Zurück in die Zukunft

„Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen. Der Regen von gestern macht uns nicht nass, sagen viele. Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod. Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen. Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon Asche in unserem Mund sind!“, so Bertolt Brecht 1952 in „Das Gedächtnis der Menschheit“. Und heute am Ende des Jahres 2015, lässt das Zentrum für politische Schönheit mit dem Chefunterhändler Philipp Ruch in Kooperation mit dem Schauspiel Dortmund Philosoph*innen aus dem Jahr 2099 anreisen, um das politische Engagement der Menschen im 21. Jahrhundert zu erforschen. Das Anliegen der Philosoph*innen ist es, die Geschichte des 21. Jahrhundert umzuschreiben. Das Schicksal der Menschheit soll korrigiert werden. Geschichte würfelt. Und es sind die Worte, die Rhetorik, die das Jahrhundert verändern werden, nicht die futuristischen Erfindungen. Das Publikum muss handeln, bevor es zu spät ist. Also: HUMANISMUS!

„Jedes verdammte Mal hättest Du merken können: Die Menschheit ist nicht einfach nur da. Die Menschheit wird dir jeden Tag genommen. Du musst sie Tag für Tag verteidigen. Jeden Tag auf’s Neue – gegen die Schwerkraft.“ (Sebastian Kuschmann in „2099“)

Die TERZ hat dem Aktionskünstler Philipp Ruch kurz vor der Premiere seiner Inszenierung von „2099“ einige Fragen stellen können.

TERZ: Das ZPS gehört zu den innovativsten Inkubatoren politischer Aktionskunst und ihr versteht euch als eine Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit. Mit welcher Aktion habt ihr das ZPS eingeweiht?

Philipp Ruch: Wir haben zu unserem Amtsantritt einen Anschlag auf den Deutschen Bundestag verübt – mit Thesen. Und da uns kein namhafter Autohersteller eine Dienstlimousine zur Verfügung stellen wollte, haben wir uns gedacht, wir brechen das mal etwas auf und sind auf Pferden angeritten. Leider war das Hauptportal nicht aus Holz. Luther hätte da heute seine Schwierigkeiten, 99 Thesen dranzuhämmern. Wir hatten aber auch nur 10.

TERZ: In eurer Aktion „die Toten kommen“ habt ihr, um es mit euren Worten zu sagen: „Opfer der militärischen Abriegelung Europas im Herzen des Kontinents geehrt und beerdigt“. Diese künstlerische Aktion war ziemlich erfolgreich und hat viele Menschen in den unterschiedlichsten Ländern mobilisiert. Natürlich gab es auch Kritik, wie beispielsweise von Radek Krolczyk. Er schreibt in seinem Konkret-Artikel „Gespenstersonaten. Eine Kritik der Aktionen des Zentrums für politische Schönheit“, dass er eure Aktion „die Toten kommen“ nicht konkret genug fand. Sprich: Er fand, dass ihr die Geflüchteten nur als anonyme Masse habt vorkommen lassen und genau wie die öffentliche Berichterstattung die einzelnen Menschen nicht in den Fokus genommen habt. Findest Du die Äußerung gerechtfertigt?

Philipp Ruch: Nein. Arno Widmann schreibt zu unserer Aktion „die Toten kommen“ in seinem Berliner-Zeitungs-Artikel „So werden Flüchtlinge zu Menschen. Kommentar zum Zentrum für politische Schönheit“: „Ab und zu sehen wir Menschen, die aus dem Mittelmeer aufgefischt werden. Die nächtens mit ihren Booten untergehen, sehen wir nicht. Aber das, was wir sehen, ist mehr, als was wir ertragen können. Menschen, die ihr Leben riskieren, um eines mitten unter uns führen zu können. Wir werden mit den Folgen dessen, was wir tun oder lassen, konfrontiert. Das ist das eine. Das andere ist: Die Aktion des Zentrums für politische Schönheit verwandelt Leichenberge in zu Tode gebrachte Einzelne, sie verwandelt Flüchtlinge in Menschen. Und sie bestärkt uns in dem Gefühl, dass wir dabei sind, schlimmste Fehler zu begehen. Das Berliner Zentrum für politische Schönheit bringt uns, da die Lebenden es nicht geschafft haben, die Toten ins Land. Wir fragten nicht nach den Toten und was mit ihnen geschah. Das tun jetzt die Künstler.“ Unter anderem hatten wir das Problem, dass wir den Angehörigen Anonymität zusichern mussten. Wir mussten deren Partei mit vertreten. Aber wir haben das Schicksal der Getöteten umfassend geschildert.

TERZ: Am 19. September 2015 findet mit „2099“ die erste Inszenierung des ZPS statt, wie kommt ihr von Aktionskunst ins konventionelle Stadttheater?

Philipp Ruch: Aus rein finanziellen Gründen, um den laufenden Betrieb halbwegs solvent zu halten.

TERZ: Worum geht es in „2099“?

Philipp Ruch: Es geht um vier Philosophen, die vom Ende des 21. Jahrhunderts über eine Zeitreise auf die Theaterbühne des Schauspiels Dortmund kommen, nun den Zuschauern vom Beginn des 21. Jahrhunderts gegenüberstehen und sie mit ihrer (Un-)Tätigkeit konfrontieren. Dabei versuchen die Philosophen aus „2099“, die Geschichte des 21. Jahrhunderts umzuschreiben. Sie sind von der Überzeugung getragen: Natur würfelt nicht, aber die Geschichte würfelt. Der Humanismus des Publikums wird verlangt, damit das Schicksal korrigiert werden kann.

TERZ: Eure Inszenierung „2099“ lehnt sich an Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ an und beschreibt ein revolutionäres Sprechtheater, in dem die vierte Wand nicht nur weg ist, sondern zertrümmert wurde. Wieso war euch die Wende zum Sprechtheater wichtig?

Philipp Ruch: Wir halten sehr viel vom gesprochenen Wort und relativ wenig von dem ganzen Inszenierungsfirlefanz, der im Theater derzeit üblich ist. Rhetorik und die Kraft von Rhetoren ist das, was uns in „2099“ beschäftigt und fasziniert.

Vielen Dank für das Gespräch und ganz viel Erfolg bei euren weiteren Aktionen!

Die nächsten Spieltermine für „2099“:

Schauspiel Dortmund

25.10.2015
07.11.2015
13.11.2015
08.01.2016
13.01.2016

Karten unter: 0231/ 50 27 222 oder unter http://www.theaterdo.de