Das rote Bauhaus

Jubiläen werfen ihre Schatten voraus, wie Hochhaus-Türme ihre Silhouetten zwischen die Häuserschluchten. Mit ihrem Band „Das rote Bauhaus“ erzählt uns die Düsseldorfer Architektin und Autorin Ursula Muscheler jetzt, knapp zwei Jahre vor dem 100sten Geburtstag des „Bauhaus“, eine sehr besondere, politische „Geschichte des Bauens und Scheiterns“ im Zeichen von Schlichtheit und dem guten Wohnen für Alle.

In Düsseldorf ist das Neue Bauen, jener schnörkellose, bisweilen kantig gebogene Stil, der das „Bauhaus“ so sehr prägte, nur noch hier und da zu erkennen. In Flingern zum Beispiel findet sich der ein oder andere Backstein-Komplex – gradlinig und über mehrere Straßenecken ausgestreckt, so herrlich quadratisch. Oder in Oberbilk, wo ein einzelnes Wohngebäude mit seinen geschwungenen Balkonen, umzingelt von Ecken und Kanten, die Schule des Neuen Bauens abbildet. 100 Jahre nach Gründung der berühmten Kunstschule – 1919 von Walter Gropius als Ausbildungs- und Kreativort für Architektur und Design in Weimar gegründet – werden sich viele Bücher, Bildbände und Kunstgeschichten mit dem Bauen dieser Zeit beschäftigen. Ob die politische Perspektive auf und von „Bauhaus“ einen Platz im Schreiben über Gebrauchskunst und ihre Schöpfer*innen haben wird?

Ursula Muscheler hat mit ihrem 170 Seiten schmalen, aber umso feineren und gehaltvolleren Bändchen zum „Roten Bauhaus“ in dieser Hinsicht kraftvoll und tiefenscharf vorgelegt. Sie beschreibt in mehr als einem Dutzend Porträts ein Stück der Lebenswege von Architektinnen und Architekten, die auszogen, das Bauen im Land großer Möglichkeiten umzusetzen: Von Weimar nach Moskau, könnte der Untertitel heißen. Doch Muscheler untertitelt ihr Buch mit „Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern“. Damit verrät sie schon auf dem Cover den Grundton der Erzählung individueller und gemeinsamer Pläne künstlerischer und politischer Verwirklichung, die die Architekt*innen in der Sowjetunion der späten 1920er und 1930er Jahre suchten. Ihr Arbeiten stand ohne Zweifel im Spannungsfeld der Grenzen und Möglichkeiten, die den Bauhäusler*innen gesetzt und gegeben waren.

Denn es waren nicht eben wenige „Bauhaus“-Absolvent*innen oder Student*innen, die ab 1926 als Architekt*innen und Stadtplaner*innen in der Sowjetunion arbeiteten. Deren Geschichte erzählt Muscheler in ihrem chronologisch aufgebauten Buch. Expert*innen des sozialen Wohnungsbaus der Weimarer Republik waren sie – wie Bruno Taut (Berlin) oder Ernst May (Frankfurt/Main). Andere gehörten der „Bauhaus-Brigade Rotfront“ an und verbanden auch grenzüberschreitende politische Visionen mit ihrer Arbeit. Der Internationalismus war es, der die mehrköpfige Gruppe ehemaliger Bauhaus-Studierender stärkte, angeleitet von Hannes Meyer, der vor seiner Ausreise in die Sowjetunion von 1928 bis 1930 Direktor des Bauhauses in Dessau gewesen war.

Am Sehnsuchtsort „Sowjetunion“ wurden die prominenten Architekt*innen zuerst mit Freude empfangen. Doch spätestens 1932 wendete sich das Blatt. Gerieten die Expert*innen doch auch schon vorher in die Kampagnen gegen Ausländer*innen und sahen sich hier wie zu anderen Gelegenheiten durchaus mit den Auswirkungen des Stalinismus konfrontiert. Margarete und Wilhelm Schütte-Lihotzky zum Beispiel verließen das Land im August 1937. Schon vorher waren alle, und das berichtet Muscheler eindrücklich, mit einer tristen und bürokratischen Realität konfrontiert, die sie so nicht erwartet hatten – und die in den zeitgenössischen Medien der kommunistischen Weltbewegung auch nicht vermittelt worden war. Ernüchterung und Enttäuschung waren die Folge. So kehrten viele der einst hoffnungsvoll Aufgebrochenen der Sowjetunion bald wieder den Rücken. Sie emigrierten in die Schweiz, nach Mexiko oder in die USA. Vor, und erst recht nach 1933 wollte keine*r von ihnen wieder zurück nach Deutschland. Einige von ihnen sahen sich zur Rückkehr gezwungen: Konrad Püschel und Walter Schwagenscheidt überlebten den Nationalsozialismus, Püschel machte später in der DDR Karriere. Schlussendlich waren die von Idealismus angetriebenen Protagonist*innen des Neuen Bauens „Romantiker der Revolution“ (Joseph Roth). Mehrere kamen in sowjetischen Lagern sogar zu Tode, Antonin Urban aus der Bauhausbrigade wurde Anfang 1938 verhaftet und später an unbekanntem Ort erschossen.

Muscheler erzählt ihre von Hoffnung, Engagement und Scheitern, Überleben, Exil und Tod geprägte Geschichte in den Jahren von 1926 bis 1955. Ihr Leben im Zeichen ihrer idealistischen Profession hinterließ Bauten, über deren Pläne oder Umsetzung wir in Muschelers Band lesen können. Ohne die Gefahren des politischen Reisens in unruhigen Zeiten.

BERND HÜTTNER

Ursula Muscheler: Das rote Bauhaus.
Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern
Berenberg Verlag 2016
168 Seiten, 22 EUR.