Glashütten-Gelände

Die Last mit der Altlast

Unter dem Pflaster reagiert die Chemie: Das Gelände der ehemaligen Gerresheimer Glashütte ist hochgradig mit den Hinterlassenschaften der Produktion belastet. Die Sanierung übernimmt der neue Besitzer Patrizia Immobilien. Die teuerste Lösung wird sie bestimmt nicht wählen. Aber auch die Steuerzahler*innen tun mit, nur die Glashüttler selber nicht.

Am 28. April 2011 fragten Peter Knäpper und Dr. Rudolf Halberstadt von der SPD-Fraktion den Vorsitzenden des Ausschusses für Planung und Stadtentwicklung, den CDU-Ratsherrn Dr. Alexander Fils: „Wann werden die Baumaßnahmen zur Baufeldfreimachung (einschließl. Altlastensanierung) auf dem Gelände der ehemaligen Glashütte Gerresheim abgeschlossen sein“? Die Fragen fußten auf der Gesetzgebung: Bundesbodenschutzgesetz (BBodSchG) von 1999 und das Landesbodenschutzgesetz (LBodSchG) aus dem Jahr 2000. Die Gerresheimer Glashütte war auch kein Einzelfall: Mehr als 300 Altablagerungen wurden ermittelt.

Eine lange Geschichte

Knapp drei Jahre zuvor, im Juni 2008 gab es die Entscheidung bei einem beschränkten Wettbewerb für Architekten und Landschaftsarchitekten. Auslober war die Landeshauptstadt Düsseldorf, deren Oberbürgermeister Joachim Erwin wenige Tage zuvor, am 20. Mai 2008, gestorben war. Fils und Halberstadt gehörten zu den Preisrichter*innen, ebenso Bezirksvertreter*innen aus dem Gerresheimer Rathaus, Joachim Herzig für die Gerresheimer Glas AG und der damalige Beigeordneter Dr. Gregor Bonin als „Ober-Richter“, der über die Einhaltung der CDU-Wünsche wachte.

Eines war 2008 für die Wettbewerbsgewinner nicht abzusehen: Wann werden die Pläne umgesetzt? Wann werden die geplanten Wohnungen bezogen? Entscheidend war nämlich nicht, was über der Erdoberfläche abgeräumt werden musste, damit eine bebaubare Brache entsteht. Entscheidend war, welche Altlasten sich unter Betonplatten und Ruderalflächen angesammelt hatten und wie sie beseitigt werden müssten.

Auskunft gibt der „Umweltbericht im Rahmen der 70. Änderung des Regionalplans für den Regierungsbezirk Düsseldorf (GEP 99) im Gebiet der Stadt Düsseldorf (Glashüttengelände Gerresheim)– GIP in ASB“. Dort heißt es auf Seite 8 zur Beschaffenheit des Bodens: „Infolge der nahezu 150-jährigen gewerblich-industriellen Nutzung ist das Gelände hier stark anthropogen (durch menschlichen Einfluss, UK) überformt; die natürlichen Böden sind – auch im Bereich der verrohrten Düssel – mehrere Meter stark aufgefüllt und zum überwiegenden Teil versiegelt. Die Versiegelung im zentralen Änderungsbereich liegt bei über 80%.“ Füllmaterial: Schlacken und Aschen. Und unter diesem „Deckel“ fließt das Grundwasser mit einer CKW-Grundwasserverunreinigung und erhöhten Sulfat- und Schwermetallgehalten. Diese Stoffe stammten aus den Rauchgaskanälen der Glasproduktion. Zugabe: Perfluorierte Tenside (PFT). Der Löschschaum bei „Lager 61“ neben dem Bauhaus lässt grüßen. Auch dabei: Teerablagerungen (PAK). Genauere Untersuchungen forderte das Bebauungsplanverfahren Nr. 5976-025 „Düssel-Park Gerresheim Süd“.

Am 20. August 2009 war bereits eine SPD-Anfrage (Ö Vorlagen-Nr. 19/63/2009) ins Leere gelaufen. Iris Bellstedt, Vorsitzende des Ausschusses für Umweltschutz, sollte damals drei Fragen beantworten lassen:

  1. Wann und bis in welche Tiefe erfolgte die Entnahme von Bodenproben und in welchem Abstand (Raster) wurden Bodenproben am Standort der ehemaligen Glashütte Gerresheim entnommen?
  2. Welche Bodenverunreinigungen (inkl. Störzonen) wurden festgestellt und in welcher Häufung traten die einzelnen Verunreinigungen auf?
  3. Welche Sanierungsverfahren zur Beseitigung der vorhandenen Altlasten werden zur Anwendung kommen (z. B. Einhausung auf dem Grundstück, Abtransport zur Sondermüllverbrennung) und wie wird der Schutz der angrenzenden Wohnbevölkerung während der Altlastensanierung sichergestellt?

Am 28. März wollten wiederum die Grünen von Dr. Fils im Fachausschuss wissen, wie es nun weitergeht. Eines zeichnete sich Monat für Monat ab: Die Zeitpläne waren nicht zu halten.

Wer zahlt?

Bei wem bleiben die Kosten für die Sanierung hängen? Nach dem Verursacherprinzip hätte das die Gerresheimer Glas AG – heutiger Konzernname: Gerresheimer AG – sein können. Die hatte verschiedene Enkel und Töchter: „Ferd. Heye, Glas-Fabrik, Gerresheim bei Düsseldorf“, „Actien Gesellschaft der Gerresheimer Glashüttenwerke, vorm. Ferd. Heye, Gerresheim bei Düsseldorf“. 1959 wurden die Töchter mehrheitlich an Owens-Illinois verkauft. Dann machte sich die West LB an die Töchter ran. 1990 folgte die VIAG, 1999 BSN Glasspack (Tochter von Danone, Frankreich). 2004 raubte Owens die Töchter und erschlug sie am 30. August 2005 (Schließung der Hütte). Vielleicht lässt sich nur schwer ermitteln, wer von diesen Herrschaften wann welche Altlasten in den Boden gegeben hat. Es könnte auch argumentiert werden, dass der letzte Produzent, also Owens Illinois, abschließend die Verantwortung zu tragen hat.

Wer untersucht die Altlasten? Für die „Dr. Spang Ingenieurgesellschaft für Bauwesen, Geologie und Umwelttechnik mbH“ ist die Glashütte ein Referenzobjekt. 270 Rammkernsondierungen und Rammsondierungen in einem Raster von 30 Metern wurden durchgeführt, um eine baugrundtechnische Beurteilung der Auffüllungen abgeben zu können.

Es gibt offensichtlich einen Geheimvertrag zwischen der Stadt Düsseldorf und Owens Illinois, in dem geregelt ist, wer zu zahlen hat. Das ist der Steuerzahler. Und das ist die Patrizia Immobilien AG, die die Industriebrache bebauen will. In diesem Fall werden die Sanierungskosten über die zukünftigen Mieten oder Weiterverkäufe wieder reingeholt.

Die Steuerzahler*innen finanzieren das Förderprogramm zur „Gefahrenermittlung und Sanierung von Altlasten“ sowie „Gefährdungsabschätzungen im Zusammenhang mit kommunalen Planungen“. Beteiligt sind der Regionalrat der Bezirksregierung, der Strukturfonds der EU und das Land NRW. Dieses trägt bei seinen Projekten 80 Prozent der Kosten, die EU bei ihren 50 Prozent. Der Haushaltstopf umfasst mehrere Millionen Euro. Die Zahlen für 2010 weisen bei „zuwendungsfähigen Gesamtkosten“ eine Summe von 6.421.000 Euro aus. Bei einem Fördersatz von 80 Prozent ergibt sich ein „Zuwendungsbetrag“ in Höhe von 5.136.800 Euro.

Zyniker*innen betonen, dass eine Entlastung nach diesem Muster für den Weltkonzern Owens Illinois Inc. geboten ist. In der Konzernzentrale in Perrysburg (Ohio) will man vermutlich gar nicht wissen, wo Gerresheim liegt und dass der Konzern für die Kontamination des Bodens verantwortlich ist. Es ist nahezu zweifelhaft, ob eine Beteiligung an den Sanierungskosten ein sichtbarer Faktor in der Jahresbilanz des Konzerns sein könnte. Einnahmen: „$ 6.8 billion in 2014“. Dr. Wolfgang Ohneck vom Bürger- und Heimatverein Gerresheim berichtete 2013 über die Zusage der Patrizia-Projektleiterin Gudrun Pieszcek, dass ihr Unternehmen allein die Sanierungskosten trage. Owens Illinois sei nicht daran beteiligt. Ganz anders steht’s noch im „Gerresheimer“ vom 3. Dezember 2011: „Angeblich habe man sich auch auf die Verantwortung für die aufwändige Sanierung des Industriegeländes geeinigt: Der jetzige Eigentümer Owen Illinois käme dafür auf.“ In diesem Zusammenhang taucht dort ein weiteres Immobilienunternehmen auf: aurelis Real Estate GmbH & Co KG, das bereits am Derendorfer Bahnhof („Le Quartier Central“) aktiv war. Und dann noch die Version aus der „Rheinischen Post“ vom 17. Januar 2014: „Der Ablauf und die Sanierungen seien in einem städtebaulichen Vertrag mit der Patrizia festgeschrieben. Sie müsse die Kosten übernehmen. Das sei beim Lauf des Grundstücks klar gewesen.“ Beim „Lauf“ handelt es sich wohl um einen Rechtschreibfehler, denn es sollte sicherlich „Kauf“ heißen.

Abschließend das Umweltamt der Stadt Düsseldorf, Brinckmannstraße 7. Dr. Inge Bantz bestätigt auf Anfrage: „Die Verantwortung für die auf dem Grundstück der ehemaligen Glashütte an der Heyestraße vorhandenen Bodenverunreinigungen lag und liegt beim jeweiligen Grundstückseigentümer bzw. Verursacher. Im Jahr 2006 wurden zunächst durch die Firma Owens-Illinois Inc. als ehemalige Eigentümerin und Verursacherin der Boden- und Grundwasserverunreinigungen im Zuge des Abbruchs der Betriebsgebäude der Glashütte zum Teil verunreinigte Böden saniert.“ Diese Maßnahme wurde wohl nicht abgeschlossen, denn Anfang 2012 hat die Firma Patrizia Immobilien AG das Grundstück von Owens-Illinois Inc. erworben und „die Verantwortung für die Sanierung der Bodenverunreinigungen und der davon ausgehenden Grundwasserverunreinigungen übernommen.“

Zu den Sanierungsmaßnahmen für den Boden und das Grundwasser hat sich die Firma Patrizia im Rahmen eines öffentlich-rechtlichen Vertrages mit der Stadt Düsseldorf verpflichtet. Die entsprechenden Maßnahmen werden aktuell auf dem Grundstück durchgeführt. Sämtliche anfallenden Kosten hierfür werden von der Patrizia getragen.

Alles im grünen Bereich?

Auch zur Arbeitsweise äußert sich die Behörde: „Die Sanierung der Böden, die im Verlauf der über 100-jährigen Geschichte der Glashütte durch Betriebsabläufe verunreinigt wurden, erfolgt durch Ausbaggern oder Ausbohren mit anschließender Entsorgung.“ Im Bereich von Grundwasserverunreinigungen wird das Grundwasser nach Angaben von Andreas Hanke, Geschäftsführer der „campus ingenieurgesellschaft“ in München, gefördert, über Aktivkohlefilter gereinigt und anschließend in die im Bereich des Grundstücks unterirdisch verlaufende Düssel eingeleitet. Durch diese Maßnahmen „ist sichergestellt, dass für die zukünftigen Nutzungen auf dem Grundstück und die Umwelt keine Gefährdungen bestehen.“ Sogar die Düssel soll renaturiert werden. In der Videopräsentation erscheint das Düssel-Bett allerdings weniger als Fluss, sondern eher als Kanal. Informationen zu der Thematik sind auch auf der Internetseite http://www.glasmacherviertel.de der Firma Patrizia veröffentlicht. Die Videopräsentation von 2014 gibt an, dass Ende 2016 mit den Neubauten begonnen werden soll.

Die Stadt Düsseldorf versichert, dass sie von den Grundstücken, die sich heute im Eigentum der Firma Patrizia befinden, zu keinem Zeitpunkt der Eigentümer war. Sie hatte jedoch bereits im Jahr 2001 östlich und westlich der Düssel („Hinteres Werksgelände“), westlich der Straße Nach den Mauresköthen („Lager 61“) sowie nördlich des Betriebsgeländes („Am Quellenbusch“) insgesamt 330.000 m2 von der damaligen Gerresheimer Glas AG erworben. 300.000 m2, die es in sich hatten. Im Mai 2001 brannten dort nämlich 20.000 Paletten mit Getränke-Kisten ab – und in dem Löschmittel der Feuerwehr befand sich das krebserregende PFT. Diese Chemie-Kloake wollte die Stadt offenbar Investoren nicht zumuten.

Auf dem ehemaligen Betriebsgelände „Am Quellenbusch“ (Karlsbader Straße) ist inzwischen unter anderem das Containerdorf für Geflüchtete entstanden. „Lager 61“ und „Hinteres Werksgelände“ mit zusammen weit mehr als 100.000 m2 Fläche, die noch im Besitz der Stadt Düsseldorf sind, lassen nicht erkennen, dass sich nach nun zehn Jahren „Nachdenken“ im Rathaus irgendetwas bewegt.

UWE KOOPMANN