Gewalt in Düsseldorf

Wer seine Band „Gewalt“ nennt, macht erst mal eine Ansage, ist aber andererseits auch schon zu „meta“, um ein ganz ungebrochenes Verhältnis zum Brachialen haben. Und so lässt die Gruppe der drei Berliner*innen Patrick Wagner, Yelka Wehmeier und Helen Henfling in all ihrem gitarren- und rhythmusmaschinen-getriebenen Brutalismus noch genügend Platz für anderes jenseits von Entschiedenheit, Dringlichkeit und Überwältigung. Und am 5. Februar tun sie das im zakk.

„Ein Leitbild/ein Vater/eine Erkenntnis/eine Grenze, ein Staat, eine Maske/eine Mutter/eine Familie/eine Verkleidung/Vergeltung, ein Glaube, eine Umarmung“,Wörter wie diese stößt Patrick Wagner auf vornehmlich dunkler Bühne gut vier Minuten lang aus. Dazu spukt eine erbarmungslos tickende Rhythmus-Maschine leicht verhallte Beat-Schläge aus, während sich ab und zu ein Sound-Wällchen aus Synthesizer-Geigen erhebt. Dann leitet eine Gitarren-Phrase – nach Wagners Bekunden das einzige Überbleibsel aus seiner langen Zeit der Musik-Abstinzenz vor Gewalt – zum fünf-minütigen Refrain über: „Wir sind sicher“.

Der Sänger zählt also alles auf, was ihm zu „Sicherheit“ so einfällt. Vom engsten Familienkreis bis zur großen, weiten Welt reicht die Assoziationskette, die es einem mit ihrer Spannweite einigermaßen schwer macht, sich das Thema vom Leib zu halten. Wagner hat diesen Song 2015 nach dem Anschlag auf die Pariser Diskothek „Bataclan“ geschrieben. „Danach kam so eine Diskussion auf, dass alles jetzt total gefährlich ist, Europa ist bedroht, wir sind bedroht, ich bin bedroht. Wir brauchen Sicherheit, und ich war mir gar nicht so sicher, gar nicht so sicher, was Sicherheit bedeutet. Und deshalb habe ich gedacht schreibe ich mal ein Stück darüber. Wenn man irgendwas nicht weiß, muss man darüber schreiben“, erzählte er bei einem Konzert in Köln zur Entstehungsgeschichte von „Wir sind sicher“. Als „unser Königslied“ bezeichnet der Musiker es, und es ist wirklich ein Über-Stück in all seiner Heftigkeit und Ambivalenz. Gewalt wollen es entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten mit Samples von Richard Wagner bis Miles Davis auch fett produzieren. Jedenfalls für ihre Verhältnisse. Die Gruppe bringt nämlich nur Singles heraus. Patrick Wagner befindet sich im Post-Karriere-Modus. Mit seiner Band Surrogat hatte er einmal Großes vor, aber das klappte nicht, und danach folgten dunkle Jahre inklusive Scheidung und Hartz IV.

Und jetzt steht er in seinem verschlissenen Hochzeitsanzug auf der Bühne und singt über die „lost years“. „Du stehst nicht auf/Es fällt dir schwer/Du kannst nicht mehr/Wände, Decke, Boden“, heißt es etwa in „So soll es sein“ und von Amts wegen in „So geht die Geschichte“: „Sie sagt, es fehlen Papiere/Sie fragt, warum sind sie nicht eher gekommen/Sie sagt, Ihnen droht die Obdachlosigkeit“. Diese stellt sich der Sänger dann sogleich vor mit Betteln, Revier-Kämpfen und der passenden Losung: „Das neue Gold heißt Pfand.“

Wie die Tags „Dostojewski“, „Rhythmus-Maschine“ und „shredding guitars“ auf Gewalts Bandcamp-Seite schon erwarten lassen, lappt das manchmal allerdings arg ins Existenzialistische. „Wir sind Inseln/Um uns Leere“ und „Schutzlos, nutzlos, ausgeliefert“ wird etwa in „Von Inseln“ geraunt, während Wagner in „Tier“ Erlösung von der Last, Mensch zu sein, ersehnt und nur den Instinkten folgen zu müssen als eine Utopie erscheint. Da gibt es dann nur noch Körper, Krankheit, Tod – Biologie eben. Eine solche Lebensphilophie kann nicht anders als im Nichts enden und droht Gewalt-Konzerte zu dunklen Messen zu machen. Sie sind aber eben keine „schamanistische Kartharsis-Zeremonie. Besser als ... Rammstein“ (Spex) für gestresse Zeitgenoss*innen. Für so etwas fehlt den Dreien die Geradlinigkeit. Schon allein der Name. Wenn eine Gruppe sich „Gewalt“ nennt, hat sie eben kein ungebrochenes Verhältis zur Gewalt. „Die Band könnte (...) genauso gut ‚Angst’ heißen“, sagte Wagner in einem Taz-Interview. „Um mich selbst vor Mittelmäßigkeit zu schützen“, hat er den Namen gewählt: „Man kann nirgendwo hinschielen, unter dem Namen kann man kein mediokres Stück machen. Es ist von einer gewissen Entschlossenheit durchdrungen, auch bei den Texten.“ Und der Wille zur Entschlossenheit ist eben etwas anderes als die Entschlossenheit selbst.

Band-intern herrscht in der Gewalt-Frage dann auch alles andere als Einigkeit. Auf die Ereignisse beim G20-Gipfel angesprochen, wo Gewalt eigentlich auf der „Welcome-To-Hell“-Demo spielen sollten, muss Wagner nicht lange überlegen: „Ich hätte natürlich sofort zu Gewalt aufgerufen.“ Er freut sich auch, dass sich die „Gewalt in Hamburg“-Plakate, die für die Tour im April 2017 warben, als prophetisch erwiesen haben. „Ich hatte ja schon immer so einen Drang zu visionären Gedanken“, meint der Musikus. Seine Mitspieler*innen hingegen sehen das alles ein bisschen differenzierter. „Das ist mir zu platt. Das ist ein Wort, das auch gereinigt werden muss“, so Yelka Wehmeier. Für Helen Henfling ist der Begriff derweil nur „ein Spannungsfeld, das es auszuloten gilt“.

Na, das sind doch produktive Widersprüche! Und hoffentlich bearbeiten Gewalt sie weiter in ihrem Hobby-Keller zu Singles, ohne größer oder kleiner zu werden. Im zakk ist die Band am 5. Februar zusammen mit „Friends of Gas“ zu sehen, die sich laut Konzert-Info in etwa so anhören sollen, als ob sich Rod Stewart in eine „Dark Wave“-Band verirrt hätte.

Jan