Der große Vorsitzende in Düsseldorf Vol. IV

Eine Zeit lang hat der Maoismus auch in Düsseldorf getreue Anhänger*innen gefunden. In einer Serie stellt das MAO-Projekt für die TERZ einige Gruppen vor. Der letzte Teil berichtete vom Arbeitslosenkomitee Düsseldorf. Im vierten Teil geht es nun um die Agitationsversuche bei den Mannesmann-Röhrenwerken in Reisholz.

Bei den zunächst zum Thyssen-Konzern, ab 1973 dann zur Mannesmann-Gruppe gehörigen Stahl- und Röhrenwerken Reisholz stand gleich nach ihrer Gründung die moskautreue Deutsche Kommunistische Partei (DKP) parat. Sie gab dort bald eine Betriebszeitung, die „Rote Presse“ heraus, die bis zur Stilllegung der Werke im Jahr 1977 erschien. Die Belegschaft zeigte sich bereits 1969 kämpferisch. Es kam bei den Stahl- und Röhrenwerken nicht nur im August 1969 zum kurzen Streik in der Dreherei. Auch an den Septemberstreiks 1969 beteiligte sich die Belegschaft der Stahl- und Röhrenwerke Reisholz mit einem zweitägigen illegalen Ausstand.

Bis 1971 blieb die DKP die einzige kommunistische Gruppe, die im Betrieb agitierte. Dann gesellte sich ihr die Kommunistische Partei Deutschlands / Marxisten-Leninisten (KPD/ML) zur Seite, und zwar die Fraktion, die in Nordrhein-Westfalen entstanden war und ihr Zentrum in Bochum hatte. Sie gab nun neben ihrem zentralen Organ „Rote Fahne“ ab Dezember 1971 eine weitere Betriebszeitung für Stahl und Röhren, den „Roten Rohrzieher“, heraus, bei dessen erster Verteilung es zum Polizeieinsatz kam. Den Streik von 300 Kolleg*innen am 4. Februar 1972 für einen freien Rosenmontag führte die KPD/ML ebenfalls auf ihren Roten Rohrzieher zurück, in dem die Forderung abgedruckt und verbreitet wurde. Der Betriebsrat Paddalik erhob im April 1972 Klage wegen Beleidigung gegen den Roten Rohrzieher, der allerdings ohnehin nur bis zum Herbst 1972 erschien, als sich diese KPD/ML-Fraktion wieder aufzulösen begann. Auch die KPD um Christian Semler und Jürgen Horlemann, die damals in Düsseldorf vor allem bei Mannesmann/Lierenfeld und auch bei Mannesmann/Rath aktiv war, berichtete ab und an vom Stahl- und Röhrenwerk Reisholz. Selbst agitierte sie dort vermutlich zunächst nur gelegentlich. Das änderte sich Ende 1973 trotz politischer Entlassungen im Zuge der Intensivierung der konzernweiten KPD-Agitation gegen die Stilllegungen bei Mannesmann. Dabei konnte sich die KPD in Reisholz, wo zunächst die Rohrbiegerei mit 96 Arbeitern betroffen war, vermutlich vor allem auf jüngere Beschäftigte stützen. Sie nahmen an den von ihr organisierten konzernweiten Treffen der Lehrlinge und Jungarbeiter*innen teil. Auch die mittlerweile wieder vereinigte KPD/ML und ihre Rote Garde, die vor allem bei Mannesmann/Rath tätig war, agitierte 1974 bei Mannesmann/Reisholz wieder mit einem Roten Rohrzieher. Das geschah vermutlich aber nur in bescheidenem Umfang, ebenso verhielt es sich mit der trotzkistischen Gruppe Internationale Marxisten (GIM), die nicht im Betrieb vertreten war.

KABD kommt dazu

Eine kleine Zelle bei Mannesmann Reisholz gründete dann im Herbst 1975 den Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands (KABD), dessen Nachfolgegruppe heute als Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) auftritt. Die Zelle verfügte zunächst über einen Kontakt zu einem Beschäftigten im Betrieb, verlor diesen aber, wurde zeitweise aufgelöst und im Herbst 1976 dann wieder neu gegründet – doch wiederum ohne ein Mitglied im Betrieb.

Der Mannesmann-Konzern verfolgte spätestens ab dem Sommer 1976 eine Strategie der Konzentration auf die drei Standorte Mülheim, Düsseldorf-Rath und Duisburg-Huckingen. Damit wurde die angestrebte Aufgabe des Standortes offensichtlich. Trotzdem gab die Belegschaft sich auch in der Metalltarifrunde 1976 weiter kämpferisch und stellte im November 1976 eine Forderung nach zwölf Prozent mehr Lohn auf. Am 28. Februar 1977 wurde die endgültige Stilllegung des Standortes Reisholz mit damals noch 1.854 Arbeitsplätzen durch Radio Luxemburg bekanntgegeben und am 1. März offiziell bestätigt. Am 8. März wurde eine erste Demonstration durch Reisholz und Holthausen organisiert, an der sich während der Arbeitszeit 1.500 bis 1.800 Menschen beteiligten, die übergroße Mehrheit streikende Mannesmann-Arbeiter*innen. Auch die linken Gruppen wie DKP und KABD hatten mit zu dieser Demonstration aufgerufen, vermutlich noch mehr Gruppen taten dies zur nächsten Demonstration am 26. März 1977. Darunter war ebenfalls wieder der KABD, dessen Mannesmann/Reisholz-Zelle zwar einige Flugblätter verteilte, aber immer noch keine Kontakte in den Betrieb zu knüpfen vermochte.

Sozialverträglicher Stellenabbau

Zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung wurde ein Sozialplan ausgehandelt. Hierbei stärkte die Belegschaft dem Betriebsrat im Juni 1977 mit einem zwei- oder dreistündigen Streik den Rücken. Es hatte sich mittlerweile ein Solidaritätskreis „Reisholz muss erhalten bleiben“ gebildet, in dem etwa Pfarrer und Jungsozialist*innen mitarbeiteten, aber auch der KABD. Aus dem Betrieb selbst kamen nur einige Vertreter*innen der DKP sowie Gerd Genger, ein früherer führender Kader der Bochumer KPD/ML-Fraktion, dem vom KABD schwere Vorwürfe wie Spaltung der KPD/ML und Trotzkismus gemacht wurden. Diese Vorwürfe bestritt Genger energisch in einem Gespräch, das er mit dem Leiter der Reisholz-Zelle des KABD führte. Sie wurden aber auch später noch von der MLPD gegen ihn erhoben. Von den alten Genossen des KABD vor Ort wurde er gar verdächtigt, ein Agent von Mannesmann zu sein. Die MLPD bezichtigte ihn später der DKP-Mitgliedschaft, obwohl die damalige Reisholz-Zelle des KABD berichtete, dass er dieser nicht angehörte.

Währenddessen wurde am 15. Juni 1977 der vierte Entwurf für einen Sozialplan ausgehandelt. Der Solidaritätskreis organisierte zwar vom 22. bis 24. Juni 1977 noch eine fünfzigstündige Mahnwache und kritisierte ebenso wie die DKP den Sozialplan. Der KABD beschloss im August 1977, den Solidaritätskreis zu verlassen, da dieser ein Anhängsel der DKP sei, und trat lieber wieder eigenständig auf. Das vermochte nichts zu ändern: Am 26. August 1977 wurde der Sozialplan schließlich angenommen und damit die weitgehende Stilllegung endgültig besiegelt. Zwar sollten noch etwa 700 Arbeitsplätze erhalten bleiben, diese aber wurden vermutlich 1978 weiter abgebaut. Heute sind dort am Standort noch rund 500 Menschen beschäftigt.

Für Originalausschnitte aus den kommunistischen und Betriebszeitungen klicke:
http://mao-projekt.de/BRD/NRW/DUE/Duesseldorf_Mannesmann_Stahl_und_Roehren_Reisholz.shtml

Das MAO-Projekt

Das Projekt „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO) wurde von Dietmar Kesten und Jürgen Schröder ins Leben gerufen. Seit über 30 Jahren widmen sie sich, unter Mitarbeit von Dieter Osterloh, der Geschichte der radikalen Linken und der sozialen Bewegungen der Bundesrepublik Deutschland. So ist eine riesige, für die Nutzer*innen kostenfreie Datenbank entstanden, in der Scans von – oft raren – Originaldokumenten und ihre Auswertungen abgerufen werden können. Derzeit umfassen die Texte ca. 300 MB in 16.795 Dateien und es wurden ca. 216.000 Scans veröffentlicht.

Beim Surfen vorbeischauen unter: http://mao-projekt.de