„Unser direktes Ziel haben wir erreicht: Die Bagger standen still“

Vom 3. Bis 5. November fanden während der Bonner Welt-Klimakonferenz verschiedenste Aktivitäten statt. Eine davon war erneut „Ende Gelände“. Unter dem Motto „Kohle stoppen. Klima schützen!“ strömten am Sonntag, den 5. November mehrere Tausend Menschen zum RWE-Tagebau Hambach, einem der größten Braunkohle-Abbaugebiete. Sie brachten den Abbau fast ganz zum Erliegen und ersparten der Erdatmosphäre so etliche Tausend Tonnen Kohlendioxid. I Furiosi sprach mit Tommy und Valentin aus der Klima AG der Interventionalisten Linken Köln über die Ereignisse.

Wer und was ist überhaupt „Ende Gelände“?

Wir sind ein Bündnis verschiedener Akteure der Klimabewegung, die gemeinsam anschlussfähige, niedrigschwellige Aktionen zivilen Ungehorsams organisieren und durchführen.
Ende Gelände ist ein offener Prozess. Bei unseren Treffen können immer Interessierte dazukommen und mitorganisieren und diskutieren. Dadurch sind heute auch viele Menschen bei „Ende Gelände“, die nicht auch noch in anderen Politgruppen oder NGOs aktiv sind.

Mittlerweile gibt es auch schon einige „Ende Gelände“-Ortsgruppen, die eigene kleinere Aktionen machen.

Wir haben uns bisher auf Braunkohle als extrem klimaschädliche Energiequelle fokussiert und immer wieder dafür gesorgt, dass die Kohleverstromung, da wo wir sind, nicht funktioniert. Dadurch zeigen wir, dass wir die Kohle als Energieträger nicht brauchen und setzen immer wieder Zeichen für einen sofortigen Kohleausstieg.

Gab es vorher schon andere Aktionen von „Ende Gelände“?

Ja mehrere. Die erste Aktion von „Ende Gelände“ fand 2015 im Rheinland statt. Dort sind wir mit über tausend Menschen vom Klimacamp aus losgezogen und haben den Tagebau Garzweiler blockiert.

Letztes Jahr haben wir unseren Fokus auf die Lausitz verlagert und mit über 3.000 Menschen über mehrere Tage hinweg Kohlebagger und -infrastruktur besetzt. Das Besondere in diesem Jahr war, dass wir zwei Aktionen gemacht haben. Einmal im August im Rahmen der Aktionstage im Rheinland. Hier fanden viele verschiedene Aktionen sehr unterschiedlicher Akteur*innen gut abgestimmt miteinander statt. Wir haben es dadurch geschafft, neben „Ende Gelände“ noch niedrigschwelligere Aktionen wie die „Rote Linie“-Aktion anzubieten, aber auch zahlreiche Kleingruppen-Aktionen durch die Kampagne „Zucker im Tank“. Die zweite Aktion fand jetzt im November im Rahmen der Proteste gegen den Weltklimagipfel in Bonn statt. Mit über 4000 Aktivist*innen haben wir den Tagebau Hambach blockiert, weswegen RWE drei Bagger abschalten musste. Das war ein unglaublich positives Erlebnis für uns und wurde auch von der Öffentlichkeit so wahrgenommen.

Gibt es internationale Verbindungen?

„Ende Gelände“ ist, auch wenn der Name trügt, sehr international. 2015 in der Lausitz lag die internationale Beteiligung bei fast einem Drittel. Das wurde vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit 350.org möglich.

Im August wurden ganze Finger aus verschiedenen europäischen Ländern organisiert. Und gerade jetzt, mit Bezug auf den UN-Klimagipfel, ist die internationale Beteiligung in unserem Bündnis besonders stark gewachsen. Wieder waren viele, vor allem europäische Aktivist*innen, Teil der Planung und der Aktion selbst. Außerdem haben wir solidarisch mit zahlreiche Klimaaktivist*innen aus dem Globalen Süden zusammengearbeitet. Zum Beispiel hielten die „Pacific Climate Warriors“, eine Gruppe von Klimakämpfer*innen von den pazifischen Inseln, am Morgen des Aktionstags eine Zeremonie an der Kante des Tagebaus ab. Andere Gruppen wie „La Via Campensina“ waren Teil der Demonstration. Für uns als „Ende Gelände“ kann die Klimagerechtigkeitsbewegung nur auf internationaler Solidarität beruhen.

Wie schätzt ihr die Aktion ein? War sie erfolgreich?

Unser direktes Ziel haben wir erreicht: Die Bagger standen still. Hierdurch konnten wir nicht nur den Braunkohleabbau für einige Stunden stoppen, sondern RWE und Deutschland vor der Weltöffentlichkeit als Klimasünder demaskieren. Außerdem haben wir gezeigt: Wir sind Viele und lassen uns nicht mit scheinheiligen politischen Debatten abspeisen. Die Bewegung wächst stetig, und auch bei dieser Aktion haben sich tausende Menschen selbst ermächtigt und ihre Forderungen in die Grube getragen. Ein besonderer Erfolg für uns war auch, dass wir im Planungsprozess und bei der Aktion selber internationale Solidarität gelebt und verschiedene Kämpfe zusammengeführt haben.

Was sind eure Kritikpunkte an der Klimapolitik Deutschlands/der Welt?

Es ist mittlerweile bereits in breiten Teilen der Gesellschaft Konsens, dass wir keine Braunkohle für unseren Strombedarf brauchen. Für uns stellt sich deshalb die Frage: Wie kann es sein, dass der Ausstieg aus der Braunkohle noch immer nicht passiert ist?

Deutschland bezeichnet sich stets als ‚Klimaretter‘, ist in Wirklichkeit aber Weltmeister im Braunkohleabbau. Das Rheinische Revier beispielsweise ist die größte CO2-Emissionsquelle Europas. Dass die Tagebaue dort noch immer aktiv sind, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit wirtschaftlichen Interessen von Großkonzernen wie RWE, aber auch des Staates, der durch Firmenanteile und den Export der Kohle verdient.

Weltweit sind es die Länder des Globalen Nordens, die den Klimawandel anheizen. Doch betroffen davon sind vor allem Länder des Globalen Südens, die diesen nicht verursacht haben und unter dem kapitalistischen Normalzustand am meisten leiden.

Was sind eure Forderungen?

Wir fordern natürlich den sofortigen Ausstieg aus der Braunkohle. Doch das ist nur ein Teilaspekt des größeren Ziels: Klimagerechtigkeit. Das bedeutet für uns, dass wir keine Privilegien für Wenige auf Kosten Vieler akzeptieren. Nicht nur müssen die Treibhausgas-Emissionen der Industrieländer enden, die Verursacher*innen müssen auch die Verantwortung für bereits angerichtete Schäden übernehmen. Doch unser endgültiges Ziel der Klimagerechtigkeit können wir nur erreichen, wenn sich unser Wirtschaftssystem grundlegend ändert.

Wie verhalten sich die umliegenden Anwohner*innen euch gegenüber?

Der Braunkohleabbau bedroht noch immer das Zuhause vieler Menschen. Deswegen unterstützen viele der Anwohner*innen unsere Aktionen. Außerdem suchen wir von „Ende Gelände“ natürlich das Gespräch mit allen Betroffenen. Das funktioniert nicht mit allen gleich gut. Spannungen gibt es zum Bespiel mit der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie – aber auch hier sind wir im Dialog und haben diesen Sommer sogar eine gemeinsame Podiumsdiskussion organisiert.

RWE und die Polizei fanden die Aktionen nicht so gut. Sie hetzten ja schon im Vorfeld gegen „Ende Gelände“. Wie habt ihr RWE-Security und Polizei erlebt? Wie habt ihr euch geschützt?

Mit unserer Aktion haben wir Presse und Welt gezeigt, dass wir bunt und friedlich sind. Doch die Polizei ist uns gegenüber unverhältnismäßig aggressiv aufgetreten: Der Höhepunkt ihres eskalativen Verhaltens war der Pferde- und Pfefferspray-Einsatz gegen uns. Hierbei wurden einige Aktivist*innen zum Teil schwer verletzt.

Mittlerweile haben wir gute Strategien entwickelt, um uns vor solchem Verhalten zu schützen. Dazu gehören zum Beispiel eine gute Planung und Trainings im Vorfeld oder die kollektive Verweigerung unserer Personalien während der Aktion. Letzteres führte dazu, dass die Polizei bisher erst eine*n von über 4000 Aktivist*innen identifiziert hat.

Was ratet ihr Aktivist*innen, die von Repression betroffen sind?

Ende Gelände wird von mehreren Rechtshilfegruppen unterstützt. Diese sind nicht nur während, sondern auch nach den Aktionen ansprechbar. Sollten Aktivist*innen also im Nachhinein mit Repressionen konfrontiert sein, raten wir ihnen, sich an diese Stellen zu wenden. Die entsprechenden Kontakte finden sich auf unserer Website.

Bisher wurden alle Verfahren im Rahmen von „Ende Gelände“ entweder eingestellt oder endeten mit einem Freispruch.

Wie geht es jetzt mit „Ende Gelände“ weiter? Sind schon nächste Aktionen geplant?

Aus dem Bündnis heraus gibt es derzeit große Unterstützung für die Besetzer*innen des Hambacher Forsts, der dem Braunkohletagebau weichen soll.

Es gibt schon viele Ideen, wie es mit „Ende Gelände“ weitergehen soll. Wir treffen uns Anfang des Jahres sowohl im Bündnis als auch mit anderen Akteur*innen, um diese Ideen in Pläne umzusetzen. Hierzu braucht es immer begeisterte Menschen – und wir freuen uns immer über neue Gesichter. Deshalb: Kommt gerne vorbei - das nächste Bündnistreffen findet vom 2. bis zum 4. Februar 2018 statt.