Wenn das der Führer gesehen hätte

Neonazistische „Helden- und Märtyrer“-Reise mit Problemen

Für das Wochenende nach dem 20. April 2017 – dem 128. GröFaZ-Geburtstag – hatte Neonazi-Fossil Henrik Ostendorf aus Bremen ein Bildungs- und Freizeiterlebnis für Eingeweihte geplant: eine nur im erlauchten Kreise beworbene „historische Exkursion“, die ihre Teilnehmer*innen in den Nationalpark Eifel, nach Königswinter, Bonn und nach Düsseldorf führen sollte. Doch die plötzlich und für den „Reise-Führer“ wohl mehr als überraschende Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für die „Erlebnisfahrt“ zu Erinnerungsorten für Helden und Märtyrer historischer und aktueller Nazis dürfte weder dem Organisator selbst noch etwaigen Reise-„Kameraden“ geschmeckt haben.

„Mit dieser Geheimhaltungstaktik hätten DIE den Krieg nicht gewonnen“. Das mögen sich manche Beobachter*innen gedacht haben, als Autor*innen der antifaschistischen Zeitung LOTTA im Internet wenige Tage vor dem Beginn der „exklusiven Ein Fähnlein-Erlebnisfahrt für Kameraden“ mit den Stationen „Ordensburg Vogelsang – Nibelungenhalle Königswinter – Arno Breker – Auf den Spuren Schlageters – Ausstellung ‚Schaffendes Volk‘“ über die traditionstümelnde und nicht minder peinliche „historische Exkursion“ aufklärten. Einige Medien und Zielorte in den jeweiligen Regionen griffen die Informationen auf und berichteten ihrerseits. Und damit war es wohl vorbei mit der vertraulichen Atmosphäre, in der ewiggestrige Neu-, Alt- und Langzeitnazis um Ostendorf ihrer NS-Verherrlichung gerne ungestört gefrönt hätten.

Und dabei hatte Henrik Ostendorf, der seit den 1980er Jahren in der organisierten Neonazi-Szene – von „Freiheitlich Deutscher Arbeiterpartei“ (FAP) über „Nationalistische Front“ (NF) bis NPD – mitmischt, bei der Vorbereitung und Werbung rund um die Erinnerungsarbeit im Geiste des historischen Nationalsozialismus so viel Wert auf Diskretion gelegt. Ausdrücklich „NICHT für das Internet/facebook und die Öffentlichkeit“ sei das Exkursions-Angebot bestimmt, zitierte die LOTTA am 18. April 2017 aus der Programmskizze.

NS-Spurensuche

Drei Tage lang, so der Einladungstext, wolle man auf den Spuren der Helden und Märtyrer der nationalsozialistischen Bewegung wandeln, so der Plan von Henrik Ostendorf, Bruder des „Kategorie C“-Frontmanns Hannes Ostendorf. Ziel der Reise sollten die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang, ein Lieblingshotel Hitlers in Bonn, die Nibelungenhalle in Königswinter (Rhein-Sieg-Kreis) und diverse NS-Weihe- und verehrungswürdige Orte in Düsseldorf sein. In der Landeshauptstadt sollten dabei Plätze im Mittelpunkt stehen, die an NS-getreue Kulturschaffende, „Freiheitskämpfer“ in der Zeit vor der Machtübergabe und kulturpolitische Errungenschaften der NS-Volkskörper-Politik erinnerten. Eine „geführte Besichtigung durch das Arno-Breker-Atelier“ in Düsseldorf-Lohausen stand hier ebenso auf dem Programm wie ein Spaziergang über das Gelände der 1937 eröffneten NS-Reichsausstellung „Schaffendes Volk“, gelegen im nördlichen Teil des ehemaligen „Gesolei“-Parks gegenüber dem heutigen Aquazoo. Zentrales Thema der Reisestation Düsseldorf sollte vor allem aber die Geschichte des bewunderten Freikorps-„Helden“ Albert Leo Schlageter sein, mit Anlaufpunkten unter anderem auf dem Nordfriedhof und in Kalkum. Wegen durchgeführter Sabotageaktionen gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets in Folge nicht geleisteter Reparationsleistungen war Schlageter nach einem nicht sonderlich geglückten Sprengstoffanschlag auf eine Eisenbahnbrücke in Düsseldorf-Kalkum am 7. April 1923 in Essen festgenommen und in Düsseldorf inhaftiert worden. Er wurde zum Tode verurteilt und am 26. Mai 1923 in der Golzheimer Heide hingerichtet. In den folgenden Jahren entstand ein regelrechter Kult um den „letzten Soldaten des Weltkriegs und ersten Soldaten des Dritten Reichs“, den die Nationalsozialisten mit aufbauten und für sich nutzbar machten.

Neben weiteren kunsthistorischen Abstechern auf den Spuren des von Hitler höchstpersönlich verehrten NSDAP-Mitglieds und vom NS-Regime ebenso gestützten wie profitierenden Kunstprofessors, des Bildhauers Arno Breker, hatte Ostendorf unter anderem auch einen Besuch der Kaiserpfalz in Kaiserswerth auf dem Waschzettel der Reiseplanung. Die heute wie schon vor 1945 verfallene Kaiserpfalz in direkter Nähe zum Rhein wurde in der NS-Zeit vor allem von der „Hitlerjugend“ (HJ) für Selbstinszenierungen und als Gedenkort genutzt, unter anderem für eben jenen Schlageter.

Damals wie heute – Hitlerleute

Just hier – in Kaiserswerth – wird mit Blick auf die „Erlebnis“-Tour, die Ostendorf für sich und seine „Kameraden“ geplant hat, deutlich, wie gezielt es der Nazi-Truppe im Touri-Modus auf einen geschichtsbewussten Zugang zur Großerzählung vom Heldentum des Nationalsozialismus und eine aneignende Bezugnahme auf den NS abgesehen hat. Es schließt sich förmlich der Kreis aus „Heimat, Freiheit, Tradition“ und „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. Dem neuen (alten) Slogan der extremen Rechten heute einerseits – und dem berühmten Zuschreibungssatz, mit dem Hitler am 14. September 1935 beim Nürnberger Reichsparteitag vor 50.000 HJ-Jungen seine Vorstellungen davon skizzierte, wie die deutsche Jugend im Geiste des NS zu sein habe – andererseits. So ist die HJ, oder besser, das „Deutsche Jungvolk“ so etwas wie ein ideologisches Begriffsbindeglied, das Hitlers Windhunde-HJ und Ostendorfs Reisegruppe zusammenführt. Denn Ostendorf ist Herausgeber der Zeitschrift „Ein Fähnlein“, die seit 2012 erscheint und deren inhaltliches Hauptaugenmerk dem Geschichtsbewusstsein in der Pflege der Wissensbestände zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Helden gilt – verherrlichend, nichts weiter. „Fähnlein“, das war aber zugleich auch die Bezeichnung für eine Organisationseinheit des „Deutschen Jungvolks“, jener Kinder- und Jugendorganisation der NSDAP, in der Kinder von 10 bis 14 Jahren auf Linie getrimmt wurden, bevor sie als Jugendliche in die HJ wechselten. Erziehung, besser vielleicht: Bildung, Geschichtsbewusstsein und Traditionspflege sind es zugleich wohl auch, die Ostendorf als Verleger des „Ein Fähnlein“-Magazins leiten, wenn er und Gleichgesinnte in der HJ-Gedenkstätte in Kaiserswerth oder am ehemaligen Standort des „Schlageterkreuzes“ auf dem Nordfriedhof in alte Zeiten zurückklettern beziehungsweise diese am auratischen Ort würdigend nachempfinden wollen.

Hausrecht gegen Nazis

Soweit der Plan. Zwei Tage vor Fahrtbeginn tauchten dann gravierende Probleme auf. Das für die Nacht auf den 22. April reservierte Hotel buchte die NS-Reisetruppe am 19. April kurzerhand wieder aus. Auf eine Kundschaft mit einem derartigen Anliegen könne und werde man verzichten. Punkt und Ende der Diskussion. Ähnlich sah das Albert Moritz, Geschäftsführer der „Vogelsang IP gemeinnützige GmbH“: „Vogelsang IP steht für Vielfalt und ein friedliches Miteinander und wird im bewussten Gegensatz zum ursprünglichen Zweck des Ortes entwickelt. Die Würde eines jeden Menschen, unabhängig von Nationalität, Abstammung oder religiöser Ansichten ist Fundament unserer Arbeit. Mit dieser Haltung übernehmen wir Verantwortung vor der Geschichte. Der angekündigte Besuch steht im Widerspruch zu dieser Haltung.“ Man werde „je nach dem Auftreten der Gruppe“ gegebenenfalls vom Hausrecht Gebrauch machen und die Gruppe des Geländes verweisen. Ostendorf und Co. zogen es trotz der in dieser Erklärung aufgezeigten Benimm-Lücke angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit und der zu erwartenden Konflikte vor, erst gar nicht anzureisen. Ob sie jedoch die komplette Fahrt absagten oder es trotz der Widrigkeiten noch für den zweiten Teil von Samstagnachmittag bis Sonntagnachmittag in Düsseldorf reichte, war bis Redaktionschluss der TERZ (noch) nicht bekannt.

Lesetipp:
https://duesseldorf-rechtsaussen.de/2017/04/18/d-auf-den-spuren-von-fuehrer-volk-und-vaterland