Denken – Handeln – Denken?

Der, wie er selbst sagt, „arbeitslose Autor“ und „Politaktivist (zu wenig)“ Robert Foltin hat auf knapp 200 Seiten zusammengetragen, was für ihn zum Mosaik der Gedanken- und Theoriegebäude hinter (oder vor?) autonomem Handeln gehört. Ob „autonome Theorien“ dabei fruchtbarer „Teil der emanzipatorischen Praxis“ autonomer Strukturen und Akteur*innen sind (oder andersherum?) bleibt offen, sein Titel-Fragezeichen inbegriffen. Platz zum Weiterdenken also – und zum Handeln.

Seit einigen Jahren gibt es auf dem linken und linksradikalen Buchmarkt vermehrt Bücher, die ausdrücklich Einführungen in ein Thema oder eine Theorie sein wollen und solche, die als Überblickswerke gedacht sind. Foltins neues Buch ordnet sich auf dem Regalmeter unter letzteren ein.

Der 1957 geborene Robert Foltin ist vor allem durch seine Mitarbeit an der vor kurzem nach 52 Ausgaben geschlossenen Zeitschrift „grundrisse“ aus Wien bekannt. Deren Texte sind alle online zugänglich. Er hat unter anderem zwei gute Bücher über die Geschichte sozialer Bewegungen in Österreich geschrieben und ist einer derjenigen, die dankenswerterweise die politischen Ansätze des Postoperaismus von Antonio Negri / Michael Hardt und anderen kritisch diskutiert und bekanntgemacht haben.

Das neue Buch will „(Revolutions)-Theorien vorstellen, die in autonomen Szenen diskutiert werden“, so der Globalansatz im Vorstellungs-Text auf der Rückseite. Wer aber die Vielfalt – Foltin nennt es „Patchwork“ – linksradikaler Politikformen kennt, kann sich vorstellen, dass das, erst recht auf knapp 200 Seiten, eine große Herausforderung ist. Der erste Blick ist hierbei folgerichtig auch ein historischer, wenn Foltin das „Patchwork“ an seinen längfädigen Zipfeln zu packen sucht. So stellt Foltin also zunächst kurz historische, antiautoritäre Vorläufer autonomer Theorien, wie den historischen Anarchismus, Rätekommunismus und „1968“ vor. Im folgenden, mehr als die Hälfte des Buches umfassenden aktuellen Teil werden klassischer Anarchismus, Operaismus, (anarchistischer) Insurrektionalismus (Stichwort: „Der kommende Aufstand“), autonomer Antiimperialismus und schließlich Feminismus dargestellt. Antideutsche und Wertkritik werden ebenfalls diskutiert.

Nach der Lektüre des schmalen, aber als Theorie-Setzkasten mit Schwergewichten autonomer Konzepte dicht bestückten Bandes, stellt sich aber einmal mehr die Frage, ob sich ein solches Patchwork zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen vermag oder gar in Kategorien pressen lässt. Oder ob eine solche Vielfalt, wenn sie in dieser platzsparenden Zusammenstellung als Überblick angeordnet ist, nicht zwangsläufig verkürzt und banalisiert werden muss. Andererseits ist das Buch möglicherweise hilfreich für Leser*innen, die wissen wollen, was die Generationen vor ihnen sich gedacht haben zu dieser Welt und dazu, wie eine andere erkämpft werden könnte. Vielleicht machen es gerade Bücher wie dieses einfacher, kritisch zu lesen, nicht aufzuhören (oder besser: überhaupt damit anzufangen) Fragen zu stellen, sich selbst einzuordnen in eine Denktradition, Reibungspunkte, Gegenstandpunkte zu finden und Weiterentwicklungen zu ergründen.

Eingelesene Theoriefreaks hingegen werden am Ende vor allem das Literaturverzeichnis zu schätzen wissen, sonst jedoch kaum Neues entdecken. Welchen Gewinn die Leser*innen von Foltins „Autonomen Theorien“ und „Theorien der Autonomen“ konkret habe, möge jede*r selbst entscheiden. Die Mehrheit „der Autonomen“ engagiert sich ja ohnehin politisch – ohne größere theoretische Kenntnisse.

Bernd Hüttner

Robert Foltin: Autonome Theorien – Theorien der Autonomen
mandelbaum Verlag, Wien 2015, 192 Seiten, 15 EUR