I Furiosi in Bewegung

Leben im Schlamm Europas

Knapp dreieinhalb Stunden Autofahrt von Düsseldorf entfernt (näher als Berlin oder Hamburg) ereignen sich Tragödien von Geflüchteten. In Calais, aber auch in Dunkerque (Dünkirchen oder Dunkirk) im Norden von Frankreich, in der Nähe der belgischen Grenze, leben Tausende Menschen, deren einziger Wunsch es ist, nach Großbritannien zu gelangen, unter menschenunwürdigen Bedingungen in „Lagern“. Seit etwa zwei Jahren wächst die Zahl derer, die von dort aus ihr Glück versuchen. Behindert von den französischen Behörden und der örtlichen und staatlichen Polizei organisieren sie sich das Leben unter widrigen Umständen selbst. Unterstützt werden sie nur unzulänglich von NGOs (Nichtregierungsorganisationen), die meiste Hilfe kommt vor allem von einem Netz internationaler Unterstützer*innen. Auch von Düsseldorf aus fahren mittlerweile Menschen zur Unterstützung dorthin. I Furiosi sprach mit einer Unterstützerin, die vor kurzem in Dunkerque war.

Wie bist Du auf die Camps aufmerksam geworden?

Eine lustige Skizze von einem Mann im vollbeladenen Sprinter tauchte bei Facebook auf und warb um Spenden für einen Hilfskonvoi nach Calais. Das winkende Männchen im Wagen war mit dem Namen eines in der ehrenamtlichen Unterstützung von Menschen in prekären Lebenslagen aktiven Freundes, Armin Dörr, beschriftet. Ich habe ihn sofort angerufen, um mich zu vergewissern, dass er das ist. Das war Anfang November, und ich wollte gleich bei der ersten Fahrt dabei sein – leider kamen wir terminlich nicht überein, und so dauerte es noch bis Mitte Januar, bis ich wieder konnte, obwohl er jedes einzelne Wochenende hingefahren ist!

Welche Düsseldorfer Gruppe unterstützt die Geflüchteten dort?

„vision:teilen“, die von Bruder Peter Amendt mitgegründete franziskanische Initiative für Menschen in Armut und Not, die z.B. mit Internetpräsenz sowie Berichterstattung im FiftyFifty-Einleger das Forum für Spendenaufrufe und vor allem auch für das Vertrauen der Spender*innen bietet und den „GuteNachtBus“ zur Verfügung stellt, der unter der Woche für die erweiterte Versorgung obdachloser und bedürftiger Menschen in Düsseldorf unterwegs ist. Außerdem nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich die zahlreichen Spender*innen, die immer wieder Geld- und Sachspenden ranschaffen. Viele, viele Winterjacken, Schuhe ...

Wann warst du dort?

Ich bin vom 16. bis 17. Januar mit Armin und einem Journalisten unterwegs gewesen und damit gerade mal einen guten Tag vor Ort. Die Eindrücke waren intensiv, und ich konnte durch die bestehenden Kontakte leicht mit vielen Menschen vor Ort ins Gespräch kommen und einen guten Einblick erhalten. Aber was den Wahnsinn, dort zu leben, ausmacht oder wie der Alltag abläuft, weiß ich dadurch natürlich nicht. Besonders, da das Bild an den Wochenenden durch die hohe Anzahl freiwilliger Helfer*innen sowie das große Spendenaufkommen verzerrt war.

Wieviele Menschen leben dort in Dunkerque im „Lager“? Was sind das für Menschen?

Laut Nachrichten-Informationen sind es zwischen 1.500 und 2.500, manche sprechen von 3.000 Leuten inklusive etwa 150 Kindern. Das sind enorme Spannen und entspricht vielleicht trotzdem oder ganz besonders der Wahrheit, da es sehr unbeständig im Camp ist. Seit Anfang November ist das Camp auf einer öffentlichen Grünfläche, auf der es wohl schon immer Menschen auf der Durchreise gab, „explodiert“ und täglich kommen neue Leute an, Familien. Andere versuchen ihr Glück an den nahegelegenen Autobahnbrücken oder am Eurotunnel – viele kommen verletzt und desillusioniert zurück. Fast ausschließlich junge und mittelalte Männer – also zwischen 19 und 40 vielleicht – sowie zahlreiche wirklich kleine Kinder unter 4 Jahren, die allein und in Gruppen unterwegs waren, haben das Campbild in meinen Augen geprägt. Durch Gespräche habe ich erfahren, dass die meisten von ihnen aus Syrien und dem Iran kommen, Kurd*innen, wenige als Familie, wobei sich die Frauen eher in den Zelten aufhalten und sich um die noch kleineren Kinder kümmern. Eine Freiwillige erzählte mir von einer kleinen Gruppe asiatischer Menschen – ob diese in Syrien gelebt haben oder auf anderen Wegen nach Dünkirchen gekommen sind, ist unklar. Sie stellen jedoch eine Minderheit im Camp dar und nehmen nicht an den „offiziellen“ Lebensmittel- und Kleiderverteilungen teil, was ihre Versorgung problematisch macht.

Warum wollen viele Menschen dort unbedingt nach Großbritannien?

Viele haben ihre Familien dort – der Präzedenzfall der vier Syrer im Januar macht allen Hoffnung auf eine legale Familienzusammenführung. Sie wollen einfach ein besseres Leben – nicht im Matsch und nicht in Trümmern.
Weitere Gründe sind, dass die meisten Englisch sprechen, aber kein Französisch. Es existieren Gerüchte, dass es keine Meldepflicht in Großbritannien gibt und es daher leichter ist unterzutauchen, an Jobs zu kommen. Viele Freiwillige sind zwar aus Großbritannien angereist, um zu helfen, jedoch sagten auch sie, dass die Willkommenskultur in ihrem Herkunftsland an ihre Grenzen stößt.

Wie muss man sich dieses „Lager“ vorstellen?

Wie eine riesige Matschwiese, samt Stauwasserpfützen, feststeckenden Gummistiefeln und Ratten – man sieht ihre Spuren überall! Das Gelände ist übersät mit bunten Campingzelten, mal brauner vom Matsch, mal schwarz verkohlt, weil es eine Gasexplosion gab oder der scharfe Wind eines von tausenden von Lagerfeuern verweht hat.
Tagsüber herrscht eine wimmelige Atmosphäre, viele sind im Lager unterwegs, um sich mit Essen, frischen Klamotten oder anderem einzudecken, das Geschirr wird abgespült, vereinzelt Wäsche gewaschen und Brennbares gesammelt – d.h. nicht nur herumliegende Äste oder Holz, sondern alles potenziell brennbare. Daher stinkt es nach verbranntem Plastik, eine ungesunde Luft. Überall husten Leute, in den Zelten schreien die Kleinsten, denn es ist räudig kalt im Januar. Ein Gewirr aus vielen Sprachen umwuselte mich, als ich versucht habe, mich mit vielen anderen über die Palettenbrücken zu bewegen, um trockenen Fußes in eines der größeren Zelte zu gelangen – das schweizerische Team „Rastplatz“, das schon im Balkan für Menschen auf der Flucht gekocht hat, hat aus Brettern, alten Türen und Fenstern, Plane und was auch immer gefunden wurde, ein mit Holzofen beheizbares Zelt gebaut, in dem im großen Stil gekocht und die Spenden, d.h. Zelte, Decken, Schlafsäcke und auch Lebensmittel verteilt werden. Ein irisches Team hat ebenfalls solche Zelte zur Lagerung und um selbst darin zu schlafen, hochgezogen. Es laufen Aktionen verschiedener belgischer, niederländischer und englischer Gruppen um zur Entwässerung Gräben zu ziehen, Müll aufzusammeln oder Ausgaben von z.B. Gas anständig abzusichern. Denn selbstverständlich vergisst man höfliches Anstellen, wenn es darum geht, etwas zu bekommen, was man lange missen musste oder in Aussicht steht, dass deine Familie nicht mehr frieren muss.
Ebenso prägend für das Campbild sind die Leute in den neongelben „ABC“-Westen – Der „Aid Box Convoi“ [= ABC] aus England ist von Beginn an dabei, koordiniert mit Walkietalkies Freiwillige, Passierscheine für Hilfsgüterlieferungen und Betten in Hotelzimmern für Kranke.
Es soll auch eine Schule und Kinderprogramme geben, davon habe ich aber leider nur gelesen.

Gibt es eine Selbstorganisation der Geflüchteten im „Lager“ und wie sieht dieses aus?

Die gibt es sicherlich – sei es in der Küche oder beim Zeltaufbau für Neuankömmlinge, jedoch habe ich nicht so viel Einblick in den Campalltag gehabt, um da fundierte Aussagen machen zu können. Leider habe ich auch mit den angereisten und seit längerem aktiven Freiwilligen nicht direkt darüber gesprochen. Was durchkam, ist, dass es mafiöse Strukturen gibt, die Schleuser sind Teil des Camps und haben mit vielen offene Rechnungen, Prostitution … Ich habe die überwiegend männlichen jungen Leute als sehr hilfsbereit und anpackend erlebt. Es besteht viel Potenzial und in gewisser Hinsicht ja auch Zeit, und sie wollen gern was tun.
Ein junger Syrer, mit dem ich eine Zeit lang in einem Zelt Platz für weitere Kleiderspenden geschafft habe, erzählte mir, dass er in Syrien Ingenieur für Maschinenbau studiert hat und sogar schon in einige deutsche Städte gereist ist – als Urlaubstrip! Später stellte sich heraus, dass er schreckliche Rückenschmerzen hatte, da er einen Tag zuvor bei dem Versuch, auf einem LKW zu landen, 5 Meter in die Tiefe gestürzt ist … Sowas – wie nicht zu vergessen die Flucht und deren Auslöser – schleppen die Leute da mit sich rum!

Wie ist die momentane Lebenssituation der Menschen im „Lager“ in Dunkerque?

Um an die letzte Antwort anzuknüpfen: es ist doch unter den Bedingungen nicht verwunderlich, dass die Nerven blank liegen und z.B. „Überfall auf Spenderin“ Schlagzeilen macht. In dem Fall wurde eine Frau aus ihrem Van gedrängt und stürzte, es wurde sich über die Ladung hergemacht.
Natürlich habe ich auch weiterhin die spärliche Berichterstattung über Dünkirchen verfolgt und musste von Suiziden, der Schießerei eines Bandenkriegs mit mehreren Verletzten und unterdrückerischen Aktionen der Schleuser, rassistisch motivierten Angriffen mit Eisenstangen lesen und hören. Es gab Verhandlungen, wofür sogar einige in die Schweiz reisen durften, jedoch enttäuscht zurückkamen. Wichtige Leute besuchen das Camp, und es gibt mittlerweile mehr Medienecho. Und trotzdem gestaltet sich der Alltag aus Unsicherheit, Warten. Viele verfolgen Twitter und aktuelle Nachrichten zur Gesetzeslage, telefonieren mit Verwandten und Freund*innen.

Welche Hilfe gibt es vor Ort? Unterstützt die Kommune bzw. der Staat die Geflüchteten?

Was vom Staat kommt, ist Überwachung: der mit einer Schranke gesicherte Eingang wird nahezu rund um die Uhr von bis unter die Zähne bewaffneten lokalen sowie nationalen Polizisten nebst Wanne bewacht – gut für die Sicherheit der Campbewohner*innen, will man meinen, aber sie verhindern auch, dass Hilfsgüter reinkommen, obwohl es offizielle Passierscheine gibt. Diese sind hauptsächlich in der Hand der Langzeitfreiwilligen von ABC, sind jedoch längst keine Garantie.
Als wir zu Fuß reingehen wollten, wurden wir zwar genau gemustert, jedoch musste sich lediglich der Journalist ausweisen, den man an seiner Kamera erkannte.
Als wir vor unserer Abfahrt Sonntag Abend vermutlich zu lange auf einem nahegelegenen Parkplatz standen, wurden wir von 6 Wannen umstellt. Dann die neugierige Taschenlampe in den Laderaum, harsches Klopfen: Ausweis-Kontrolle.
Was man dem Bürgermeister Damien Carême anrechnen muss, ist, dass die Kommune einen Strom- und Wasseranschluss stellt, womit die französischen „Ärzte ohne Grenzen“ (Medicine sans frontiers – MSF) z.B. eine heiße Dusche betreiben. Zu Beginn der Ausbreitung des Camps stellte die Stadt Fachpersonal, um weitere Flächen freizulegen, von Bäumen und Gestrüpp zu befreien. Die Müllabfuhr kommt einmal in der Woche, um die Berge an nicht nutzbaren Spenden oder schlammigen Müll abzuholen, außerdem werden die knapp 30 Dixie-Klos im Auftrag der Stadt betrieben. Nach nun fast drei Monaten Winter werden 500 wetterfeste Zelte für jeweils 5 Personen durch „Ärzte ohne Grenzen“ errichtet.

Wie reagiert die Bevölkerung auf das „Lager“ und die Geflüchteten?

Die Bevölkerung der 21.000 Einwohner*innen starken Gemeinde Grande-Synthe fängt keine 15 Meter vom ersten Zelt entfernt an: hübsch nebeneinander aufgereihte Einfamilienhäuser mit runtergelassenen Rollos. Es wurden Flugblätter zur Information verteilt und man ist froh, dass es zumindest keine offensive Ablehnung gibt, was erfreulich ist, da die Wähler*innenquote der Partei Front National in der Region bei 40% liegt. Was bleibt, ist Erstaunen und Enttäuschung über das scheinbar reglose Frankreich.
Das Gelände grenzt durch einen Fluss getrennt an ein Fußballstadion und einen Einkaufspark, dessen Besucher*innen sich wohl die herumliegenden schlammigen Schuhe wundern dürften, die die Campbewohner*innen auf dem Weg in das nur wenige Gehminuten entfernte Stadtzentrum gegen saubere eintauschen.
Scheinbar eine Ausnahme ist die 21-Jährige Französin und Muslima Hafsa, die fünf Minuten vom Camp entfernt wohnt und sich tagtäglich für die Alleingelassenen engagiert und eine geschätzte Persönlichkeit im Camp ist. Sie postet regelmäßig den Stand der Dinge in diversen Facebook-Gruppen und hat den Überblick, was aktuell gebraucht wird.

Wie läuft der Kontakt der Unterstützer*innen zu den Geflüchteten im „Lager“?

Hingehen, ansprechen, kennenlernen. So würde ich sagen. Ganz menschlich.Antwort

Was wünschen sich die Geflüchteten an Unterstützung? Was wird am dringendsten benötigt? Was müsste Deiner Meinung nach passieren, um die Lebenssituation der Geflüchteten grundsätzlich zu verbessern?

Klar, dass sich politisch einiges drehen muss, das heißt, das sollte vor lauter akuter Not nicht vergessen werden! Ich denke, es ist auch angebracht, den Langzeitfreiwilligen Dank und Anerkennung auszusprechen – die tun den Leuten da so unmittelbar gut! Die Sichtbarkeit des Camps, vielleicht besonders neben Calais ist wichtig, die Menschen wollen erinnert werden.

Was brauchen die Menschen am dringendsten?

Nach wie vor ist die Kälte ein Riesenproblem, also wird jede Menge Gas benötigt! Da spezielle, d.h. die sichersten Gasflaschen in großen Gebinden zu besonderen Konditionen gekauft werden, braucht’s schlichtweg erst mal Geld! Es wurden Kocher gekauft, damit ein Stück Selbstständigkeit wieder hergestellt werden kann. Wie es um Lebensmittel und Kleidung, wasserfeste Schuhe sowie Zelte, Decken, Planen, Isomatten etc. steht, entnimmt man am besten den Infos der unten angeführten Gruppen. Von Düsseldorf aus organisiert sich zum Beispiel auch „Flüchtlinge willkommen in Düsseldorf“ mit der Aktion „Wir packen das“ – sie sortieren Lebensmittelpakete für Dünkirchen.
Besonders die Kinder im Camp haben mich nach diesen Kurbeltaschenlampen ohne Batterien gefragt …

Wo bekommt man weitere Infos her? Was kann man selber tun? Wie kontaktiert man euch, um euch zu unterstützen?

Wirklich brandaktuell und hilfreich für einen Überblick und ggf. auch zum Finden von Kontaktpersonen vor Ort sind einige Facebook-Gruppen wie „Dunkirk Refugee Solidarity“, „Grande Synthe Refugee Camp Dunkirk“, „Building Support through shelter“ sowie dieeigene Website „dunkirkcamp.com“. Spenden kann man auf „betterplace.org“ oder auch über „vision:teilen“.

Dankeschön für das Interview!

Bitte, danke für Euer Interesse!

Am einfachsten könnt Ihr spenden:
https://www.betterplace.org/de/projects/39152-fluchtlingscamp-grande-synthe-wir-geben-gas-fur-gas