Hände weg von Şengal!

Als im Januar 2015 kurdische Selbstverteidigungskräfte der YPG und YPJ (den Fraueneinheiten der Verteidigungsstruktur) die Stadt Kobanê im nordsyrischen, kurdischen Gebiet Rojava vom „Islamischen Staat“ (auch: Daesh) befreiten, war die Freude auch in der deutschen Linken groß.

Kobanê, das Selbstverwaltungsprojekt im Bewusstsein des Gesellschaftsmodells der „Demokratischen Autonomie“ war das Hoffnungsprojekt auch in der hiesigen Linken: ein Vorschlag, ein erster praktischer Schritt hin zu einer basisdemokratischen, auf wertschätzender Teilhabe aller auch noch so kleinen ‚Minderheiten’-Positionen beruhenden Gesellschaftsstruktur in Freiheit und Respekt. Alle Augen waren auf die Kraft des Wiederaufbaus gerichtet. Und bis heute gibt es zahlreiche Projekte und Initiativen der deutschen Linken, die den Aufbau der Infrastruktur unterstützen. Im März etwa stellte die Initiative „avahi – Construction Solidarity Rojava“ in Düsseldorf ihre Arbeit als internationalistische Baubrigade vor (TERZ 03.17).

Um Şengal, wo Daesh 2014 eine Spur der Verwüstung hinterließ, tausende von Morden beging, wo Vergewaltigungen und Verschleppungen von Frauen und Mädchen vor allem aus der ezidischen Bevölkerung Şengal die Welt in helle Empörung über die Dimensionen genozidaler Gewalt durch den „Islamischen Staat“ versetzte, ist es bis vor kurzem hingegen anhaltend still gewesen. Die aktuelle Entwicklung gibt aber leider gute Gründe, dieses leise Murmeln oder sogar Schweigen zu beenden. Eine internationale Frauenkonferenz, die am Wochenende nach dem Frauentag am 8. März 2017 in Bielefeld stattgefunden hat, hat nun das Thema „Genozidale Angriffe auf Ezidische Frauen und Wege des Widerstandes gegen Völkermord“ schmerzlich sichtbar gemacht. Auch der in Düsseldorf ansässige Verein „Ceni“, das Kurdische Frauenbüro für Frieden e. V., macht auf die Situation aufmerksam und schließt sich der Forderung der ezidischen Selbstverwaltung an: Hände weg von Şengal!

Aber um was geht es genau – was so weit von Düsseldorf entfernt passiert und doch uns alle angehen sollte, weil auch bundesdeutsche Militärs und Diplomatie ihre Finger im Spiel haben?

Bekannt wurde Şengal am 3. August 2014, als der sogenannte IS das Gebiet überfiel. Tausende Frauen und Kinder wurden entführt, tausende Menschen getötet und Hundertausende zur Flucht gezwungen. Die Regierung des kurdischen Gebietes im Iran unter Führung Masud Barzanis von der Demokratischen Partei Kurdistan (KDP) hatte sich im August 2014 aktiv aus Şengal zurückgezogen und die Bevölkerung den Massakern und Greueltaten des „IS“ schutzlos ausgeliefert. Einzig durch Hilfe der kurdischen Selbstverteidigungskräfte der YPG/YPJ und PKK konnte damals ein großer Teil der Bevölkerung aus der Belagerungssituation gerettet werden. Daesh wurde schließlich zurückgeschlagen. Seither haben sich in dem Gebiet eigenständige Selbstverteidigungskräfte von der ezidischen Bevölkerung gebildet und zudem Selbstverwaltungsstrukturen aufgebaut.

Doch es gibt erneut militärische Auseinandersetzungen, diesmal jedoch nicht durch Daesh! Am 3. März 2017 griff das Militär der KDP-Regierung (Peshmerga) –!– mit schweren Waffen die Bevölkerung zweier Dörfer im Shengal-Gebiet an. Es konnte von den ezidischen Selbstverteidigungskräften (YBŞ /Widerstandseinheiten Şengals und YJŞ/Frauenwiderstandseinheiten Şengals) zurückgeschlagen werden. Durch die YBŞ wurden vier Peshmerga festgenommen, von denen, wie sich nach der Festnahme herausstellte, zwei frühere IS-Milizen waren. Ein Kämpfer der YB ist bei den Gefechten gefallen. Es gab zudem weitere Verletzte unter der Zivilbevölkerung und den Kämpfer*innen. Die Journalistin Nûjiyan von Çira TV (ezidischer Fernsehsender) wurde gezielt am Kopf verletzt, offenbar um die Dokumentation der Angriffe zu verhindern. Sie ist mittlerweile an der Verletzung gestorben.

Der Hintergrund für diese Angriffe ist, dass der Korridor zwischen Şengal und Nordsyrien/Rojava der Regierung der KDP ein Dorn in Auge ist. Die Versorgung der Menschen in Şengals läuft überwiegend über diesen freien Weg, der beim Angriff des „IS“ von YPG und PKK geschaffen worden ist. Damals konnten tausende Menschen durch diesen Korridor gerettet werden.

Seit dem Genozid verhindert die KDP-Regierung nun jede unabhängige Unterstützungslieferung und auch internationale Delegationen in die Flüchtlingscamps im Şengals Gebirge werden nicht durchgelassen. Dadurch soll verhindert werden, dass sich die Menschen in der Region selbst organisieren und ihre Unabhängigkeit fordern.

Die KDP-Regierung will dies verhindern, da sie mit der Türkei eng zusammen arbeitet und generell die kurdische Unabhängigkeitsbewegung nach dem Vorbild Rojavas in Şengals verhindern möchte.

Die Bundesregierung, die seit 2014 die Peshmerga der KDP-Regierung (die ein wichtiger Wirtschaftspartner von Erdoğan ist und damit ein Garant für die AKP-Despotie in der Region) mit Waffen und Material, aber auch in der militärischen Ausbildung unterstützt, flankiert ihrerseits das Geschehen auch in unseren Breiten: Mit großer Diplomatie und mit Geschenken für Erdoğan, den Sultan vom Bosporus, geht sie Schritte, die auch in Deutschland die PKK (weiterhin) und nun ebenfalls die YPG/YPJ kriminalisieren.

Auch für die deutsche und internationalistische Linke ist es mehr als wichtig, den Blick für diese Zusammenhänge zu schärfen, gemeinsam gegen diplomatische Deals vorzugehen und uns auch in Deutschland klar gegen die hiesige Repression gegen diejenigen Strukturen zu stellen, die in der Region Syrien/Türkei/Iran/Irak – bis heute – den größten Anteil daran haben, dass der „Islamische Staat“ nicht weiter vorrücken kann. Es ist gut, dass Organisationen wie Ceni berichten – zum Beispiel von der ezidischen Frauenkonferenz und den Hintergründen der aktuellen Situation unter:
https://cenifrauen0404.wixsite.com/cenifrauen/ezidische-kurdin