Die Wissmanns von heute

Hermann von Wissmann hatte sich vor 130 Jahren im damaligen deutschen Kaiserreich einen Namen gemacht. In der Kolonie Deutsch-Ostafrika kämpfte er gegen Aufständische und massakrierte Tausende Afrikaner*innen. Heute ist er nicht mehr so gut beleumundet. In der Ausgabe 11.17 berichtete die TERZ über eine Initiative zur Umbenennung der Wissmannstraße. Ein Leserbeitrag beschäftigt sich damit, wohin die Vorarbeiten von Wissmann & Konsorten schließlich führten.

Der Hintergrund der Schlachtfeste, die in vielen Mandatsgebieten der europäischen Großmächte in Afrika und Asien gefeiert wurden, ist kurz erzählt: Die Kolonialpolitik zielte auf die Zurichtung der beanspruchten Gebiete für die Interessen der Kolonialstaaten und deren Wirtschaft ab. Es ging um den Abtransport von Rohstoffen sowie die Nutzung der fruchtbaren Gebiete in den Kolonien für die Versorgung der Mutterländer. Und nicht zuletzt sollten die Kolonien den in den Mutterländern industriell hergestellten Plunder kaufen. Menschen, die sich bei diesem Vorhaben störend bemerkbar machten, wurden mit den vom TERZ-Autoren in der letzten Ausgabe beschriebenen Mitteln aus dem Weg geräumt.

Die „Eingeborenen“ hatten gute Gründe, sich gegen ihre neuen Herren zu wehren. Schließlich nahm man ihnen das Land, das sie ernährte, und zerstörte ihre Infrastruktur, um das Land für die Industriemächte kompatibel zu machen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden fast alle Kolonialgebiete unter dem berechnenden Druck der USA in die Unabhängigkeit entlassen. Der Weltmarkt sollte allen kapitalistischen Industriemächten zur Verfügung stehen. Die Kolonialpolitik und -wirtschaft wurde von den USA als unzulässige Beschränkung ihres Rechtes auf den Zugriff auf die Märkte und die Ressourcen durch ihr Kapital gesehen, denn sie gingen davon aus, dass sich ihre großen und erfolgreichen Unternehmen in der internationalen Konkurrenz durchsetzen würden.

Die Auflösung der Kolonialreiche führte in der Regel nicht zu einer Verbesserung der Situation für die Masse der Einwohner*innen. Sie bekamen lediglich neue Herrscher, die die eigene Sprache sprachen.

Die Ausbeutung durch die großen Industriemächte bleibt nicht nur bestehen, sondern wird sogar noch effektiver, da sich die Nutznießer nicht mehr um die Niederhaltung der störrischen Bevölkerung kümmern müssen. Das erledigen jetzt die einheimischen politischen Eliten, bisweilen mit tatkräftiger Unterstützung aus Europa oder Nordamerika, selbst – und verdienen daran nicht schlecht.

Die Länder der Dritten Welt sind heutzutage fix und fertig für die Ausbeutung durch ausländisches Kapital eingerichtet. Der Dollar, Euro, Renminbi Yuan oder Yen sind die Währungen, in denen die Geschäfte betrieben werden. Die Bevölkerung dient den internationalen Großkonzernen als Lohnarbeiter oder muss schauen, ob sie in den Müllhalden der Großstädte etwas findet, das sie irgendwie zu Geld machen kann. Denn ohne Geld ist auch in diesen Ländern kein Auskommen mehr möglich.

Und diese schöne Weltordnung haben wir den Vorkämpfern in den Kolonien, den Wissmännern, Petersen, Lüderitzen, Woermännern und Leutweinen zu verdanken. Sie haben den Boden bereitet für eine Welt, in der nur der erzielte Gewinn in Geld zählt.

Der Autor des Umbenennungsartikels schreibt: „Aber selbst bei Linken stößt das (die Straßenumbenennungsinitiativen, d. V.) nicht auf ungeteilte Zustimmung. Einige meinen, die Namen ständen für eine Tradition, die Deutschland ohnehin noch nicht abgeschüttelt hat. Sie also beizubehalten wäre ehrlicher, als Symbolpolitik mit korrekteren Namenspatron*innen zu treiben.“ Ich glaube nicht, dass es diesen Linken um die Frage geht, ob die Straßennamen beibehalten werden sollen oder nicht. Sie kritisieren die Straßenumbenennungsinitiativen, weil sie den schönen Schein eines friedlichen und völkerfreundlichen Deutschlands befördern. Denn ein wesentlicher Zweck deutscher und europäischer Außenpolitik ist es, weltweit für lohnende Investitionsbedingungen der heimischen Kapitale zu sorgen. Um dafür stabile Verhältnisse herzustellen, kommen heute die deutschen und europäischen Armeen nicht mehr als Schlächter, sondern in „Friedens“missionen. Die Ergebnisse sind in Afrika zu begutachten. Für die Menschen dort bedeutet es im günstigsten Fall keinen Krieg, aber weiterhin Hunger und Elend.

Thomas

P.S.: I have a dream: Alle Straßenschilder haben politisch saubere Bezeichnungen, die Kasernen sind befreit von Nazi-Namensgebern, der CDU-Bürgermeister verneigt sich bei der Gedenkveranstaltung vor den kommunistischen Opfern des Nationalsozialismus, und der Imperialismus wütet, dass es nur so kracht.