Zwischen Street Art und Heimatmuseum

Ampelkultur

Die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP fördert die freie Szene stärker als die frühere Rathaus-Mehrheit. Sie plant aber keine Kulturrevolution, wenn auch manchmal aufrührerische Töne zu vernehmen sind. Geisel & Co. setzen wie ihre Vorgänger auf imposante kulturelle Leuchttürme, die „Strahlkraft“ entwickeln und sich so um das Standort-Marketing verdient machen können. Näheres soll bald ein Kulturentwicklungsplan regeln.

„Wir wollen den zeitgenössischen Diskurs nach Düsseldorf zurückholen. Dafür werden wir der freien Szene Unterstützung und ein Forum bieten“, verkündeten SPD, Grüne und FDP in ihrem Koalitionsvertrag. Und tatsächlich hob die Ampel die Zuschüsse für diesen Bereich um 1,4 Millionen auf 6,4 Millionen Euro an. Das Tanzhaus NRW und das „Forum Freies Theater“ erhalten ebenso wie das Theater-Duo „Halfpastselberschuld“ und andere freie Gruppen mehr Gelder aus dem Kulturetat, der sich auf rund 124 Millionen Euro beläuft. Das „Open Source Festival“ und das „New Fall Festival“ dürfen sich ebenfalls über eine höhere Beihilfe freuen. Die Zuwendungen für das „Urban Art Festival“ steigen um 25.000 auf 40.000 Euro, und für Grafitti und Street Art möchten Geisel & Co. auch sonst mehr tun. Darüber hinaus planen sie unter anderem, ein „Pop-Büro“ einzurichten und „Kunst am Bau“ stärker zu fördern. Und damit das alles rund läuft zwischen der Stadt und der Off-Szene, kündigen die Parteien an, die Stelle eines/einer Subkultur-Beauftragten als Ansprechpartner*in im Kulturamt zu schaffen.

Aber Oberbürgermeister Thomas Geisels erweiterter Kunstbegriff hat durchaus Grenzen. Zu seinen kulturpolitischen Grundsätzen zählt nämlich nicht nur das Prinzip, das auf Teilhabe und niedrigschwellige Angebote setzt. „Das zweite Kriterium, da wird es ein bisschen exklusiver, und deshalb müssen auch andere Qualitätsanforderungen gestellt werden, ist die Strahlkraft. Es gibt durchaus Dinge, die nicht jedermanns Sache sind, die aber nun typisch düsseldorferisch sind und die tatsächlich die kulturelle Identität unserer Stadt prägen“, sagte er auf der Veranstaltung der Rheinischen Post zum Thema „Welche Kultur braucht Düsseldorf?“ im Maxhaus. Und zu diesen Dingen gehören für ihn unter anderem das Ballett Martin Schläpfners, das er als „Weltspitze“ bezeichnete, und die Zero-Kunst. „Zero hat in Düsseldorf seinen Ausgangspunkt genommen (...) Und es wäre ganz wichtig, dass wir es im internationalen Bewusstsein verankern, dass diese Bewegung aus der Kulturstadt Düsseldorf kommt“, meinte der Sozialdemokrat.

Mit seinem Strahlkraft-Imperativ bewegt sich Thomas Geisel ganz auf der Linie der alten Rathaus-Mehrheit, die mit ihrer Kulturpolitik „die Außenwirkungen unserer Stadt als Kulturstandort insgesamt zu steigern“ versuchte. Bei ihm hört sich das so an: „Mein Ziel ist es, der Stadt Düsseldorf mit Hilfe ihrer kulturellen Leuchttürme wieder mehr Strahlkraft zu verleihen.“ Nur dass seine Lichtobjekte etwas moderner daherkommen. So schlägt der Oberbürgermeister auch Kraftwerk dem kulturellen Kapital Düsseldorfs zu und findet sogar einiges Off-Szeniges erhellend, während er mit dem Goethe-Museum fremdelt und es zur Disposition stellt. Bei Goethe fehlt ihm der Lokalbezug, also: „Fack ju Göthe-Museum!“

Dennoch muss sich die Alternativ-Kultur im Lichte der großen Leuchttürme mit einem Schattendasein begnügen. Rotgrüngelb entwickelt zwar relativ viel Aktivismus in diesem Bereich und erlangt dafür auch einige Aufmerksamkeit, zahlenmäßig wirkt sich das Engagement allerdings kaum aus. Den größten Batzen aus dem Kulturtopf teilen sich immer noch die großen Institutionen. Allein die Oper erhält 27 Prozent der Mittel, auf die Museen entfallen 20 Prozent, auf die Tonhalle 13 Prozent und auf das Schauspielhaus zehn Prozent.

Besitzstände

So ganz wohl ist dem Oberbürgermeister dabei auch nicht. Ein „vermachtetes Geschäft“ nannte er im Maxhaus den Kulturbetrieb. Und bei der zakk-Diskussion „Die Off-Szene vor dem Aus?“, zu welcher der von Problemen mit seiner Location gebeutelte Kulturverein „damenundherren“ eingeladen hatte, war Thomas Geisel einige Monate zuvor noch deutlicher geworden. Dort klagte er über „immer nur zugunsten bestehender Besitzstände“ erfolgende Mittel-Zuteilungen und bedauerte, dass die Off-Szene „noch nicht besitzstandfähig“ sei. Als „in der Tat ziemlich disproportional“ bezeichnete es der SPD-Mann an dem Abend, wenn eine Art von Kultur, die mit ihrer Strahlkraft Massen von DüsseldorferInnen anzöge, mit einem Prozent des Kultur-Haushalts vorliebnehmen müsse.

Das klang ganz so, als würde er das anders machen, falls er nur die Möglichkeit dazu hätte, allerdings warnte der SPDler gleichzeitig davor, einen Gegensatz aufzumachen zwischen etablierter Kultur und Subkultur. Dabei täte Düsseldorf ein bisschen Kulturkampf womöglich ganz gut. Auch wenn man wirklich nichts gegen die Oper hat: Ob man nun wieder soviel dafür haben muss, dass man ihr einen Anspruch auf fast 30 Prozent des gesamten Kultur-Etats zugesteht, ist noch mal eine andere Frage. Diese Diskussion wird jedoch kaum stattfinden. Geld zum Umverteilen dürfte sich die Stadt eher beim Goethe-Museum und anderen Einrichtungen dieser Größenordnung holen. Darauf deutete nicht nur Geisels Vorstoß hin; bereits die frühere schwarz-gelbe Koalition hatte die Arbeit der kleineren Institute zur Disposition gestellt. Zusammenlegungen ganzer Häuser oder einzelner Abteilungen, eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit und vielleicht sogar Schließungen stehen zu erwarten. Sally Schöne, der Leiterin des Hetjens-Museums für Keramik-Geschichte, schwante offenbar schon Schlimmes: Sie hat nach 16 Berufsjahren an der Schulstraße gekündigt.

Oldie-Show

Gewissheit über solche und andere Pläne soll dann der Kulturentwicklungsplan bringen, mit dessen Erstellung die Ampel-Koalition eine Agentur beauftragt hat. Sie hat die Aufgabe, eine Bestandsaufnahme zu machen und auf dieser Basis Vorschläge zu erarbeiten, welche die Politiker*innen dann mit den Bürger*innen diskutieren wollen. Bis es so weit ist, wird wohl – soweit es die Haushaltslage zulässt – die Alternativ-Kultur ein wenig üppiger blühen. Und ansonsten droht wieder viel Heimatmuseum. So findet Ende Oktober etwa ein Kongress für elektronische Musik statt. „Die ELECTRI_CITY_CONFERENCE würdigt die weltweite Bedeutung von Düsseldorfs popkultureller Vergangenheit“, heißt es in der Ankündigung. Ganz auf dieser Linie, an der Geisel offenbar Gefallen findet, hatten zuvor schon vor allem die Kunstmuseen auf Düsseldorfs Historie zurückgeblickt und unter anderem dem Ehepaar Becher und ihren Schüler*innen, der Zero-Kunst, Klapheck, Beuys, Mack und Feldmann Ausstellungen ausgerichtet. Statt sich einmal umzuschauen, was es auf der Welt so Neues gibt, feierten die Häuser mit ihren Oldie-Shows immer wieder die gloriose Geschichte des Kunststandorts ab und musealisierten ihn damit.

Keine besonders schönen Aussichten also. Dabei passiert in anderen Städten durchaus Interessantes, und auch etwas, das über ein paar Dollar mehr für bisher Vernachlässigtes hinausgeht. Es gibt sogar Bemühungen, den Gegensatz zwischen den „höheren“ und den „niederen Künsten“ aufzuheben, indem man sie an einem Ort zusammenkommen lässt. Im Kleinen ist der „Resonanzraum“ in Hamburg ein Beispiel dafür. In dieser Hochbunker-Etage auf St. Pauli finden sowohl Kammermusik-Konzerte als auch DJ-Abende statt, und die Bar des Hauses heißt passenderweise „Classic Club“. Im Großen verkörpert die neue Pariser Philharmonie ein solches Konzept. Sie verfügt über einen hochmodernen, mit allen akustischen Finessen ausgestatteten Konzert-Saal, der aber wiederum auch so flexibel gestaltet ist, dass er elektronisch verstärkter Musik eine Bühne bieten kann. Zudem zeigt die Philharmonie Ausstellungen, wie jüngst eine David Bowie gewidmete Schau, hält Bildungsangebote bereit, bietet ausreichenden Proberaum und übernimmt sozialpolitische Aufgaben: Sie ist nämlich ganz bewusst in ein „schlechtes Viertel“ gesetzt worden. Von solchen Projekten profitiert die nicht ganz so hohe Kunst dann auch finanziell sehr stark, weil sie die Möglichkeit hat, die teure Infrastruktur zu nutzen, die solche Lokalitäten bereithalten. Und das sorgt für ausgeglichenere Kulturhaushalte.

Zukunftsmusik

Die Pariser Philharmonie soll kein monofunktioneller Musentempel sein, keine reine Abspielstätte für Musik, hat der Programmleiter Emmanuel Hondré bei einem Vortrag im Düsseldorfer Institut Français gesagt. Parallel dazu gibt es in Italien und Frankreich schon Kunstmuseen, die nicht bloß Schauraum sein wollen und wieder an antike Traditionen anknüpfen, wo sie ganze Stadtteile einnahmen und entsprechend viel Leben stattfand.

Natürlich sind solche Bauten Zukunftsmusik und auch recht teuer. Andererseits frisst die Sanierung der alten Häuser ebenfalls Unsummen – und kann doch den Anforderungen nie ganz genügen. So baut Düsseldorf der Balletttruppe von Martin Schläpfer ein Extra-Probenhaus in Public-Private-Partnership, das pro Monat eine Miete von 88.000 Euro verschlingt, weil die Oper über solche Räume nicht verfügt und der bisherige Standort in Oberkassel den Anforderungen nicht mehr genügte. Und für das notabu.ensemble, das Kinder- und das Jugendorchester musste die Stadt Räume im Musikbunker am Gather Weg anmieten, denn die Tonhalle stellt solche nicht bereit. Da wäre „Think big!“ doch mal ein schöner Kulturentwicklungsplan.

JAN