Pass-Fragen:

No Border – ein Projekt in Zeiten der Widersprüche

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leicht- sinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“
(Flüchtlingsgespräche – Bertolt Brecht)

Es ist kalt in Deutschland. So kalt, wie schon seit 20 Jahren nicht mehr. Angesichts der Ankunft tausender von Geflüchteten eskalieren die rassistischen Stimmungen im Land. Es gibt nicht Wenige, die – ob erst seit Neuestem oder in der braunen Tradition ihres seit langem gefestigten (extrem) rechten Weltbildes – aus geschürtem Sozialneid offen für rassistische Propaganda sind. Egal ob in den alten oder neuen Bundesländern. Die Pogromstimmung in Heidenau und die im ersten Halbjahr 2015 verübten 61 Brandanschläge auf häufig sogar bewohnte Geflüchteten-Unterkünfte sind Zeichen dafür, das die Stimmung jederzeit in Hetze und Gewalt kippen kann. Wie Anfang der 1990er Jahre lesen wir heute wieder von rassistischen Angriffen auf Menschen.

Zugleich nimmt die Bundesregierung Anlauf, um die „neue Freizügigkeit“ für Geflüchtete wieder rückgängig zu machen. Angela Merkel spricht menschliche Worte darüber, dass ein verschlossenes, exklusives Deutschland nicht mehr ihr Land sei; zugleich ist es ihre Regierung, die den Kriegseinsatz gegen „Schlepperboote“ beschlossen hat und Ankommende bis zu ihrer beschleunigten Abschiebung in Sammellagern interniert. Grenzaufrüstung, Abschreckungskalkül durch gesetzliche Schlechterstellung unterhalb jeder wirtschaftlichen Existenzgrundlage, eine selektive „Willkommenskultur“ und die Aufteilung von Fliehenden in „gute Flüchtlinge“ und „böse Flüchtlinge“ oder der Aufbau einer demnächst wie geschmiert laufenden Abschiebemaschinerie sind Böen des kalten Windes, der über Deutschland weht. Einerseits.

Anderseits scheint die derzeit viel beschriebene „Willkommenskultur“ heute tatsächlich mehr als ein Wort zu sein. Menschen aus verschiedensten Zusammenhängen und Gegenden, quer durch die Bundesrepublik, aber auch hier in Düsseldorf, nehmen sich für die Unterstützung von Geflüchteten Zeit und beginnen zu teilen. Sie engagieren sich im Kontakt mit den Ankommenden, organisieren ihre praktische Solidarität selbst, schaffen selbst Unterstützungsstrukturen und gehen auf andere Helfende, vor allem aber auf die Menschen zu, die von ihrer so enormen Kraft viel auf der Strecke haben lassen müssen, um überhaupt hier zu sein. Damit helfen die Menschen, die sich engagieren, zugleich aber auch dem Staat, seine höchsteigenen Unterstützungsaufgaben, die ihn selbst maßlos überforderen, stemmen zu können. Vielleicht. Vielleicht treten die non-government-Unterstützer*innen den staatlichen Einrichtungen mit ihrem Engagement aber auch mächtig in den allzu schwerfälligen Hintern und sorgen dafür, dass sie ihrer Verantwortung endlich gerecht(er) werden. Vielleicht kann Solidarität Druck machen auf diejenigen, die die Verantwortung nach „Europa“, auf „den Bund“ oder „die Kommunen“ abdrücken wollen – je nachdem, wie es wem gerade passt.

Ganz sicher aber setzen alle, die sich solidarisch für Geflüchtete und ihre Situation einsetzen, ein Zeichen gegen Rassismus und Abschottung, gegen das Kalkül von Grenzregimen und gegen alle, die von „Überfremdung“ und von „Einwanderung in die Sozialsysteme“ sprechen, aber „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen“ meinen.

In diesen Widersprüchen leben und handeln wir also. Und auch, wenn wir sicher noch viel darüber sprechen müssen, was Solidarität eigentlich bedeutet, wie sie aussehen kann und wen sie wann von Herzen unterstützt oder wessen Verantwortung sie zugleich vielleicht erleichtert, ist es vor allem Zeit, überhaupt zusammenzukommen und sich auszutauschen.

Mit ihrem Programm „No Border“ haben die Düsseldorfer SJD Die Falken in Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsinitiative STAY! genau hierfür Möglichkeiten geschaffen. In den kommenden Wochen wird es Ausstellungen, Diskussionen und Inputs, Konzerte und Lesungen geben, die die Themen „Flucht und Ankommen“, „Weggehen und Grenzen überwinden“ aufgreifen. Die von Rassismus, von Grenzregimen, Abschottungswut und Diskriminierung oder von rassistischer Gewalt sprechen. Die aber auch von Momenten erzählen, in denen Solidarität sich gut anfühlt und etwas in Bewegung bringt, und in denen diskutiert werden kann, wie Protest gegen die aktuelle Asylpolitik, Unterstützung von Geflüchteten vor Ort und praktische Solidarität aussehen können. Denn in genau diesen Widersprüchen gilt es, Position zu beziehen: No Border – No Nation – Refugees Welcome!

Die Veranstaltungen finden im Oktober, November und Dezember statt. Kommt vorbei!


Programm im Oktober:

Lesung: No Border // Vernissage: Andreas Langfeld „Status“
20.10.; 18 h; Foyer der VHS am HBF
Ausstellungsdauer: 20.10.–07.11.; Mo–Fr: 9–21 h, Sa+So: 9–16 h

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leicht- sinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.” (Aus: Flüchtlingsgespräche, Bertolt Brecht, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1961)
Andreas Langfelds Arbeit „Status“ ist eine kritische Auseinandersetzung zu asylpolitischen Themen und Fragestellungen. Sie setzt sich intensiv mit Anerkennen von Menschen und deren Würde auseinander und den Schwierigkeiten der Menschen, aufgrund ihrer Herkunft ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland zu bekommen.

Konzert und Lesung: Berlin BOOM Orchestra / Colektivo / Noah Sow: Lesung aus „Deutschland Schwarz Weiß“ 2015
23.10.; 19 h; Haus der Jugend, Lacombletstraße 10; Eintritt 12,- / 10,- Euro
„Nein, Mann! Ich brauch keine Grenze und ich brauch auch keine Nation!“ Beim Berlin BOOM Orchestra trifft kritische Theorie auf urbane Bassmusik. Moderner, tanzbarer Dancehall jenseits des gängigen Klischees vom tiefenentspannten Feel-Good-Gedudel. Colektivo aus Düsseldorf packen alles in ihre Musik, was ihnen über den Weg läuft und sprechen an, was gesagt werden muss.
Vorab liest Autorin und Aktivistin Noah Sow aus der neuen Auflage von „Deutschland Schwarz Weiß“, die für das E-Book umfangreich überarbeitet und aktualisiert wurde. Eine Inspiration und wichtige Grundlage für alle Aktiven, die sich trauen, nicht nur Schland, sondern auch ihre nähere Umgebung zu verändern.

Termine für November und Dezember in der nächsten TERZ-Ausgabe.