Wissen, Aktion, Strategie

Für eine solidarische Welt

Anfang August findet in Düsseldorf die Attac-Sommerakademie statt. Fünf Tage lang beschäftigt sich das globalisierungskritische Netzwerk in Therorie und Praxis mit Themen wie Welthandel, EU, Rechtspopulismus und Migration.

Wie kann der Widerstand gegen die Abschottungs- und Verarmungspolitik der Europäischen Union weitergehen? Was können soziale Bewegungen dem zunehmenden Rassismus und Rechtsextremismus entgegensetzen? Wie lässt sich das Freihandelsparadigma der EU aufbrechen, das die Schere zwischen Arm und Reich weltweit noch weiter spreizt? Und überhaupt: Was tun angesichts eines finanzmarkt-getriebenen Kapitalismus, der zu immer mehr Naturzerstörung und Verelendung führt? Wem Fragen wie diese auf den Nägeln brennen, der findet bei der Attac-Sommerakademie vom 3. bis 7. August in Düsseldorf viele Gelegenheiten zu lernen und zu diskutieren.

„Wissen, Aktion, Strategie – Für eine solidarische Welt“ lautet das Motto des Treffens auf dem Gelände des Gymnasiums Koblenzer Straße in Benrath, zu dem das globalisierungskritische Netzwerk hunderte Interessierte aus ganz Deutschland erwartet. In mehr als 100 Seminaren, Workshops und Foren setzen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der neoliberalen Globalisierung auseinander, entwickeln Alternativen weiter und diskutieren neue Positionen.

Im Fokus stehen die Themen-Komplexe Flucht und Migration, Welthandel und Europa. Dazu kommen Workshops, die politisches Handwerkszeug vermitteln, und ein Kulturprogramm mit Konzerten, Kleinkunst und Ausstellungen. Das Programm richtet sich sowohl an fortgeschrittene Globalisierungskritiker*innen, die eine Debatte vertiefen möchten, wie an Einsteiger*innen, die neugierig auf Attac sind und sich mit zentralen Positionen der Bewegung vertraut machen möchten.

Aktiv gegen Stammtischparolen

Welche Faktoren begünstigen die aktuelle Ausbreitung rechtspopulistischer Parteien, Bewegungen und Inhalte? Und was kann – und muss – Attac ihnen entgegensetzen? Um diese Frage geht es unter anderem im Forum „Rechtspopulismus und die neue Rechte“ am 4. August. Der Wissenschaftliche Beirat von Attac stellt am selben Tag ein Thesenpapier zu „Flucht und Migration: Herausforderungen für emanzipatorische Politik“ zur Diskussion. Und Andrea Ypsilanti vom Institut für Solidarische Moderne vertritt die These, dass die aktuelle Polarisierung – so erschreckend der Durchmarsch der Rechten in Europa ist – auch neue Möglichkeiten der Politisierung bietet, die in einen demokratischen Aufbruch münden kann. „Mit der Demokratie neu beginnen – Strategien für das dissidente Drittel“ lautet der Mut machende Titel ihres Workshops am 5. August.

Damit es nicht allein bei der Theorie bleibt, können die Teilnehmer*innen der Sommerakademie am 5. August gleich ihre Ausbildung zu „Stammtischkämpfer*innen gegen Rassismus beginnen. Das Stammtischkämpfer*innen-Projekt ist ein zentrales Element der Kampagne „Aufstehen gegen Rassismus“, in der sich Attac ebenso engagiert wie in der Initiative Welcome2Stay.

Aber auch mit Musik lässt sich Position beziehen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, für Solidarität, Respekt und Toleranz. Wie, das zeigt die No Border Band bei ihrem Konzert am Abend des 5. August. No Border ist ein musikalisches Projekt aus Düsseldorf, das junge Geflüchtete aus der Isolation holt, ihre Geschichten sichtbar macht, sie empowert und ihnen das Gefühl vermittelt, willkommen zu sein.

Europa, altes Haus, wohin geht‘s?

Eurokrise, Brexit-Debatte, nationale Egoismen bei der Aufnahme von Geflüchteten und die Polarisierung der politischen Positionen: In der EU kracht es. Podemos und Syriza können mit Schäuble und erst recht mit Órban oder der PiS keine Wertegemeinschaft bilden. FPÖ und Front National werden sich mit Corbyn nicht auf eine gemeinsame Politik verständigen können. Driftet die EU auseinander und wenn ja, welche Alternativen gibt es? Besteht Hoffnung auf ein anderes, ein solidarisches Europa, West- oder Südeuropa oder vielleicht des „alten“ Kerns?. Darüber tauscht sich Professor Andreas Fisahn vom Wissenschaftlichen Attac-Beirat im Forum „Europa“ am 4. August mit den Teilnehmer*innen aus.

Auch in dem Seminar „EU am Ende? Emanzipatorische Positionen zur Zukunft der EU“ soll vor dem Hintergrund der existentiellen Krise des europäischen Integrationsprozesses diskutiert werden, wie eine emanzipatorische Zukunft der EU aussehen könnte und welche strategischen Konsequenzen dies für die europapolitische Position von Attac haben könnte.

Und wie ist das mit der Bankenkrise? Hat Europa da etwas gelernt? Immerhin hat die EU seit 2008 eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um das Banken- und Finanzsystem zu stabilisieren und weniger krisenanfällig zu machen. Alles nur heiße Luft? Damit beschäftigt sich Sven Giegold in einem Forum am 5. August. Der Attac-Mitgründer und inzwischen langjährige EU-Parlamentarier liefert Einschätzungen aus der Binnensicht eines Abgeordneten und stellt sich den Fragen des Publikums.

Freihandel in die Defensive!

Der Protest gegen das geplante EU-USA-Handelsabkommen TTIP hat Welthandelsfragen in viele Köpfe gebracht. Kaum ein Thema hat das gesamte Attac-Netzwerk dermaßen intensiv und umfassend beschäftigt wie die Aufklärungsarbeit und Mobilisierung gegen TTIP und seine kleine Schwester CETA, das bereits verhandelte Abkommen der EU mit Kanada. Doch die Analyse von Attac geht über die Kritik an den Abkommen hinaus – es gilt, die gesamte Freihandelsdoktrin anzugreifen. Darum geht es etwa in dem dreitägigen Seminar „Freihandel in die Defensive! Warum und wie wir TTIP, CETA & Co stoppen müssen“ vom 4. bis 6. August.

Auch für die Landwirtschaft weltweit hat der Freihandel verheerende Folgen. Bayer schluckt Monsanto, Kuhställe werden industrialisiert, Höfe sterben weltweit – da kann einem der Appetit vergehen. Ziel des Forums Agrar-Welthandel am 6. August ist es, das Verständnis für Zusammenhänge zwischen Freihandel und Marktkonzentration, zwischen Exportstrategien und Höfesterben zu wecken und politische Maßnahmen diskutieren, vom Kartellrecht bis zum Alternativen Handelsmandat.

Starke inhaltliche Zusammenhänge bestehen auch zwischen den Themen Freihandel und Klimawandel. So sind in TTIP und CETA etwa Investorenrechte verankert, die die Energiewende blockieren. Wie können beide Bewegungen strategisch zusammenarbeiten? Lassen sich Aktionsformen des Zivilen Ungehorsams, wie sie in der Klima- und Anti-Kohlekraft-Bewegung verbreitet sind, auf die Aktivitäten gegen Freihandelsabkommen übertragen? Darum geht es am 5. August, im Workshop „Freihandelsabkommen blockieren Klimaschutz. Und was blockieren wir?“

Neoliberalismus ins Museum

Am 6. August dann wird es ernst. Der Neoliberalismus wird endlich abgeschafft. Mit einer satirischen Performance-Demo-Prozession wird er dorthin befördert, wo er hingehört: ins Museum. Gemeinsam werden die Prozessionsteilnehmer*innen dieses seltsame Wirtschafts- und Gesellschaftssystem bei zwei renommierten Düsseldorfer Museen abgeben. Der Leiter des NRW-Forums hat bereits zugesagt, die Exponate persönlich entgegenzunehmen – darunter einige „Handtaschen Maggie Thatchers“ und ein Bild im Stil des bekannten Malers Sigmar Polke mit der Aufschrift „Höhere Wesen befahlen: Neoliberalismus im Museum abgeben.“

Und zum Schluss: Das gute Leben

Ist der Neoliberalismus erst mal ins Museum verbannt, soll der Kapitalismus ihm bald folgen und den Weg frei machen für das gute Leben. Doch wie dahin kommen? Darum geht es beim Abschlusspodium „Utopie konkret – Übergänge zu einem guten Leben“ mit Ingrid Kurz-Scherf (Professorin für Politik und Geschlechterverhältnis an der Uni Marburg) und Klaus Dörre (Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Uni Jena) am 7. August. Denn auch wenn klar ist, dass eine emanzipatorische, ökologische, solidarische und friedliche Gesellschaft nicht in einem Schritt zu erreichen ist, lassen sich Kriterien bestimmen, denen eine andere mögliche Gesellschaft genügen muss.

FRAUKE DISTELRATH
PRESSESPRECHERIN ATTAC DEUTSCHLAND


Attac-Sommerakademie
Mi. bis So., 3. bis 7. August 2016
Gymnasium Koblenzer Straße,
Theodor-Litt-Straße 2,
40593 Düsseldorf/Benrath

Anmeldung, Infos und Programm: http://www.attac.de/soak/
Attac-Aktionsakademie: http://www.attac.de/aktionsakademie
Attac Düsseldorf: http://www.attac-duesseldorf.de

Aktions- meets Sommerakademie

Ob Sambatrommeln, Adbusting oder Straßentheater: Weil nicht nur politisches Wissen, sondern auch gute Aktionen gelernt sein wollen, findet parallel zur Sommerakademie auch die Aktionsakademie von Attac auf dem Gelände des Gymnasiums Koblenzer Straße statt. Beide Veranstaltungen laufen getrennt voneinander, nutzen aber dieselbe Infrastruktur etwa für die Verpflegung.

Bitte anpacken: Helfer*innen und Betten gesucht

Die Attac-Sommerakademie ist eine Mitmachakademie und nicht zu wuppen ohne Teilnehmer*innen, die mit anpacken. Wer das Helfer*innen-Team unterstützen möchte, meldet sich bitte bei Elisabeth Kraaz (bikraaz[at]web[dot]de), Gesucht werden auch noch private Schlafplätze für die Bettenbörse.

Das Kleingedruckte

Die Teilnahme an der Sommerakademie inklusive vegetarischer oder veganer Verpflegung durch die Volksküche Fläming Kitchen kostet 120 Euro, ermäßigt sind es 90, der Solipreis beträgt 140 Euro. Vor Ort gibt es zudem Tageskarten. Grundsätzlich gilt: Am Geld soll eine Teilnahme nicht scheitern. Während der Seminar- und Workshopzeiten gibt es eine kostenlose Kinderbetreuung.

Was ist Attac?

Attac ist die Abkürzung für die französische Bezeichnung „Association pour une Taxation des Transactions Financières pour l‘Aide aux Citoyens – auf Deutsch: „Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürger*innen“. Ausgehend von der Forderung nach einer Entwaffnung der Finanzmärkte befasst sich das Netzwerk mit der gesamten Bandbreite der Probleme neoliberaler Globalisierung.

In der Düsseldorfer Regionalgruppe engagieren sich etwa 20 Aktive. Die Gruppe freut sich über weitere Mitstreiter*innen.

http://www.attac-duesseldorf.de