Hoch lebe die Schlamperei!

Mit der Düsseldorf-Premiere von Brechts „Flüchtlingsgesprächen“ am 4. November 2015 führt das Schauspiel Düsseldorf seine Spielreihe „brecht auf!“ als Andenken an den Dramatiker Bertolt Brecht fort. Dabei setzt die Inszenierung von und mit Andreas Weißert und Jürgen Mikol ganz aufs gesprochene Wort und schafft es so, die Aktualität des Textes in den Vordergrund zu stellen.

„Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber der Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ Was Brecht 1940/41 in seinem finnischen Exil verfasst hat, ist heute noch ernste Realität. Viele Menschen müssen aus den unterschiedlichsten Gründen ihr Land verlassen, meist auch Familie und Freunde zurücklassen, um andernorts leben zu können. In den „Flüchtlingsgesprächen“ lässt Brecht zwei geflüchtete Männer auftreten, die sich in einem Bahnhofsrestaurant in Helsinki treffen. Der Arbeiter Kalle (Jürgen Mikol) und der Physiker Ziffel (Andreas Weißert) entwickeln innerhalb von 18 Dialogen eine Freundschaft. Sie unterhalten sich vor allem über ihre politischen Ansichten, die internationale Lage, Sozialismus und über ihre ganz eigenen erlebten Geschichten.

Die Inszenierung von und mit Jürgen Mikol und Andreas Weißert setzt mit ihrer spartanischen Einrichtung aufs gesprochene Wort und arbeitet mit wenig Requisiten, so dass man sich ins amerikanische Off-Broadway versetzt fühlt. Die Darsteller ergänzen einzelne Unterbrechungen, die der Text „Flüchtlingsgespräche“ bietet, meist mit Fremdtexten und äußern sich so zur aktuellen (Flüchtlings-)Politik. Erfreulich sind dabei kritische Stimmen zu de Maizière oder Seehofer, die sich regelmäßig negativ über Geflüchtete äußern und eine Art von Hetze gegenüber diesen Menschen betreiben. Etwas verwunderlich ist, dass Düsseldorf mit seinem momentan konservativen Haus solche Stimmen aufführen lässt. Denn sein geliebtes Abonnement-Publikum zählt zu de Maizières und Seehofers Kamerad*innen.

Leider sorgt die spartanische Einrichtung, die den Fokus auf die Sprache richtet, nicht für eine vollständige Konzentration auf Brechts Text, sondern lässt immer wieder die Gedanken abschweifen. Dies mag nicht an der überzeugenden Spielweise der Darsteller liegen, sondern eher an der Tatsache, dass der Mensch im modernen Zeitalter es nicht mehr gewohnt ist, sich fast zwei Stunden auf einen komplexen Text zu konzentrieren. Deswegen hätte es der Inszenierung keinen Abbruch getan, wenn etwas mehr Requisite oder einige Effekte im Spiel gewesen wären. Auch die zu groß gewählte Räumlichkeit hat der Inszenierung keinen Gefallen getan, weil die Energie und die Atmosphäre der Darsteller oft in der Saal-Leere verpuffen, was schade ist. Nichtsdestotrotz bringen die beiden brillanten Darsteller die besonderen Momente von Brechts „Flüchtlingsgesprächen“ zur Geltung; etwa den Ordnungswahn eines KZ-Aufsehers, der lieber gar nicht schlägt als unordentlich. Oder Ziffels Erkenntnis, dass die Schlamperei schon Tausenden von Menschen das Leben gerettet hat. Nun also ein Hoch auf die Schlamperei – denn die Ordnung hat versagt, das Chaos sei willkommen!

Sabine Schmidt

„Flüchtlingsgespräche“
Düsseldorfer Schauspielhaus

03.12., 12.12., 27.12., 29.12., 28.01.

Karten unter: 0211 / 36 99 11 oder unter
http://www.duesseldorfer-schauspielhaus.de/de/index/spielplan/alle-stuecke/stueck.php?SID=1710.