Thilo fahr doch nach Łódź

Offensichtlich gibt es nicht nur eine Champagner-Linke, sondern auch eine Rotwein-Rechte. Diese bittet zum Umtrunk mit Thilo Sarrazin. Doch dagegen formiert sich Widerstand.

Durch ein Werbeplakat am Schaufenster des „FeinStil“ sind wir als Nachbar*innen des Weinlokals auf die geplante Lesung mit Thilo Sarrazin aufmerksam geworden.

Ein, zwei Wochen gingen ins Land, bevor sich jemand über eine Nachbarschaftsplattform äußerte und um Meinungen bat.

Es fanden sich schnell einige Stimmen, die Kritik an der Lesung formulierten und so vereinbarten wir ein erstes Treffen. Was uns verbindet, ist das Anliegen, in unserem Stadtteil das friedliche Zusammenleben in kultureller Vielfalt zu unterstützen. Ein Auftritt von Thilo Sarrazin ist damit nicht zu vereinbaren. Wir sieben, uns gegenseitig vorher überwiegend fremde Nachbarn, besprachen unsere Möglichkeiten. Wir hielten fest, dass es uns wichtig ist, dass unsere Kritik friedlich und gut überlegt erfolgt. So verfassten wir den offenen Brief und beschlossen, ihn auf der Facebookseite https://facebook.de/nachbarschaftohnerassismus mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Wir haben vor der Veröffentlichung des Briefs persönlich mit den Veranstalter*innen Kontakt aufgenommen. Das „FeinStil“ antwortete, dass sie im Vorfeld alle Events nach ihren ethischen Grundsätzen prüfen. Sie wollten aber betonen, dass sie nur Veranstalter*innen seien und der Inhalt der Buchlesung nicht ihre persönliche Haltung widerspiegele. Anschließend wurden Emails ihrerseits nicht mehr beantwortet.

Die Reaktionen auf unserer Facebookseite sind zum einen sehr motivierend, denn es gab und gibt laufend viele zustimmende Kommentare zu unserem Offenen Brief, und die Seite hat aktuell 385 Likes. Daneben gibt es einerseits sachlich formulierte Kritik, andererseits aber auch nicht wenige unsachliche und teils hasserfüllte Kommentare. So ist z.B. von „Inzuchtopfern“ die Rede. Auch wurde uns mit Anzeigen gedroht, unser Brief als erpresserisch und als Drohbrief tituliert.

Wir halten daran fest, dass unser Brief Kritik und Widerstand gegen die Lesung von Herrn Sarrazin äußert. Diese genannte Kritik und dieser genannte Widerstand sind in friedlicher und gewaltfreier Form mit Hilfe des offenen Briefes formuliert worden.

Inzwischen sind wir mit vielen Menschen im Kontakt, die unser Anliegen teilen und freuen uns über aktuell knapp über 100 Unterzeichner*innen unseres Offenen Briefes: Darunter sind rund 20 Organisationen, Vereine, Lokale und Projekte sowie in der Mehrzahl Einzelunterstützer*innen.

Weitere Unterstützung ist uns willkommen; Unterschriften können unter der Mailadresse: nachbarschaftohnerassismus[at]gmail[dot]com unter Angabe des vollen Namens geleistet werden.

Offener Brief

11.03.2017

Sehr geehrte Frau Watzenberg,
sehr geehrter Herr Breitfeld,

für den 18.05.2017 ist in Ihrem Weinlokal eine Lesung von Thilo Sarrazin aus seinem Buch „Wunschdenken“ angekündigt.

Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir Herrn Sarrazin nicht kritik- und widerstandslos dieses Podium einräumen werden. Wir fordern, dass die Veranstaltung abgesagt wird.

Als Düsseldorfer Bürger*innen mit und ohne Migrationshintergrund betrachten wir Ihre Veranstaltung mit Thilo Sarrazin als eine Verhöhnung aller politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Bemühungen in dieser Stadt und dieses Stadtteils, ein soziales und inkludierendes Zusammenleben zu gestalten.

Herr Sarrazin trägt entschieden zur Stärkung und Verbreitung rechter Gedanken in der Mitte der Gesellschaft bei. Wenn man so wie er maßgeblich daran beteiligt ist, Menschen und Menschengruppen als minderwertig zu diffamieren, legitimiert man Ausgrenzung und Intoleranz. Die Thesen Sarrazins sind Teil eines Klimas, das am Fürstenplatz unerwünscht ist.

Angesichts der verheerenden Folgen rassenbiologischer und eugenischer Lehren im „Dritten Reich“, den aktuellen Entwicklungen der AfD und den PEGIDA-Bewegungen und angesichts des Wissens darum, wie schnell die so genannte Asyldebatte in den 1990er Jahren in rassistisch und national begründete Pogrome umschlug, darf man diesen Ansichten keinen neuen Raum geben und unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit agieren. Wir sind verwundert, warum gerade solchen Ausführungen eine Bühne gegeben wird, die unsachlich und falsch sind, inhaltlich ganze Bevölkerungsgruppen diffamieren, rassistische Ressentiments und Antiislamismus schüren und soziale Auslese im neuen neoliberalen Gewand salonfähig machen. Wir weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Äußerungen und Vorschläge Sarrazins sich jenseits des Grundgesetzes und der von Deutschland ratifizierten UN-Anti-Rassismus-Konvention bewegen: „Seine Vorschläge für Änderungen in der Zuwanderungspolitik sind weder mit international gültigen Menschenrechten vereinbar noch mit dem deutschen Grundgesetz. Sie bewegen sich außerhalb der verfassungsrechtlichen Ordnung.“ (Deutsches Institut für Menschenrechte, Stellungnahme zu Aussagen v. Thilo Sarrazin, 02.09.2010), weshalb sie auch nicht vom Art. 5 GG (Meinungsfreiheit) gedeckt sind.

Herr Sarrazins Ausführungen sind nicht nur gekennzeichnet von mangelnder Sachlichkeit, er manipuliert. Er greift beliebig auf Statistiken zurück, die er so interpretiert, wie es zu seinem Weltbild passt. Seine Bücher bestehen nicht nur inhaltlich aus sich ständig wiederholenden rassistisch-biologistischen Behauptungen, die mit den Ängsten und der Verunsicherung von Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft spielen. Sarrazins Nationalismus antwortet auf die Abstiegsängste der bedrohten weiß-deutschen Mittelschichten und gibt dabei vor, sich sachlich auf wissenschaftliche Expertise und Statistiken zu stützen.

Seine Werke und Aussagen fügen sich zu einem Gesamtbild: Sarrazin inszeniert sich als Provokateur, der Tabus bricht. Damit löst er vor allem Reaktionen aus, die sich gegen den Ton und die Schärfe seiner Äußerungen wenden. Wenn nach einer Debatte dann rassistische Thesen und Behauptungen auf der Grundlage unwissenschaftlicher und willkürlicher Interpretation von Zahlen als im Kern richtig stehen bleiben, hat Sarrazin sein Ziel erreicht.

„Intoleranz und Rassismus äußern sich keineswegs erst in Gewalt. Gefährlich sind nicht nur Extremisten. Gefährlich sind auch diejenigen, die Vorurteile schüren, die ein Klima der Verachtung erzeugen.“ (Aus der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt am 23.02.2012 in Berlin.)

Wir erlauben uns, diesen Brief als offenen Brief zu verwenden und damit in eine breite Öffentlichkeit zu gehen. Wir werden einen Auftritt von Thilo Sarrazin nicht ohne Widerspruch hinnehmen.

In Erwartung einer Antwort Ihrerseits verbleiben wir mit freundlichen Grüßen.