Eine Villa für Geflüchtete?

Zum verwilderten Anwesen des verstorbenen Dr.-Ing. E. h. Hans-Günther Sohl

Die DKP Gerresheim wurde von interessierter Seite darauf aufmerksam gemacht, dass sie doch anregen könnte, die leere Villa des Industriemagnaten Hans-Günther Sohl (1906 – 1989) als Unterkunft für Geflüchtete in die politische Diskussion einzubringen. Das Grundstück Am Gartenkampf 12 mit seinen 40.000 m2 könnte sinnvoll dafür genutzt werden. Die DKP übernahm die freundliche Anregung in der Form eines zurückhaltenden Prüfantrags: „Die Bezirksvertretung 07 bittet die Verwaltung zu prüfen, ob und in welchem Maße die riesige Fläche am Gartenkamp (40.000 qm) und das große leerstehende Gebäude (Villa Sohl) in Absprache mit dem Eigentümer als Unterkunftsfläche für Geflüchtete genutzt werden kann.“ Zur Begründung hieß es ebenso zurückhaltend: „Vielleicht trägt diese Anregung dazu bei, die zweifellos angespannte Lage bezüglich der Unterbringung der Geflüchtete wenigstens punktuell zu entlasten.“

Der Antrag ging am 13. September, 16:05 Uhr, ans Gerresheimer Rathaus und gleichzeitig an die Geflüchtetenbeauftragte Miriam Koch (Grüne) und den Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD). Auf der Seite der Geflüchtetenbeauftragten heißt es, „auch leerstehende Gebäude werden genutzt, wenn sie für die Unterbringung von Menschen geeignet sind. Ziel ist, die Geflüchtete auf das ganze Stadtgebiet sozialverträglich zu verteilen.“

Die Leiterin der Bezirksverwaltungsstelle im Gerresheimer Rathaus, Claudia von Rappard, kam schon einen Tag später der Bitte nach, alle Mitglieder der Bezirksvertretung (BV) über das Anliegen zu informieren. Von den Mitgliedern der BV aus CDU, SPD, FDP, Grüne und Linkspartei mochte aber niemand der Initiative in der Form eines Dringlichkeitsantrages zustimmen. Aus dem Gremium verlautete: „Die Ampel will nicht. Man hält das für politisches Harakiri. Und ein Scheitern eines solchen Antrags in der BV wäre Mist. Frau Koch kann aber natürlich auch ohne BV-Beschluss mit den Eigentümern reden.“ Auch Wolfram Müller Gehl (Linke) befürchtete, dass ein Eilantrag in der BV keine Mehrheit fände und deshalb besser als „regulärer Antrag“ in der kommenden Sitzung eingebracht werden sollte. Bezirksbürgermeister Karsten Kunert (SPD) bestätigte: „Der Antrag wurde...von keinem BV-Mitglied übernommen.“ Er sicherte aber zu, dass er die Anregung der Geflüchtetenbeauftragten zuleiten werde. Bei ihr säßen mittlerweile Leute vom Wohnungsamt, „die jede Anregung checken“. Das ginge schneller als über einen Antrag, „der nur durch interfraktionelle Unterstützung Aussicht auf Erfolg hätte.“

So ging der Antrag an das Büro des Oberbürgermeisters zur Prüfung, ob er denn als Einwohnerantrag zugelassen werden könnte. Die Prüfung ist nicht abgeschlossen.

Die Villa, so verlautete, stehe derzeit zum Verkauf. Es gebe einen „heißen Interessenten“. Eingeräumt wird gleichzeitig, dass das Gebäude seit nun mehreren Jahren unbewohnt und auch unbeheizt sei. Der Zustand sei „entsprechend“. Auch SPD-MdL Bernhard „Felix“ von Grünberg, bis vor ein paar Wochen Vorsitzender des Mieterbundes NRW, hat sich dagegen darüber informieren lassen, „dass die Nutzung der Villa Sohl als Geflüchtetenunterkunft derzeit bereits erwogen und politisch sicherlich klug entschieden wird.“

Die ungenutzte Sohl-Villa für Geflüchtete seitens der Stadt anzumieten oder die Sohl-Erben gar im Interesse des Gemeinwohls zu enteignen, war aber nicht Thema im Gerresheimer Rathaus.

Dabei steht die Immobilie seit rund zehn Jahren leer. Bis zum Tod von Baroness Anneliese von Wrede, der Witwe Sohls, wurde der landschaftsgeschützte Sohl-Park von den Gärtner*innen des Thyssen-Konzerns gepflegt. Mit dem Tod von Frau Wrede erlosch das Pflegschaftsverhältnis – und alles verwildert. Vermutlich eine Ausnahme: der Atomschutzbunker im Keller unter dem Keller. In der Villa gibt es eine „anrüchige“ Atmosphäre, denn Hase und Igel, Fuchs, Ratten und andere Tierarten haben über Jahre Losung und andere individuelle Duftnoten abgesondert, um die Eigentumsverhältnisse neu zu dokumentieren.

Sohl selber hat seine eigene Vita eingebracht: NSDAP-Mitglied (1933 bis 1945), Wehrwirtschaftsführer der Reichsvereinigung Eisen (ab 1942), Internierungsgefangener (1945 bis 1947), Vorstandsvorsitzender der Thyssen AG, Träger u.a. des großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland. Sohl war auch aktiv im Vorstand der Vereinigten Stahlwerke AG (VESTAG), die nach Angaben von Reichskanzler Heinrich Brüning schon 1932 eine Spende von 500.000 Reichsmark an die NSDAP abgedrückt haben. VESTAG-Chef Albert Vögler war schon 1919 Mitinitiator des Antibolschewismusfonds, der in die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht involviert war. Die Morde an Vertreter*innen der Arbeiter*innenbewegung wurden in der Zeit des NS-Regimes systematisch fortgesetzt, als Sohl Mitglied der NSDAP war.

Die Villa dürfte bis zum Ableben Sohls den passenden gesellschaftlichen Rahmen des Dr. E.h. (TH Aachen und Escola de Minas in Ouro Preto, Brasilien), abgegeben haben, zumal er in fast allen großen deutschen Konzernen wirkte – der Spiegel zählte 1962 bereits 15 Aufsichtsratmandate. Baubeginn für die Villa war 1960. Knapp ungenau ordnete das Hamburger Leitmedium den Bauplatz dem „Stadt“-Teil „Dorf Hubbelrath“ zu. Das Grundstück Am Gartenkamp 12 grenzt zwar rückwärtig an „Hubbelrath“, liegt aber im Stadtteil Ludenberg. Die Stadtteilgrenze bildet in diesem Bereich der Rotthäuser Weg. Da mag sich der SPIEGEL sozial-ideologisch durch das pekuniäre Image von Hubbelrath selber geblendet haben.

Der Express ordnet das Areal zwar richtig Ludenberg zu, bezeichnet diesen östlichen Zipfel aber zugleich als „Millionärshügel“. Die DKP hat keinen genauen Einblick in die Konten der Bewohner*innen im Umfeld der Villa Sohl. Sie kann die Vermögensverhältnisse auch nicht abgleichen mit dem Privatkundengeschäft der Stadtsparkasse, das unter der Regie von Andreas Goßmann von 2,1 Mrd. Euro (2009) auf stattliche 3,5 Mrd. Euro (2011) gewachsen war. Dass die Bewohner*innen im Umfeld der Sohl-Villa nicht unbetucht sind, lässt die benachbarte Architektur erahnen. Bisweilen hilft ja neben eigener Leistung eine Erbschaft, um den Kontostand anzuheben.

Der Sohl-Besitz ist inzwischen an die Familie des Freiherrn Riederer von Paar übergegangen. Dieses bayerische Adelsgeschlecht hatte durch Max R. v. P. ebenfalls eine besondere politische Schlagseite: Er half als Zeitfreiwilliger des Freikorps Epp die Münchner Räterepublik niederzuschlagen und gehörte 1945 zu den Gründern der CSU. Die Herrschaften sind möglicherweise untereinander so zerstritten, dass sie die geschätzte Vermietung für circa 10.000 Euro pro Monat oder die Veräußerung der Immobilie seit Jahren nicht geregelt bekommen. Aus der Nachbarschaft kann das hemmungslose Wachstum auf dem Sohl-Biotop von Josef Baron Riederer von Paar vom Rotthäuser Weg aus beobachtet werden. Die Ludenberger Bürgerinitiative würde die Geflüchtetencontainer gerne an geeigneter Stelle sehen und kritisiert, dass die Geflüchteten nicht in freien Wohnungen untergebracht und integriert werden.

Der Boulevard munkelt, dass der Erlös für Villa und Grundstück durch Geflüchtetencontainer leiden könnte. Vielleicht würden bei den traumatisierten Geflüchteten auch psycho-mentale Belastungen ausgelöst werden, wenn sie wüssten, auf wessen Herrn Grundstück sie deportiert wurden. Die Firmen, denen Sohl vor 1945 an verantwortlicher Stelle diente, waren schließlich an Krieg, Tod und Verbrechen gewinnbringend beteiligt.

Die Gerresheimer DKP ist jedenfalls der Auffassung, dass in dem „Stall“ ordentlich ausgemistet werden müsste. Mit einer Aktion vor dem Stahltor hat sie schon einmal vorgegriffen: „Geflüchtete willkommen!“

Uwe Koopmann