Der Feminismus wurde verkauft – Es lebe der Feminismus!

Andi Zeisler hat in den 1990ern das feministische Popkultur-Magazin „bitchmedia“ mitgegründet. Dass sie Expertin für die Zerlegung amerikanischer Medienkultur ist, zeigt ihr neues Buch „We Were Feminists Once“.

Boah, endlich durch! Es ist eines dieser Bücher, die zwar ultrainteressant, aber irgendwie zäh und anstrengend zu lesen sind. Es mag daran liegen, dass sich Andi Zeisler hauptsächlich auf den nordamerikanischen Kosmos beschränkt und so die ganzen Personen, Filme, Bücher, Werbungen, Debatten, Skandale aus den letzten 60 Jahren amerikanischer Medienkultur vereinzelt im Hinterkopf was klingeln lassen, aber eben nur, wenn die Kunde davon irgendwann mal über den großen Teich ins „alte Europa“ gedrungen ist. Die Grundanklage von Zeisler ist trotzdem so verdienstvoll wie global und auch einigermaßen auf deutsche Verhältnisse übertragbar: Insbesondere im letzten Jahrzehnt hat sich ein marktgängiger Feminismus verbreitet, der sich bemüht, Feminismus als cool und sexy erscheinen zu lassen – als Lifestyle-Accessoire, das die eigene Modernität und einen Hauch von Unangepasstheit vermittelt. Dafür muss er allerdings seine Diversität und Radikalität so eindampfen, dass er mainstreamkompatibel ist. Zeisler untersucht ganz genau und belegt mit vielen Beispielen von Unterbuxen über Beyoncé bis hin zu Mad Max, wie das Attribut „feministisch“ als Label benutzt wird, um zu verkaufen und neue Märkte zu erschließen. Dabei ist sich Zeisler der Gratwanderung bewusst: Ist es nicht besser, einen harmlosen Wohlfühlfeminismus als gar keinen Feminismus zu supporten? Wenn feministische Ideen auch Menschen erreichen, die Politik vorgestrig finden, ist das doch was Gutes!? Zeisler gesteht popkulturellen Erzeugnissen durchaus bewusstseinsverändernde Kraft zu. Wenn etwa in etlichen TV-Serien Regenbogen- und Patchwork-Familien auftauchen, kann das Sehgewohnheiten und das Verständnis von Geschlechterrollen und Familienbildern ändern. Muss es aber nicht. Zeisler stellt außerdem die Huhn-oder-Ei-Frage: Waren wirklich zuerst die Medien superdivers oder gab es nicht vielmehr einen gesellschaftlichen Fortschritt, der Medienmenschen dazu brachte, neue Angebote für neue Bedarfe zu schaffen? Nach Zeisler wird es immer viele verschiedene Feminismen und Laut-Sprecher*innen geben, die propagieren, die richtige Version für sich gepachtet zu haben. Sie warnt jedoch davor, den kapitalismuskritischen und geschichtsbewussten Feminismus zu übergehen, der eben auch konfrontativ, schmerzhaft und so komplex ist, dass er nicht in eine Tampon-Werbung oder einen Katy-Perry-Song passt. Prädikat: äußerst empfehlenswert für Nordamerikanist*innen, Pop-Kulturliebhaber*innen und Intensivfeminist*innen, für alle anderen, wenn mal ein Monat Krankschreibung vor der Tür steht.

Andi Zeisler:
We Were Feminists Once
Public Affairs, 304 S. ca. 21 Euro