Ein Feld der Verwüstung

Weltkonzern Owens-Illinois Inc. hinterließ eine kontaminierte Industriebrache

Wäscht eine Hand die andere auch dann, wenn sie bis zum Ellenbogen in Arsen steckte? Wird das Verursacherprinzip für eine vergiftete Industrie­brache aufgehoben, nur weil der weltgrößte Hohlglas(Flaschen-)Produzent, die Owens Illinois Inc. (O-I) aus Perrysburg Ohio (USA), die 300.000 m2 nördlich der Bahnlinie in Gerresheim einmal zu ihrem Eigentum zählte? Beide Fragen könnten als Ausdruck eines Streites zwischen verschiedenen Kapitalinteressen und der „Vermittlung“ durch die Stadt Düsseldorf mit einem beschämenden „Ja!“ beantwortet werden.

Der entscheidende Punkt: Der Weltkonzern hat nach der Übernahme der Gerresheimer Glashütte im Dezember 2004 nach nicht einmal einem Jahr zum 31. August 2005 die Produktion eingestellt, die Maschinen demontiert, die verbliebenen Arbeiter*innen in die Arbeitslosigkeit entlassen. 200.000 m2 Werksgelände wurden vor rund dreieinhalb Jahren an die Patrizia Immobilien AG verkauft und weitere 100.000 m2 auf dem westlich gelegenen Areal gingen an die Stadt Düsseldorf.

Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes vom 28. Juni 2006 (Az. VIII ZR 124/05) müssen Mieter*innen, wenn sie aus seiner Wohnung ausziehen und sich zur „besenreinen“ Übergabe der Räume verpflichtet haben, ordentlich durchkehren und grobe Verschmutzungen beseitigt haben. Genau das hat O-I nicht gemacht. Dafür kann es zwei Gründe geben: O-I hat sich im Kaufvertrag nicht zur Reinigung verpflichtet und damit die Kosten für die Beseitigung der „groben Verschmutzungen“ an den Käufer durchgereicht. Der Käufer könnte damit sogar einverstanden gewesen sein, weil er kalkuliert hat, dass die Kosten auf die zukünftigen Immobilienbesitzer umgelegt werden könnten. Das alles unter den Augen des – am 20. Mai 2008 verstorbenen – Oberbürgermeisters Joachim Erwin (CDU) und des Umweltamtes.

Jeder einzelne der Restbelegschaft hätte Beispiele für die „groben Verschmutzungen“ auflisten können, deren Chronologie über Generationen und wechselnde Eigentumsverhältnisse geht. Glas ist so sauber, dass es im medizinisch-pharmazeutischen Bereich und in der Kosmetik eingesetzt wird. 73 Prozent des farblosen Behälterglases (Flaschen) bestehen aus Siliziumdioxid (SiO2), 10,5 Prozent Calciumoxid (CAO), 12,8 Prozent Natriumoxid (Na2O). Die Beigaben in der Produktion sind aber so giftig, dass selbst der Boden, auf dem die Schmelzwannen stehen, kontaminiert ist.

Noch nach dem 2. Weltkrieg gab es einen lebhaften „Werksverkehr“ zwischen der Glashütte und einem Areal auf dem Hippeland. Diese Fläche an der Torfbruchstraße gehörte der Glashütte und war baurechtlich als Grabeland ausgewiesen und damit nicht als Kleingartengelände gesichert. Die Glashütte konnte jederzeit wieder den Zugriff auf das Gelände nehmen. Den nutzte sie, denn östlich der „Nördlichen Düssel“ legte sie den „Brombeerberg“ an. Diese Erhebung war eine Aufschüttung mit „groben Verunreinigungen“ mit Auswirkungen bis heute: Der Hügel ist nicht freigegeben als Spielplatz.

Das Wiener Bundesumweltamt fasste für die Verwendung von giftigen Schwermetallen zum „Stand der Technik bei der Glasherstellung“ (R-152) zusammen: „Chromoxid wird bei Grünglas zum Färben verwendet. Selen und Arsen wird zur Entfärbung verwendet und verdampft zu 90 % bei Temperaturen über 80°C. Blei und Cadmium können über Metall- oder Kunstoffverunreinigungen sowie Emailfarbreste in die Glasschmelze eingeschleppt werden. Blei, Arsen oder Antimon werden in der Produktion von Bleikristallglas eingesetzt. Barium wird in der TV-Glaserzeugung eingesetzt.“

Auf dem Gelände der ehemaligen Glashütte sind die stummen Zeugen der Kontamination zu sehen: Kegelförmig aufgeschüttete Berge von Boden und Bauschutt. Die wurden dem Untergrund entnommen, werden auf dem Gelände gereinigt und wieder verfüllt. Das dauert. Das kostet. Originalton Patrizia-Pressemeldung vom 30.01.2014: „Die Sanierungskosten, die in vollem Umfang von PATRIZIA übernommen werden, belaufen sich voraussichtlich auf einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag.“

Mit den Erschließungsarbeiten zu Straßen, Wasser und Strom sollte im Frühjahr 2015 begonnen werden. Davon ist nichts zu sehen. Projektleiterin Gudrun Piesczek: „Bei vorsichtigem Optimismus rechnen wir fürs Jahr 2016 mit dem ersten Spatenstich für die Wohnbebauung im Glasmacherviertel.“ Ob der Termin gehalten wird, bezweifeln Beobachter*innen, denn es geht um relevante Verkehrsführungen, um die Straßenbahnanbindung und um den Tunnel unter dem Gerresheimer Bahnhof. Beachtlich ist auch die Aufstockung der geplanten Wohneinheiten von 1.000 auf 1.400, davon 400 nach dem Düsseldorfer „Handlungskonzept Wohnen“ im preisgesenkten und geförderten Sektor. Eine Preisliste für die zukünftigen Wohnungen liegt noch nicht vor ...

Die Gerresheimer DKP kritisiert, dass bei aller „Entschleunigung“ bei der Planung des Glasmacher-Viertels der Blick für einen Ersatz der verlorengegangenen Arbeitsplätze gänzlich verschwunden ist. Das von Patrizia genannte „kleine Gewerbe“ fehlt in der aktuellen Planung. Die letzte kleine Produktionsstätte auf dem städtischen Areal, die Firma Gerroplast GmbH, schloss am 30. April 2014 ganz. Bei der Stadt ist keine gewerbliche Folgenutzung zu erkennen. Die DKP schrieb deshalb auch an den Oberbürgermeister. Dabei sind Arbeitsplätze in Düsseldorf vonnöten. Die Agentur für Arbeit zählte für den August 2014 insgesamt 27.762 Arbeitslose und 36.323 Unterbeschäftigte (ohne Kurzarbeit). Dagegen waren nur 6.071 Arbeitsstellen gemeldet. – 150 Millionen Euro zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit hatte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles für 2015 angekündigt. Zur Zeit ist nicht zu erkennen, dass sich die Zahlen dadurch signifikant verbessert haben.

Vorschläge für eine weitere hochqualitative Glasproduktion hatte die DKP in die Diskussion gebracht. Sie wurden nicht akzeptiert. Zum Beispiel erneuerte Owens-Corning die Glasfaserproduktion – aber nicht hier, sondern in Frankreich. In Laudun-l’Ardoise wurden 22 Millionen Euro für den neuen Ofen 1 investiert. Ofen 2 kostete 26 Millionen. Lanxess investiert 15 Millionen Euro in zwei Schmelzöfen – in Antwerpen.

Gerresheimer – nicht zu verwechseln mit O-I – produziert an 40 Standorten. Der Konzern bezeichnet sich als „ein weltweit führender Partner der Pharma- und Healthcare-Industrie. Mit unseren Spezialprodukten aus Glas und Kunststoff tragen wir zu Gesundheit und Wohlbefinden bei. Wir sind weltweit vertreten und produzieren mit unseren 11.000 Mitarbeitern dort, wo unsere Kunden und Märkte sind.“ – nur nicht hier in Gerresheim.

In einer stillen Gedenkminute wurde noch einmal ein Blick auf das große Original-Transparent geworfen, das vor zehn Jahren hoch zwischen den Gemengetürmen wehte. Vor zehn Jahren wurde der Kampf um diese Arbeitsplätze verloren, weil kurzfristige Profitinteressen Vorrang hatten selbst vor Landesverfassung und Grundgesetz, die – eigentlich – Arbeitsplätze schützen sollen. Überall auf der Welt, aktuell besonders auch hier ist zu erkennen: Dieses System bietet vielfach keine Arbeitsplatzsicherheit, keine Gerechtigkeit und keine Zukunft.

UWE KOOPMANN