Kunst, Pelz, Bohème, Syphilis und Abgrund

Die Kunstsammlung NRW zeigt im K20 die erste Ausstellung der Arbeiten, die der Jahrhundertkünstler Otto Dix während seiner Zeit in Düsseldorf (1922-1925) malte und erarbeitete – von Künstler-Freunden, Tänzerinnen, Galerist*innen, Kriegskrüppeln, Schützengräben und Schoßhunden.

Wer aus frühlingshafter Luft in die prallvollen Hallen der Kunstsammlung K20 tritt, um sich „die Dix-Ausstellung“ anzusehen, findet sich schnell mit dem Abgrund konfrontiert. „Der Krieg“ lautet der Titel des berühmten Radierzyklus, den Dix im Winter 1923/24 in Düsseldorf anfertigte. Gedärme, Schlammgräben, abgeschossene Gliedmaßen und leere Blicke aus ausgefressenen Augenhöhlen der Toten der Schützengräben des Ersten Weltkrieges, den Dix von 1915 bis 1918 als Maschinengewehrschütze und Zugführer an der Westfront erlebte, lähmen jede*n Besucher*in mit einem Schlag in die Magengrube. Die Plakate, die allüberall in der Stadt auf die Ausstellung „Der böse Blick“ aufmerksam machen, haben uns nichts davon erzählt, dass wir Gesichtsverletzte, Verstümmelte und Verschüttete sehen würden. „Der Krieg ist eben etwas so Viehmäßiges: Hunger, Läuse, Schlamm, diese wahnsinnigen Geräusche ... Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen! [...]“, soll Dix 1961 gesagt haben. Und so gehört auch „Der Krieg“ zu jener Zeit des großen Malers mit dem messerscharfen Blick für Abgründe und Menschlichkeit zwischen Anmut und Ekel: Dix’ Jahre in Düsseldorf, wo er von 1922 bis 1925 durch das Interesse der Galeristin Johanna „Mutter“ Ey angelockt, an der Kunstakademie als Meisterschüler studierte – und malte.

Die Ausstellung zeigt Dix’ Bilder und Radierungen, Aquarelle, Skizzen und Briefe – allesamt in oder um diese Zeit herum entstanden. Als Dix 1921 zum ersten Mal von Dresden aus nach Düsseldorf kam (und 1922 für drei Jahre in Düsseldorf lebte) war er – fast – ein Nichts. Als er 1925 nach Berlin abreiste, war er – ebenso fast – ein gefragter Künstler, bekannt bereits für seine Porträts, die er mit oder ohne Auftrag in schonungsloser Darstellungsweise fertigte, manchmal auch voller vordergründig verborgener Geschichten. Den Arzt und Galeristen Hans Koch, den Dix etwa 1922 porträtierte, schätzte der Künstler vor allem auch wegen dessen Ehefrau Martha. Dix und Martha Koch wurden ein Paar. Koch, der derzeit bereits mit Marthas Schwester Maria liiert war, drängte auf Scheidung.

Die hakelige Geschichte von „Jimmy und Mutzli“, wie sich Dix und seine Frau selbst nannten, steht dabei für vieles, was den Künstler und seine Umgebung in großer Gespaltenheit ausmachte: Die Erfahrung von Tod und Verwesung im Schützengraben und vom Glanz der Großstadt, die Herkunft aus dem Arbeiterhaushalt in Gera und die Aura des Dandys in „Mutter“ Eys Galerie, die Spannung zwischen Politik und Bordell. Wie Dix’ Künstlerfreund Conrad Felixmüller von Dix berichtete: Als Felixmüller versuchte, Dix für die Kommunistische Partei zu begeistern, habe dieser Anfang der 1920er Jahre, noch in Dresden, lapidar abgelehnt: „ ... laß mich mit Deiner dämlichen Politik – ich gehe in den Puff.“

Doch Dix war nie unpolitisch. Die Kunst nährte ihn und seine später vielköpfige Familie ab Mitte der 1920er Jahre, das ist richtig. Doch die Art, wie er malte und zeichnete war nie ohne Meinung, war immer Haltung und Urteil – zwischen Pelz und Abgrund, Bohème und Rausch der Moderne am unteren Ende der gesellschaftlichen Hackordnung. Und genau das, sein böser, ehrlicher Blick, macht Dix bis heute berühmt. Die Ausstellung der Kunstsammlung wird vermutlich bis zum letzten Tag der Präsentation immer übervoll sein. Dix zieht die Blicke an. Gerade wegen seines – wie die Ausstellung überschrieben ist – bösen Blickes.

Und vor allem Bescheidenheit war seine Sache wohl nicht. Vielleicht war es auch Dix’ unverrücktes Selbstbewusstsein, das ihm erlaubte, Menschen, Szenen, Situationen so zu malen, wie er sie wahrnahm und wie sie ihm begegneten. Den Düsseldorfer Kunsthändler Alfred Flechtheim porträtierte er – möglicherweise „aus enttäuschter Eitelkeit“, wie die Ausstellungsbroschüre zu erzählen weiß – ohne Auftrag: steif, „blasiert“, gelblich-grau und mit messendem Blick, beide Hände wie besitzergreifend auf Zeichnungsskizzen und ein Gemälde gelegt. Und im Hintergrund, gerade hinter Flechtheims Kopf, malte Dix ein Bild – kubistisch –, das seine, Dix’ Signatur trägt. Mit diesem Seitenhieb im Bildnis des Kunsthändlers schien Dix zu sagen: „Das kann ich auch!“ Flechtheim, müssen die Betrachter*innen wissen, hatte kein einziges Bild von Dix zum Verkauf in seinem Galerieprogramm.

Die Galeristin Johanna Ey malte Dix hingegen „augenzwinkernd“ wie es in der Bildbeschreibung heißt, „in der Tradition des Herrscherporträts“. Und wo sonst in Gemälde-Ausstellungen die beschreibenden Texte zu den Bildern oft die häufig gedrechselte und sehr spezialisierte Sprache der Kunsthistoriker*innen aufgreifen und es den Kunstinteressierten und gelegentlichen Ausstellungs- oder Museumsbesucher*innen schwer machen, den Beschreibungen und Einordnungen durch die Kurator*innen zu folgen, ist die Dix-Ausstellung hier ein gutes Beispiel, wie es sich besser machen lässt. Finden wir nicht nur das „Bildnis der Kunsthändlerin Johanna Ey“, das Otto Dix 1924 von der damals 60-jährigen Galeristin malte, doch so gut beschrieben, dass es in Erinnerung bleibt: Dix malt Ey in aufrechter Pose, mit samtiger, pelzbesetzter Robe, im Hintergrund kostbare Stoffe in Hülle und Fülle. Fast liebevoll aber hebt Dix auch die Markenzeichen der „Mutter Ey“ hervor – ihre kleine runde Brille, ihren Haarkamm, den er malt, als sei er eine Krone. Und doch: „Ihre Hände wirken geschwollen und verweisen auf ihre bescheidene Herkunft.“ Die rechte Hand, die auf einem erhöhten Tischchen ruht, als würde sie etwas mit der Hand umschließen, „hält kein Herrschersymbol wie den Reichsapfel oder das Zepter, sondern – nichts.“ Er wird sie geschätzt, geachtet und gefürchtet haben, gerade weil sie „nichts“ in Händen hielt und doch so wichtig und mächtig war für Künstler*innen wie ihn. Er wird gewusst haben, was er ihr zu verdanken hat.

Dix’ Blick für das Subversive, für diejenigen, die keinen guten Leumund haben inmitten der Lichter der Großstadt und in Zeiten der Krise der Moderne in den 1920er Jahren, ist dabei bei aller Verfremdung immer sehr präzise, manchmal sogar prophetisch, immer aber auf eine gewisse Weise zugetan. Dix malte auf wundersame Art die Menschen hinter ihrer Geschichte. Hinter Ausgrenzungen, Armut, Besitztümern, Hochmut, Missbrauch und Selbstaufgabe. Anita Berger, die verruchte und bis heute sagenumwobene Tänzerin, malte Otto Dix etwa mit dem Antlitz einer Frau, die die Jahre, die Launen der 1920er Jahre, das Nachtleben, die Liebe gezeichnet haben. Und so malte Dix die Tänzerin so alt, wie sie nie wurde. Mit 29 Jahren starb Berber. Ihre Todesengel: Schnaps und Kokain. Als Dix sie 1925 porträtierte, war Anita Berber 26 Jahre alt.

Otto Dix überlebte Berber um Jahrzehnte. Er starb 1969 mit 78 Jahren. Erfolgreich war er da schon seit beinahe einem halben Jahrhundert. Bald nach seiner Abreise aus Düsseldorf konnte er von der Kunst leben, war Professor an der Kunstakademie in Dresden und Mitglied der Akademie der Künste. Von den Nationalsozialisten verfemt, zeitweilig auch inhaftiert, durchlebten er und seine Familie die NS-Zeit doch vergleichsweise unbeschadet. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Maler in den Volkssturm eingezogen, kam aus der Kriegsgefangenschaft 1946 zurück. Die wenigen Jahre, die er in seinen 30ern in Düsseldorf verbrachte, dürften als eine wichtige Entwicklungs- und Schaffensperiode für Dix gewertet werden. Dass das K20 dieser Zeit im künstlerischen Werk des berühmten Malers und seinem gebrochen-ungebrochenen „bösen Blick“ eine Einzelausstellung widmet, ist ein wahrer Genuss für alle, die gerne ins Museum gehen. Und für alle, die sich erstmals aufraffen. Es lohnt sich. Spaßig und frühlingshaft duftig wird der Besuch indes nicht. Aber ehrlich.

Die Ausstellung „Otto Dix. Der böse Blick“ ist bis zum 14. Mai 2017 in der Kunstsammlung K20 am Grabbeplatz in der Düsseldorfer Altstadt zu sehen. Der Eintritt ist – wie Dix – ziemlich stolz: 12 Euro muss zahlen, wer die Ausstellung sehen will. Obendrein gibt’s aber das informative Book­let, das einen Katalog zwar nicht ersetzen kann, aber viele Eindrücke transportabel macht für die Lektüre auf dem heimischen Sofa. Sehenswert ist auch der Film zu Dix’ Leben und Werk, der in der Ausstellung gezeigt wird (45 Min.) – unbedingt angucken, die O-Töne von Weggefährt*innen und von Dix selbst sind sehens- und hörenswert.