Literatur gegen Frühlingsgefühle

Nach der Lektüre von „Der Alkohol und die Wehmut“ und „Das Gefängnis des Alltäglichen“ ist den geneigten Leser*innen eher nicht nach Händchen-haltend über die Blumenwiese hüpfen. Russland bildet dabei den geografischen Rahmen für komplizierte Liebesbeziehungen, permanente Grenzüberschreitung und abgetrennte Körperteile.

Allen, die ihre Felle davonschwimmen sehen, weil der Frühling in seiner vollen Härte eintrifft, die Laune der Mitmenschen steigt und zu einer gewissen Melancholie Neigende dieser nicht mehr unauffällig frönen können, sei „Der Alkohol und die Wehmut“ von Mathias Énard wärmstens empfohlen. Die Story ist wenig einfallsreich: Der Protagonist reist mit der transsibirischen Eisenbahn durch Russland, weil Wladimir gestorben ist, zu dem er vormals ein freundschaftliches und, so scheint es, auch ein Liebesverhältnis hatte. Beide befanden sich außerdem in einer ähnlich gelagerten Beziehung zu Jeanne, und alle drei waren ziemlich dem Alkohol und anderen Substanzen, die wohl selbst in Russland als Drogen klassifiziert würden, zugetan. Irgendwann lösten sie sich aus ihren Verwicklungen, warum auch immer, so richtig durchsichtig ist die ganze Geschichte nicht. Motive und Charaktere bleiben im Nebulösen, aber das trägt eigentlich nur zur phänomenalen Atmosphäre bei, die sich durch das Buch zieht: Sie ist düster, sie ist schwermütig, sie schliddert haarscharf an der Grenze zur depressiven Verstimmung vorbei. Das verbreitet aber keine Unlust, weil die Sprache, viel mehr als der unspektakuläre Inhalt, mitreißend ist, gleichzeitig irgendwie entschleunigt und eine*n nach dem Korkenzieher für die nächste Flasche (sehr) trockenen Rotweins greifen lässt. Meine Freundin, eine Buchhändlerin (mit dieser Berufsgruppe intensive Freundschaften zu pflegen, ist eine der besten universellen Lebensentscheidungen!), ist derzeit große Anhängerin des Verlages Matthes & Seitz, weil viele der dort verlegten Bücher ein außergewöhnlich griffiges Format haben. Und da hat sie Recht! Die Bücher passen in jede handelsübliche Gesäßtasche, wecken aber keine unangenehmen Reclam-Deutschunterricht-in-der-neunten-Klasse-Assoziationen, weil sie dafür allein viel zu schön aufgemacht sind. Das hat freilich ebenfalls den Effekt, dass Menschen mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne oder einer nicht so toll austarierten Work-Life-Balance auch mal wieder ein ganzes Buch zu Ende lesen können.

Dem Alltag entkommen

In der Gesäßtasche lässt sich vortrefflich auch „Das Gefängnis des Alltäglichen“ transportieren. Hierbei handelt es sich um abgedruckte Gespräche mit Pjotr Pawlenski. Allein beim Namen klingelte bei mir anfangs nichts, als ich dann die Fotos auf den ersten Seiten sah, wurde aber schnell klar: Ach so, das ist dieser hagere russische Aktionskünstler, der sich aus Protest gegen die Verhaftungen von Pussy Riot mal den Mund zunähte, bei seiner „Aktion Fixierung“ am „Tag der Polizei“ seinen Hodensack auf den Roten Platz festnagelte, sich bei der antipsychiatrischen „Aktion Abtrennung“ ein Stückchen Ohrläppchen abschnitt, und der die Tür des Hauptgebäudes des russischen Inlandgeheimdienstes in Brand setzte („Aktion Bedrohung“). Subtile Gesellschaftskritik sind seine Sache nicht, umso angenehmer, dass die Gespräche nur selten aus Parolen bestehen, sondern sehr reflektiert und geistreich sind. Sie wurden 2015 und 2016 geführt, wobei die letzten nur noch in Briefform dokumentiert werden konnten, weil Pawlenski dann schon für die oben genannte Aktion Bedrohung eingebuchtet wurde (keine Sorge, er findet das richtige Gefängnis im Vergleich zum „Gefängnis des Alltäglichen“ ein „Erholungszentrum“). In den Gesprächen geht es um Pawlenskis Einstellungen zu Familie, Beziehungen, Sex­ualität, Kindern, Konsum – um eher Alltägliches also. Das ist dennoch lesenswert, weil Pawlenski in den kleinsten Alltagsdingen Konformität und Unterdrückung wittert und beschreibt, wie er diese in seinem eigenen Lebensentwurf abzulegen versucht. Natürlich greift er dabei massiv kapitalistische und totalitäre Systeme und Identitätskonstrukte an, die auf Anpassung und Unterwerfung beruhen. Um Russland im Speziellen geht es zwar mitunter auch, Pawlenski übt dabei aber vielmehr grundlegende Kritik an Institutionen, er führt keine einzelnen Namen auf, möglicherweise hätte ein Putin-Bashing auch etwas unangenehme Konsequenzen. Pawlenski macht nach eigenen Angaben keine Protest- sondern politische Kunst. Wie absurdes Theater liest es sich, wenn er erläutert, welche Rolle die Polizei bei seinen Aktionen einnimmt: Die Machtverhältnisse kehren sich um, weil die Polizei zur Einhaltung von staatlichen Reglements gezwungen werde, er hingegen bei seiner Aktion einfach nur abwarte, was passiere. Die Polizisten seien qua Amt genötigt, ihre Befugnisse durchzusetzen und werden zu Objekten der Macht. Wenn sie etwas gegen Pawlenski unternehmen, werden sie außerdem unfreiwillig zu Objekten der Kunst: „Ihre Aufgabe ist, Ereignisse zu neutralisieren, zu liquidieren, eine Straße oder einen Platz rein zu halten. Aber hier sind sie gezwungen, genau das Gegenteil zu tun. Sie konstruieren ein Ereignis. Sie werden zu Handlungsträgern.“ Pawlenski geht es um permanente Grenzüberschreitung und Konfrontation, um die Freiheiten des Subjekts zurückzuerobern. An manchen Stellen wirkt das arg bemüht radikal. Alles, von der Kindererziehung (er würde aber wahrscheinlich nicht „Erziehung“ sagen) bis zur Nahrungsaufnahme wird seiner Prinzipientreue unterworfen. Dass die Gespräche dennoch höchstens passagenweise ermüdend sind, liegt an den herausfordernden und klugen Beiträgen der Gesprächspartner*innen. So fragen sie Pawlenski etwa, ob er nicht auch zu einem Gefangenen seiner Aktionen werde, in seiner Freiheit also nicht auch unfrei sei. Pawlenski räumt ein: „Wenn Du Prinzipien hast, bist du automatisch deren Gefangener.“ Seine Partnerin oder Gefährtin (die Bezeichnung „seine Frau“ lehnt er ab), hackte sich mit einer Axt einen Finger ab, weil sie einmal ihr Wort brach. So habe sie ein Mittel gefunden, „damit ihr Wort wieder Bedeutung erlangt.“ Hach, wie romantisch! Bzw.: Der Grat zwischen Wahnsinn und Kunst war schon immer sehr schmal.

Pjotr Pawlenski:
Gefängnis des Alltäglichen
2016, 135 S.

Mathias Énard:
Der Alkohol und die Wehmut
2016, 106 S.