Gaga in Düsseldorf

Am 21. August fand eine Lesung der rechtspopulistischen, homophoben und antifeministischen Autorin Birgit Kelle in der Aula des Gymnasiums Koblenzer Straße in Düsseldorf statt.

Kelle ist Mitinitiatorin der sogenannten „Märsche für das Leben“ gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen, veröffentlicht immer wieder in rechten Medien wie der Jungen Freiheit und sucht die Nähe zu Institutionen der Neuen Rechten und ultrakatholischen Organisationen, wie den Legionären Christi.

Ihr Buch „GenderGaga. Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will.“ befindet sich auf der Amazon-Bestsellerliste und kritisiert die „Industrie, die sich um das Thema Gender Mainstreaming entwickelt hat“ und in der „Wissenschaftler und Berater absurde Forschungen betreiben, bei der Jungen nicht mehr Jungen und Mädchen nicht mehr Mädchen sein dürfen.“ Das Gender Mainstreaming infiltriere ihrer Meinung nach alle Debatten und stelle eine Bedrohung für die Familie, die Kindererziehung und die eigene Identitätsfindung dar.

Auf Einladung der Frauen Union (FU) sollte Birgit Kelle aus ihrem Buch vorlesen, um anschließend in eine Diskussionsrunde einzusteigen, die von der Vorsitzenden der FU und CDU-Bundestagsabgeordneten Sylvia Pantel moderiert werden sollte. Bereits im Vorfeld gab es Proteste und Beschwerden, die an das Schulverwaltungsamt, das Gleichstellungsbüro und die Schule selbst gingen und die Verhinderung der „rechtspopulistischen, homophoben Veranstaltung in den Räumen eines städtischen Gymnasiums“ forderten. Diese fand dennoch statt, unter anderem aufgrund eines großen Unterstützer*innenkreises, der die Durchführung der Veranstaltung einforderte.

Den Auftritt Birgit Kelles betrachtet Pantel als „ein Manifest der Meinungsfreiheit“. Dies zeigte sich auch direkt beim Betreten des Saals. Auf einem Tisch neben der Eingangstür waren demonstrativ neben Veranstaltungsbroschüren auch mehrere Printausgaben des Grundgesetzes der BRD ausgelegt worden. Pantel betonte in ihrer Moderation, dass die Proteste gegen die Veranstaltung demokratiefeindlich seien und Menschen in ihren Grundrechten beschneiden würden. Schließlich ginge es bei dieser Veranstaltung um eine sachliche Diskussion über Gender Mainstreaming. Ungefähr 120 Menschen besuchten die Veranstaltung von denen etwa zehn Kelles Ansichten gegenüber augenscheinlich kritisch eingestellt waren. Der Altersdurchschnitt lag mit wenigen Ausnahmen bei 55+. Pantel betonte, dass sie bei „Unruhen durch Störenfriede“ von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und diese mithilfe des anwesenden Polizisten, der „einen kurzen Draht zu seinen Kollegen“ habe, des Raumes verweisen würde.

Nach der Moderation Pantels begann Kelle mit ihrem Vortrag, der eineinhalb Stunden dauerte. In dem ersten Abschnitt versuchte sie sich an einem kurzen historischen Abriss und einer Definition von Gender Mainstreaming. Den Fokus legte sie dabei vor allem auf sprachliche Veränderungen („gendern“), wie sie beispielsweise an Universitäten, in öffentlichen Ämtern oder in der Alltagssprache zu finden seien. Sie zog verschiedene Beispiele heran, um zu belegen, dass diese Änderungen „albern und überflüssig“ seien. Kelle verwies außerdem auf den Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera, der behauptete, dass der „Genderismus eine quasi-religiöse Strömung“ ähnlich dem christlichen Kreationismus sei. Abgesehen von der Abwegigkeit dieser Behauptung ist es interessant, dass diese These von einer Frau genutzt wird, die sich selbst als katholisch bezeichnet und bereits bei diversen Veranstaltungen der Regnum Christi als Rednerin fungierte. Der Großteil ihrer Ausführungen war verdreht und falsch. Kelle arbeitete bewusst damit, dass ihre Anhänger*innen noch nie vorher von Gender Gap, etc. gehört, geschweige denn sich in irgendeiner Weise schon einmal mit Geschlechterrollen und deren Wirkmächtigkeit auseinandergesetzt haben. Das einzige Argument, welches sie immer wieder anführte, war die Finanzierung „absurder Ideologien“ durch Steuergelder.

Im zweiten Teil ging es um den Einfluss des Gender Mainstreamings auf Kinder. So sei für sie eine Erziehung, in der man sein Kind nicht einer Kategorie wie weiblich oder männlich zuweise, keine Freiheit, sondern die Verweigerung einer Identität. Sie lehne das soziale Geschlecht (gender) ab, denn letzten Endes sei man immer durch sein biologisches Geschlecht (sex) an eine Kategorie gebunden. Transsexuelle und intersexuelle Menschen scheint es für Frau Kelle nicht zu geben. Ein weiterer elementarer Teil ihrer Kritik, der sich bereits in der Veranstaltungsankündigung abzeichnete, bildete die (frühe) Sexualerziehung in Kindergärten und Schulen. Kelle setzte bewusst und falsch Gender Mainstreaming mit Sexualpädagogik gleich und entwarf das Bild einer Sexualerziehung, in der Kinder bereits mit vier Jahren zur Masturbation, zum Benutzen von Sexspielzeug und dem Angucken von Pornos gezwungen werden. Die verkürzten und dekontextionalisierten Beispiele entnahm sie aus dem von Professorin Elisabeth Tuider herausgegebenen Methodenbuch „Sexualpädagogik der Vielfalt“ und aus sexualpädagogischem Material von Pro Familia. Kelle sprach den ausgebildeten Sexualpädagog*innen jegliche Profession ab und stellte LSBTI* Menschen und die, die sich mit Gender auseinandersetzen, als triebgesteuerte Menschen dar, die auch offen für Pädophilie sind. Dadurch erreichte sie bei einer Generation im Publikum, die nicht gelernt hat, über Sex zu sprechen, ihr Ziel: Sie schürte Angst und Ablehnung im Saal. Höchstes zu bewahrendes Gut für Kelle ist die Familie. Sie verschwieg, das Vergewaltigungen und Missbrauchsfälle zum großen Teil in familiären Kontexten, oder im näheren sozialem Umfeld geschehen.

Kelle schloss mit der Frage: Wann habt ihr das letzte Mal gekämpft? Der Kampf wäre noch nicht verloren, denn die Befürworter*innen von Gender Mainstream seien eine Minderheit.

In welche Richtung der Kampf gehen soll, wurde durch den Auftritt der Landesvorsitzenden des Elternvereins NRW, Regine Schwarzhoff, deutlich, die direkt im Anschluss von Kelle reden durfte. Frau Schwarzhoff forderte, das Methodenbuch hochhaltend, die Anwesenden auf, ihre Kinder zu schützen und sich gegen die derzeitige Sexualpädagogik zur Wehr zu setzen.

Die anschließende Frage-Runde zeichnete sich durch zustimmende Kommentare aus, in denen die Ablehnung der ganzen Thematik zum Ausdruck kam. Pantel bezeichnete in diesem Kontext Homosexualität als „Ausnahme der Natur“ und wiederholte ihre Aussage später unter lautem Beifall, als dem durch einen Redebeitrag widersprochen wurde. Dabei kam auch die Sprache auf das Verhalten der muslimischen Gemeinden gegenüber der beschriebenen Sexualpädagogik. Kelle antwortete daraufhin, dass die muslimischen Gemeinden sich momentan aus strategischen Gründen zurückhalten würden, sie aber sicher sei, dass, sollte in Deutschland der Islam die Oberhand gewinnen, es die die Katholiken sein würden, die für die Rechte der Homosexuellen auf die Straße gingen. Für diese rassistischen Aussprüche bekam sie Applaus und Lacher.

Rechte Verschwörungstheoretiker*innen indes nutzten das Forum für ihren Antisemitismus und Antiaamerikanismus und steckten Werbezettel an die draußen geparkten Autos.

Als ein Mensch nach vorne ging und Kelles Aussagen kritisierte, wurde er ausgebuht, und von dem von Frau Pantel im Vorfeld eingefordertem demokratischem Austausch blieb nichts mehr übrig.

Es war eine unangenehme Atmosphäre, in der Menschen sich gegenseitig ihrer reaktionären Vorstellungen vergewisserten, Pantel Wahlwerbung betrieb und in der Andersdenkende als Feindbilder herhalten mussten.