Diskussionskultur

In Düsseldorf wird seit einiger Zeit viel über Kultur geredet, und das Gesprächsaufkommen dürfte demnächst sogar noch wachsen. Der Weg zum „Kulturentwicklungsplan“ ist nämlich mit vielen Workshops und Diskussionsrunden gepflastert. Taten folgten den Worten bislang jedoch kaum.

Bei der zakk-Diskussion „Die Off-Szene vor dem Aus?“ im Februar diesen Jahres hatte Oberbürgermeister Thomas Geisel ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Subkultur gezeigt und den Initiativen seinen Beistand versichert. Ein paar Monate später war er konkreter gefordert. Das WP8, Farbfieber, Cabinett, Brause, Onomato, Plan.D. Produzentengalerie, Reinraum, Solaris und damenundherren überreichten dem Sozialdemokraten im damenundherren daselbst einen Forderungskatalog mit zehn Punkten (TERZ 11.15). Die Gruppen verlangten unter anderem eine bessere Kooperation zwischen den städtischen Behörden, um das Einholen von Genehmigungen nicht zu einem unendlichen Marsch durch die Institutionen werden zu lassen, und eine Vereinfachung der Antragsabrechnungen. Zudem traten sie dafür ein, die Förder-Kriterien handhabbar zu gestalten und den Projekt-Förderzeitraum zu ändern, da die in der Regel erst Ende März erfolgenden Bewilligungen Veranstaltungen am Anfang des Jahres zu einem besonderen finanziellen Risiko machen. Überdies drangen die Initiativen auf mehr Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Örtlichkeiten für Aktivitäten und auf eine stärkere Einbeziehung der Off-Szene in die Kulturpolitik.

Geisel stellt sich

Das waren allesamt vernünftige und pragmatische Forderungen, gegen die eigentlich keine*r groß was haben konnte, außer vielleicht gerade das. Und so hatte auch Thomas Geisel theoretisch nichts gegen sie, praktisch jedoch nicht viel zu ihrer Verwirklichung aufzubieten. Den Verweis auf die oft beschwerlichen Ämter-Gänge nahm er nur als Vorlage, um für die von ihm geplante Verwaltungsreform zu werben, welche der Personalnot im Rathaus und in dessen Außenstellen – ver.di spricht von 1.000 unbesetzten Arbeitsplätzen – nicht mit Neu-Einstellungen, sondern mit einer Effizienz-Offensive begegnen will. Was das Auftun von Räumlichkeiten betrifft, so musste der Oberbürgermeister zugeben, die Möglichkeiten der Stadt überschätzt und die vielfältigen Hindernisse wie Auflagen zum Brandschutz und zu Rettungswegen nicht abgesehen zu haben.

Mit der Einrichtung einer Koordinierungstelle für die Off-Kultur hatten die Gruppen fest gerechnet, weshalb der Punkt in dem Forderungskatalog gar nicht mehr extra auftaucht. Aber selbst hier hapert es. In ihrem Koalitionsvertrag hatten sich SPD, Grüne und FDP zwar für eine*n solche*n Ansprechpartner*in ausgesprochen und die Angelegenheit mit ihrer Mehrheit politisch auch auf den Weg gebracht. Die Verwaltung hatte jedoch andere Pläne. Sie hat den Posten kurzerhand dem Aufgabenbereich des Kreativwirtschaft-Beauftragten im Wirtschaftsförderungsamt zugeschlagen. Und die Ampel-Koalitionär*innen müssen jetzt sehen, ob sie das noch hinbiegen können.

In Sachen „Stärkere Einbeziehung der Off-Szene in die Kulturpolitik“ verweist Rotgrüngelb auf den bei der Kulturpolitischen Gesellschaft in Auftrag gegebenen „Kulturentwicklungsplan“. Bei diesem handelt es sich nämlich um das große Mitmach-Angebot der Stadt. „Wir wollen die Kultur durch einen Kulturentwicklungsplan in die Diskussion bringen. Gemeinsam mit den Kulturschaffenden und den Bürgerinnen und Bürgern wollen wir die Düsseldorfer Kulturlandschaft evaluieren, qualitativ weiterentwickeln und zukunftsfest machen“, heißt es in dem von der Ampel-Koalition eingebrachten Ratsantrag zum Thema.

Bei dem Podiumsgespräch zum „Kulturentwicklungsplan“, zu dem die „Freie Gruppe Düsseldorf“ – ein Verbund unter anderem von Forum Freies Theater (FFT), Tanzhaus NRW, Filmwerkstatt und einzelnen Künstler*innen – am 8. November ins FFT geladen hatte, hielt sich die Begeisterung von damenundherren-Aktivist Axel Kopp, sich in den Prozess einzubringen, allerdings in Grenzen. „Der Off-Kultur wäre schon viel geholfen, wenn die im Koalitionsvertrag vereinbarten Beschlüsse, zum Beispiel zur Koordinierungsstelle für die Subkultur, auch umgesetzt würden. Dafür brauchen wir keinen Kulturentwicklungsplan, das setzt da viel zu hoch an“, sagte er. Überhaupt hatten für ihn, ganz im Sinne des Forderungskatalogs, ganz praktische Dinge mehr Bedeutung. Schaden könne ein solcher Plan aber auch nicht, meinte Kopp und gab damit der Hoffnung Ausdruck, dieser würde vielleicht den Blick stärker auf die ungleiche Verteilung der Gelder im Kulturhaushalt lenken. „Es wird kaum mehr als ein Prozent vom Kulturbudget sein, das in die Off-Kultur reingeht“, monierte er. Da sah sich Kulturdezernent Hans-Georg Lohe gleich zu einer Richtigstellung bemüßigt. FFT, zakk und Tanzhaus NRW eingerechnet, käme die freie Szene auf fünf Prozent der Gelder, rechnete er vor. „Wenn man die nicht hinzurechnet, sind wir bei ca. 0,1 Prozent“, entgegnete Kopp ihm da schlagfertig.

Die fast komplett gebundenen Mittel im Kultur-Haushalt, die größtenteils an Oper, Schauspielhaus, Kunstpalast und Tonhalle gehen, thematisierte auch der bestallte Kulturentwicklungsplaner Patrick S. Föhl. „Das kann man (...) nicht von heute auf morgen verändern. Man kann darüber sprechen, wie man zukünftig damit umgehen möchte, ob man das möglicherweise (...) durch neue Kooperationsformen ein Stück weit auflöst und diese Häuser dann auch für andere Kulturakteure zugänglich macht oder ob man andere Wege findet. Aber ganz wichtig ist, dass es darum geht, in einen konstruktiven Dialog zu kommen.“ Und dafür böten die im Rahmen der Erstellung des „Kulturentwicklungsplans“ vorgesehenen Workshops und Diskussionsrunden eine gute Möglichkeit, warb er für sein Projekt. Eine Gesprächsanbahnung hätte eigentlich schon an Ort und Stelle stattfinden können, denn die Veranstalter*innen hatten auch die Vertreter*innen der großen Kultureinrichtungen ins FFT gebeten. Diese mussten jedoch absagen. Die Einladung sei zu kurzfristig erfolgt, hieß es unisono.

Der Off-Szene stellte Föhl in Aussicht, durch den „Kulturentwicklungsplan“ zu mehr Sichtbarkeit in der Stadt zu gelangen und so ihr Standing zu verbessern. Mit inhaltlichen Aussagen hielt er sich ansonsten zurück und dämpfte die mancherorts an ihn herangetragenen Erwartungen, Düsseldorf eine neue Kulturpolitik zu stricken. Der Diplom-Kulturarbeiter will sich stattdessen aufs Formale beschränken und neue „Ermöglichungsstrukturen“ schaffen. Diese sollen dann für mehr Austausch sorgen und flexibel genug sein, auf Veränderungen zu reagieren, wie z. B. auf die Geflüchteten-Frage, die Föhl ganz im Sinne seines Kulturverständnisses „Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik“ als große Herausforderung auch für die Kulturszene ansieht.

Bauen im Bestand

Als Dienstleister ohne Mandat für große Würfe ausgestattet, ist Bauen im Bestand Föhls Devise. „Was kann man machen mit dem, was da ist“, lautet seine Ausgangsfrage. Und für ihn gibt es heutzutage, da die Politik im Sinne einer „additiven Kulturpolitik“ nicht einfach immer mehr Geld für neue Aufgaben bereitstellen will, schlichtweg keine andere Alternative, als umzusortieren und vermehrt auf Kooperationen zu setzen, um nicht den Anschluss zu verlieren und „in Zeiten des Wandels mitgestalten zu können“. Dieser realpolitische Ansatz passt Geisel & Co. natürlich gut in den Kram, die zwar das Kultur-Budget zu Gunsten der freien Szene um 1,4 Millionen Euro aufgestockt, den Etats der einzelnen Einrichtungen und Initiativen im Rahmen ihres Spar-Programms aber ebenso wie denjenigen der anderen Ressorts eine 2-prozentige Kürzung verordnet haben.

Obwohl Föhl sich eher als Moderator zu verstehen scheint und die Arbeit am „Kulturentwicklungsplan“ als einen offenen Prozess beschreibt, geht es nicht so ganz ohne Inhalte. Und hier treffen sich die Erwartungen von Politik und Verwaltung nahezu perfekt mit dem, was Föhls „Netzwerk Kulturberatung“ als seine Arbeitsschwerpunkte definiert: Kulturelle Bildung, Kultur-Tourismus, Kulturwirtschaft und „spartenspezifische Herausforderungen wie die öffentliche Theater- und Museumsinfrastruktur“. Mit der Museumsinfrastruktur, im Speziellen, was die kleineren Institute wie Goethe-, Hetjens- und Theatermuseum angeht, hadert die Stadt nämlich schon lange. Beim Modethema „Kulturelle Bildung“ wiederum locken viele Förderprogramme von Bund und Land, die es stärker anzuzapfen gilt. Fremdenverkehrstechnisch schließlich sieht sich die Rhein-Metropole seit Längerem schlecht aufgestellt, weshalb die Ampel-Koalition gerade die Agentur „Düsseldorf Marketing und Tourismus“ umstrukturiert. Sie will wohl in diesem Bereich stärker auf den kulturellen Faktor setzen. Da regte sich jedoch auf dem Podium schnell Widerstand. Jörg-Thomas Alvermann etwa, Sprecher des Vereins Düsseldorfer Künstler, verspürte wenig Lust, qua „Kulturentwicklungsplan“ an der „Selbstoptimierung der Stadt“ mitzuwirken. Patrick Föhl versuchte da zu beschwichtigen. Er hob zwar angesichts der wichtigen Rolle, die auswärtige Besucher*innen gerade für Museen spielen, die Wichtigkeit dieses Faktors hervor, betonte aber zugleich, es gehe dabei weniger um Marken-Bildung, sondern um spezielle Themen und überhaupt: Kultur-Tourismus „muss sich (...) nicht immer nur nach rein ökonomischen, marketing-technischen Kriterien ausrichten“. Der Kulturarbeiter wollte sich hingegen eher mit der Frage beschäftigen „Wie kann man denn guten Kultur-Tourismus machen?“

Dazu wird Föhl bis Ende 2016 bestimmt eine Antwort vorlegen. Und die kleineren Museen müssen sich im Zuge der Kulturentwicklungsplanerfüllung wohl auf eine Zusammenlegung einzelner Abteilungen oder sogar ganzer Häuser gefasst machen. Die Subkultur darf vielleicht in Zukunft mal das Schauspielhaus oder zumindest die Probe-Bühne an der alten Paket-Post bespielen. Es könnte künftig auch ein paar Veranstaltungsreihen geben, die kultur-übergreifend in den größeren Einrichtungen und in kleineren Offszene-Läden stattfinden. Viel mehr steht nicht zu erwarten. Und in der Zwischenzeit ganz viel Diskussionskultur.

JAN