielen bis heute als ein „besseres KZ“, in dem die Lebensbedingungen angeblich erträglich gewesen seien und es vielfältige – nicht zuletzt kulturelle – Freiräume für die Häftlinge gegeben haben soll. Die Zahlen und ZeitzeugInnenberichte sprechen eine andere Sprache – auch wenn es den Nazis gelang, selbst das Internationale Rote Kreuz über den wahren Charakter des Lagers zu täuschen und dieses als privilegiertes, jüdisches „Altersghetto“ erscheinen zu lassen. Doch Theresienstadt war in erster Linie eine Zwischenstation auf dem Weg in die Vernichtungslager, der „Vorhof zur Hölle“ und damit Teil der „Endlösung“.

Mehrere Führungen vor Ort, ein beeindruckendes Zeitzeuginnengespräch mit der Theresienstadt-Überlebenden Michaela Vidláková und der Besuch des Ghetto-Museums ermöglichten am 11. und 12. Juni einen Überblick über Geschichte und Gegenwart von Theresienstadt/Terezín. Anschließend ging es weiter nach Prag. Schwerpunktthema – u. a. im Rahmen einer Führung – war hier am 13. Juni der Widerstand gegen den NS im „Protektorat Böhmen und Mähren“. Als bekannteste Aktion des tschechoslowakischen Widerstands ging das erfolgreiche Attentat auf den „Reichsprotektor“ Reinhard Heydrich Ende Mai 1942 in die Geschichte ein.

Letzte Station der Fahrt war am Vormittag des 14. Juni die kleine Gemeinde Lety bei Písek, 80 bis 90 km südlich von Prag. Bereits um 9.30 Uhr startete hier eine Führung, die u.a. über die Geschichte des ehemaligen „Zigeuner“-KZ Lety informierte. Das KZ Lety war Teil des Genozids an den europäischen Roma und Romja („Porajmos“), nur sehr wenige überlebten das Lager bzw. die von hier ausgehenden Deportationen nach Auschwitz. Auf dem Gelände des damaligen Lagers steht seit vielen Jahren trotz vielfältiger Proteste eine riesige Schweinemastanlage. Das einst staatliche Gelände – auch bereits vor dem Zusammenbruch des Ostblocks für die Schweinemast genutzt – wurde Mitte der Neunziger an die heutigen Betreiber verkauft, also privatisiert. Bestrebungen staatlicherseits, es zurückzukaufen, lassen sich – wohlwollend – als mehr als halbherzig bezeichnen und scheiterten vordergründig an den finanziellen Forderungen des Eigentümers. In der Nähe der Mastanlage ist ein erst auf internationalen Druck entstandener und zudem völlig unzureichender Erinnerungspfad entstanden, bestückt mit Informationstafeln, die aber u. a. leider – nicht zuletzt aufgrund bis heute fehlender wissenschaftlicher Aufarbeitung und Expertisen – teilweise falsche Angaben enthalten. Neben der Geschichte des Lagers und der NS-Verfolgung von „Zigeunern“ waren deshalb auch Antiziganismus in Tschechien, die „Aufarbeitung“ der Verbrechen nach 1945 und die Forderungen von Roma/Romja und deren UnterstützerInnen Thema der Führung.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen und einem Austausch erster Eindrücke endete das Programm der Gedenkstättenfahrt am frühen Nachmittag des 14. Juni in der Nähe von Lety. Kontakt zum AK Gedenkstättenfahrt über
ak-gedenk[at]gmx[dot]net

Der Arbeitskreis Gedenk­stättenfahrt gibt bekannt:

Für die diesjährige Gedenkstättenfahrt vom späten Abend des 23. bis zum Vormittag des 30. Augusts 2015 nach Oświęcim/Auschwitz sind noch wenige Plätze frei für Interessierte, die maximal 26 Jahre alt sind. Zum Programm dieser Fahrt gehört auch ein Vorbereitungswochenendseminar vom Abend des 7. bis zum frühen Nachmittag des 9. August. Nähere Infos unter: ak-gedenk[at]gmx[dot]net.


Das AStA-Referat für politische Bildung präsentiert:

Freitag, 3. Juli, 19 Uhr, Butze, Weißenburgstr. 18
Vier Jahre syrischer Bürgerkrieg
Seit vier Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien, der als Teil des „Arabischen Frühlings“ begann. Was als friedlicher Protest gesellschaftlicher Gruppen startete, hat mittlerweile zu über 220.000 Toten und über 9 Millionen Menschen auf der Flucht geführt. Der Konflikt ist aufgrund der Vielzahl an Akteur*innen schwer überschaubar. Die Journalistin und Sozialwissenschaftlerin Hannah Wettig wird in ihrem Vortrag auf die aktuelle Situation in Syrien eingehen, außerdem auf die verschiedenen Akteur*innen und fortschrittlichen Gruppen in diesem Konflikt. Sie arbeitet u.a. zu Feminismus und der arabischen Welt und engagiert sich bei „Adopt a Revolution“ (http://adoptrevolution.org). Die 2011 zur Unterstützung des friedlichen Protests gegen Bashar Al-Assads Regime von syrischen und deutschen Aktivist*innen gegründete Kampagne unterstützt lokale Koordinationskomitees, diese organisieren den friedlichen zivilgesellschaftlichen Widerstand in Syrien.