Rheinmetalls traditionsreiche Griechenland-Deals

Panzer nach Athen

Der Publizist Jörg Kronauer hat ein Buch über die deutsche Griechenland-Politik geschrieben, deren kolonialistische Tradition schon im titel-gebenden Diktum „Wir sind die Herren des Landes“ zum Ausdruck kommt. Ein Kapitel des Werkes, das der Redakteur des Portals http://german-foreign-policy.com am 16. Januar im Zakk vorstellt, widmet sich der Rolle, welche die hiesige Rüstungsindustrie im Allgemeinen und Rheinmetall im Besonderen dabei spielen. Die Terz druckt Auszüge.

Es ist immer noch so, sagt Giórgos Chosndrós. Da ist jahrelang darüber diskutiert worden, dass es doch wohl nicht angehen kann, der griechischen Bevölkerung drakonische Sparmaßnahmen aufzuzwingen, dem griechischen Staat aber gleichzeitig Milliardensummen zur Bezahlung teuren deutschen Kriegsgeräts abzunötigen. Sparen für Rheinmetall und ThyssenKrupp - das mochte vielleicht im Sinne des deutschen Establishments sein, das bei seinen Rüstungsgeschäften mit Griechenland ja stets hervorragend verdiente, aber es war nun mal, wie man so sagt, nach außen schwer vermittelbar. Deshalb ist diskutiert worden, die Öffentlichkeit hat Druck gemacht, und dann ist Athen irgendwann tatsächlich „immer wieder aufgefordert“ worden, „beim Militär zu sparen“, erinnert sich Syriza-Parteivorstandsmitglied Chondrós - zu sparen, „allerdings nicht bei den Rüstungsverträgen, sondern nur beim Personal“. Soll heißen? Der griechische Militärhaushalt schrumpfte zwar, man konnte die Öffentlichkeit mit dem Hinweis beruhigen, man kürze nun auch bei den Streitkräften; doch wurde, und das ist nur ein Beispiel, im Jahr 2014 immer noch für viel Geld „bei einer deutschen Firma Panzermunition gekauft“, und das „mit Hilfsgeldern“, schimpft Chondrós. „Das ist eine indirekte Subventionierung der deutschen Rüstungsindustrie“, stellt er Anfang 2016 fest, empört über die Tatsache, dass da angebliche Hilfsgelder mehr oder weniger direkt bei deutschen Waffenschmieden landen, und fügt hinzu: „Wir haben in Griechenland sogar mehr Leopard-Panzer als die deutsche Bundeswehr.“

1935 erste Geschäfte

Griechenland ist stets einer der besten Kunden der deutschen Rüstungsindustrie gewesen. Leopard-Panzer von Krauss-Maffei Wegmann, Munition von Rheinmetall, U-Boote der deutschen Traditionswerft HDW bzw. von ThyssenKrupp: Die Liste des Kriegsgeräts, das Athen über Jahrzehnte hin für teures Geld in der Bundesrepublik erstand, ist lang. Schon zu Kaisers Zeiten bemühte sich Krupp, Kanonen nach Athen zu verscherbeln, Rheinmetall machte dort in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre das große Geschäft; deutsche Waffenexporte nach Griechenland haben also eine lange Tradition.

Vielleicht am folgenreichsten ist auf dem Rüstungssektor ein Coup gewesen, den die Düsseldorfer Waffenschmiede Rheinmetall (ab 1936: Rheinmetall-Borsig) landen konnte. Sie lieferte nicht nur Panzer- und Flugabwehrkanonen nach Griechenland, sondern schloss am 19. September 1935 auch ein Kooperationsabkommen mit der Griechischen Pulver- und Patronen-Gesellschaft (Ellinikí Etairía Piritidopiíou Kalikopiíou, EEPK). Die EEPK war nicht irgendeine beliebige Firma. Sie war 1934 von Pródromos Bodosákis-Athanasiádis, einem der finanzkräftigsten und mächtigsten griechischen Unternehmer, übernommen worden; sie war groß, und sie wuchs: 1940 beschäftigte sie, wie der Historiker Mogens Pelt berichtet, in fünf Fabriken 12.000 Personen, die im Schichtbetrieb rund um die Uhr arbeiteten. Unter Bodosákis expandierte die EEPK auch jenseits der Rüstungsbranche, kaufte eine Kunstseidefabrik, eine Werft und einen Spirituosenhersteller auf und wurde zu einem der größten Konzerne im Land. Vor allem aber spielte sie in strategischen Planungen Athens seit Mitte der 1930er Jahre eine herausragende Rolle: Sie sollte die griechischen Streitkräfte zumindest in puncto Munition von Käufen im Ausland unabhängig machen. Und dabei half ihr Rheinmetall. Am 7. Oktober 1937 verkaufte das deutsche Unternehmen der EEPK die Lizenz zur Herstellung der Munition, mit der griechische Soldaten ihre Flug- und Panzerabwehrkanonen aus dem Hause Rheinmetall bestückten. Das Equipment, das für die Munitionsherstellung nötig war, lieferte die deutsche Waffenschmiede ebenfalls. Das brachte viel Geld; Walter Deter, Vertreter von Rheinmetall-Borsig in Athen, bezifferte den Wert der Ausrüstung, die die EEPK bei ihrem Düsseldorfer Partner kaufte, auf 55 Millionen Reichsmark. Zudem geriet die für Griechenland so wichtige EEPK in Abhängigkeit von ihrem deutschen Lizenzgeber. Zum ersten Mal war es einem deutschen Rüstungskonzern gelungen, in Südosteuropa die französische Konkurrenz bei einem strategisch entscheidenden Geschäft abzuhängen. In anderen Ländern schafften deutsche Konzernen dies, wie Pelt notiert, erst nach der Annexion Österreichs und dem Münchner Diktat.

Pródromos Bodosákis-Athanasiádis, der Rheinmetall den strategischen Durchbruch ermöglichte und nach dem Zweiten Weltkrieg erneut zentrale Grundlagen für die wiedererstehenden deutsch-griechischen Wirtschaftsbeziehungen schaffen sollte, verfügte damals schon lange über beste Kontakte nach Deutschland. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre verschaffte er Siemens & Halske in Athen den Auftrag zum Aufbau des ersten automatischen Telefonnetzes in Südosteuropa; der Vertrag wurde am 10. Februar 1930 unterzeichnet. Sein Deal mit Rheinmetall vom September 1935 lag voll und ganz auf dieser Linie. Und Bodosákis verschaffte den Deutschen noch weitere Chancen. Seine EEPK könne als Basis für die Ausfuhr in Drittstaaten dienen, bot er an: Die griechischen Löhne beliefen sich nur auf ein Zehntel der deutschen, die Produktion in Griechenland spare also viel Geld.

Die Deutschen dankten Bodosákis das alles, indem sie sich seinen Konzern einzuverleiben suchten. Bereits 1937 hatte Bodosákis sich in London über deutsche Übernahmebestrebungen beklagt, aber keine Rückendeckung erhalten. Im Januar 1939 flog Rheinmetall-Vorstandschef Hellmut Röhnert, ein im NS-Reich bestens vernetzter Rüstungsmanager und künftiger Spitzenfunktionär im Waffenblock der Reichswerke Hermann Göring, nach Athen, um dort über den Kauf der EEPK zu verhandeln. Nicht nur als Plattform für heikle Rüstungsexporte, sondern auch als potenzieller Lieferant der Wehrmacht könne das Unternehmen dem Reich höchst nützlich sein - so fasst der Historiker Pelt Röhnerts Motive zusammen. Bodosákis lehnte ab: Er wollte sich nicht entmachten lassen. Seine verstärkten Versuche, sich - da Deutschland ihm in den Rücken fiel - Großbritannien anzudienen, scheiterten weiterhin, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als 1941 beim Einmarsch der Wehrmacht das Land zu verlassen und zunächst über Ägypten nach Südafrika, dann weiter in die USA zu reisen. Dort gelang es ihm, in beharrlicher Einflussarbeit gute Kontakte in Wirtschaftskreise aufzubauen, und als die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Hilfsprogramme für Griechenland starteten, war Bodosákis mit von der Partie. Sein Firmenimperium, das er 1939 nicht hatte verkaufen wollen, hatten die deutschen Besatzer ihm freilich genommen: Rheinmetall-Borsig hatte es sich angeeignet. Die EEPK wurde größtenteils demontiert und in die Rheinmetall-Borsig-Fabriken zuhause im Reich verbracht. Nur ein kleiner Teil ist laut US-amerikanischen und britischen Geheimdienstberichten in Griechenland zurückgelassen worden - um dort aus vollen Rohren Munition für die Wehrmacht zu produzieren.

Frontstaat im Kalten Krieg

Die Erfolge, die Unternehmen wie Rheinmetall in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre in Griechenland hatten erzielen können, waren ihnen noch lebhaft in Erinnerung, als sie ab Mitte der 1950er Jahre die Rüstungsproduktion wieder aufnehmen durften. Jenseits der nah- und mittelöstlichen Perspektive wurde Griechenland im Kalten Krieg vor allem zum antikommunistischen Bollwerk geformt - nicht nur im Innern mit der Ausschaltung der Linken im Bürgerkrieg und mit anschließender brutaler Repression, sondern auch militärpolitisch.

Profitiert hat von Griechenlands Zurichtung zum Frontstaat im Kalten Krieg schon nach wenigen Jahren die Bundesrepublik Deutschland. Nach der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 durfte sie langsam, aber sicher daran gehen, die traditionsreiche deutsche Rüstungsindustrie wiederaufzubauen, der die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst einmal einen Riegel vorgeschoben hatten. 1956 begann beispielsweise Rheinmetall, das alte Wehrmachts-Maschinengewehr MG 42 modernisiert als MG1 für die Bundeswehr zu produzieren; 1963 erhielt Krauss-Maffei den Auftrag, den Kampfpanzer Leopard zu bauen, der seit Ende der 1950er Jahre entwickelt worden war. Mit der Fertigung entstand nach und nach auch der Wunsch, den Profit und daher den Absatz zu vergrößern; und da die Kapazitäten der Bundeswehr selbst im Kalten Krieg irgendwann an ihre Grenzen stießen, bedeutete dies: Man strebte nach Export. Zu den Ländern, die die bundesdeutsche Rüstungsindustrie dabei ins Visier nahm, gehörte auch eines, um das sie sich schon seit Kaisers Zeiten bemüht hatte – Griechenland.

Selbstverständlich hat sich die Bundesregierung auch später noch stets um die deutsch-griechischen Rüstungsgeschäfte gekümmert. Zu den Beschaffungsprojekten, die Athen um die Jahrtausendwende angekündigt hatte, gehörte auch der Kauf von 60 Eurofightern zum Preis von fünf Milliarden Euro. Das überstieg die griechischen Kapazitäten allerdings in einem solchen Maß, dass die Regierung in Athen die Pläne bald wieder kassierte. Berlin wiederum ließ sich nicht so leicht abspeisen. Als Kanzlerin Angela Merkel am 20. Juli 2007 in der griechischen Hauptstadt mit Ministerpräsident Kóstas Karamanlís zusammentraf, erinnerte sie ihn nachdrücklich an die Idee mit den Eurofightern. Als Anfang Februar 2010 Außenminister Guido Westerwelle in der griechischen Hauptstadt weilte, wollen Gesprächsteilnehmer ebenfalls die Forderung nach einem „Bekenntnis zum Eurofighter“ vernommen haben. Anlässlich seines Besuchs hatte die griechische Tageszeitung Kathimeriní bei ihm nachgefragt, was denn jetzt - auch mit Blick auf die Krise - die deutsche Position zur Bestellung der Kampfjets sei. „Wir drängen die griechische Regierung nicht zum Kauf“, gab sich Westerwelle generös: „Wenn die griechische Regierung aber, zu welchem Zeitpunkt auch immer, eine Entscheidung zum Kauf von Kampfflugzeugen trifft, wollen die Eurofighter-Länder, die hier durch Deutschland vertreten werden, bei der Entscheidung berücksichtigt werden. Tatsächlich aber haben auch Interventionen wie diejenige von Westerwelle im Februar 2010 es nicht vermocht, den für die deutsche Rüstungsindustrie so lukrativen griechischen Verteidigungsetat von Kürzungen zu verschonen; das wäre angesichts des Krisendesasters schlicht nicht durchsetzbar gewesen.

Prompt kamen die Beschwerden. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg recherchierte hart und fand im Sommer 2015 heraus: „Rüstungsausgaben sind nicht die Ursache von Griechenlands Problemen“ Athen müsse unbedingt weiterhin mindestens zwei Prozent des Bruttosozialprodukts für die Streitkräfte zur Verfügung stellen, erklärte er, als Vertreter der Regierungspartei Syriza laut über neue Kürzungen beim Militärhaushalt nachdachten: „Das ist wichtig für uns alle“. Und in der Tat: 2015 stieg der griechische Militärhaushalt wieder auf 4,3 Milliarden Euro (2,46 Prozent des BIP) an. Auch der Anteil der Rüstungsausgaben innerhalb des Militäretats verdoppelte sich von 8,2 auf 17,6 Prozent. Zumindest die westeuropäische und nordamerikanische Rüstungsindustrie macht in Griechenland also Fortschritte. Neben der NATO sorgte sich zuletzt auch Berlin um den Zustand der griechischen Streitkräfte. Da hatte Athen wunderschöne deutsche Panzer gekauft, aber nicht an die Munition gedacht - was für ein Versäumnis! Im Herbst 2014 machte Athen den Fehler gut und bestellte Panzergeschosse im Wert von 52 Millionen Euro in der Bundesrepublik. Und damit Rheinmetall nicht das Risiko eingehen musste, das Sümmchen von einem womöglich bankrotten griechischen Staat vergeblich einfordern zu müssen – man kennt sie ja, die Griechen –, sprang das „Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung“ der Bundeswehr der Firma hilfreich zur Seite und trat anstelle von Rheinmetall als Vertragspartner für die griechischen Streitkräfte auf.

Griechenlands Regierung musste den Kaufpreis vorab auf ein Verwahrkonto der Bundesregierung einzahlen. Bei Rheinmetall hieß es dazu, das schütze „vor Zahlungsausfall“.

Der deutsche Griff nach Griechenland
ZAKK, 16.01., 19.30h, Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, Eintritt frei

„Wir sind die Herren der Welt“
Jörg Kronauer, konkret texte, 21,80 Euro