Gegründet um zu bleiben:

Eine Dekade STAY!

Die TERZ gratuliert der Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative herzlich zum runden Geburtstag. Im Gespräch wirft STAY! einen Blick zurück auf zehn Jahre engagierte Arbeit.

TERZ: Was gab den Anstoß zur Gründung von STAY!?

STAY!: Anlass den Verein in Düsseldorf zu gründen, war der Kampf um das Bleiberecht von Familie Idic. Die Mutter sollte, nachdem sie 17 Jahre in Deutschland gelebt hatte, mit ihren vier minderjährigen Kindern nach Südserbien abgeschoben werden. Der Vater war bereits ausgewiesen. Die Familie erhielt Kirchenasyl in der katholischen Lambertusgemeinde Düsseldorf und konnte so vor der Abschiebung geschützt werden. Der Fall erregte bundesweit mediales Aufsehen und stand beispielhaft für Hunderttausende von Abschiebung bedrohter Menschen. Semra, die älteste Tochter der Familie Idic, arbeitete zu dieser Zeit als Praktikantin bei der Obdachlosenzeitung fiftyfifty. Dadurch haben wir das Schicksal von Familie Idic hautnah miterlebt. Zum selben Zeitpunkt überlegten Medizinstudierende an der Heinrich-Heine-Universität, ein medizinisches Versorgungsnetzwerk für papierlose Flüchtlinge ins Leben zu rufen. Zusammen haben wir dann im Jahr 2008 die Flüchtlingsinitiative STAY! gegründet.

TERZ: Wie hat sich die Arbeit im Laufe der zehn Jahre des Bestehens verändert?

STAY!: Die wohl positivste Veränderung ist unserer Meinung nach die die finanzielle Förderung der medizinischen Versorgung von papierlosen Menschen durch die Stadt Düsseldorf und damit auch die Anerkennung, dass es diese Menschen – trotz ihrer „Unsichtbarkeit“ – überhaupt gibt. Zu Beginn unserer Arbeit ist dies oft verneint worden. Darüber hinaus haben wir uns in den vergangenen Jahren zunehmend professionalisiert. Aus der anfangs rein ehrenamtlichen Tätigkeit sind über die Jahre drei Stellen für Sozialarbeiter*innen entstanden, die sich vier Personen teilen. Unterstützt werden wir in unserer Arbeit aber weiterhin auch von Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren.

TERZ: In einem Terz-Interview im März 2015 zeigte sich STAY! noch recht optimistisch, dass es der Rechten nicht gelingen würde, die Geflüchteten-Frage für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. „Mobs vor Flüchtlingsheimen, organisierte Neonazis darin, eine Presse, die aufstachelt – das alles ist gerade nicht der Fall“, sagte STAY!-Mitarbeiter Oliver Ongaro in dem Gespräch. Würdet Ihr diese Einschätzung heute revidieren?

STAY!: 2015 war für uns kaum vorstellbar, dass nur zwei Jahre später eine rechte Partei wie die AfD in den Bundestag einzieht. So erleben wir heute, dass nahezu jede Partei das Thema Asyl und Flucht für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert. Unterstützt durch große Teile der Presse, die mit ihrer Art der Berichterstattung dazu beitragen, dass Geflüchtete von vielen nur noch als Belastung oder gar Bedrohung gesehen werden. Positive Beispiele, wie wir sie in unserer täglichen Arbeit erleben – Erfolge in Schule und Berufsausbildung, erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt – finden dagegen leider kaum Erwähnung.

TERZ: Machen sich diese Veränderungen in Eurer täglichen Arbeit bemerkbar?

STAY!: 2015 wären wir sicher nicht von Politiker*innen bürgerlicher Parteien als „Feinde der deutschen Rechtsordnung“ oder „Teil der Abschiebeverhinderungsindustrie“ bezeichnet worden. Vor allem die Verschärfungen im Asylgesetz durch das Asylpaket II haben unsere Arbeit stark verändert. Besonders deutlich wird dies bei der Verhinderung des Familiennachzugs zu subsidiär geschützten Menschen. Hier erleben wir eine Asylpolitik, die Grundrechte wie den Schutz der Familie mit Füßen tritt.

TERZ: Zu Eurer relativen Zuversicht damals trug auch bei, dass STAY! viel Unterstützung von außen erhielt. Zum Beispiel bekamt Ihr zahlreiche Spenden. Ist das heute auch noch der Fall?

STAY!: Die Menschen, die uns von Beginn an unterstützt haben, tun dies auch heute noch. Aber das überraschend hohe Spendenaufkommen aus dem Jahr 2015 brach mit dem Stimmungswandel im Jahr darauf schlagartig ab. Ohne Spenden können wir unsere Angebote für Geflüchtete auf Dauer nicht aufrechterhalten. Was uns fehlt, sind Menschen, die uns – auch mit geringen Beträgen – finanziell unterstützen.

TERZ: Wie würdet Ihr den Umgang der Stadt mit den Geflüchteten charakterisieren, gibt es da Defizite?

STAY!: Positiv zu erwähnen ist zunächst einmal das große ehrenamtliche Engagement der Düsseldorfer*innen. Sehr viele waren bereit, Geflüchtete zu unterstützen und viele sind bis heute dabeigeblieben. Und auch in der Stadtführung wurde mit der Einrichtung des sogenannten Runden Tisches schnell und vorbildlich reagiert. Dort wurden in engem Austausch mit allen, die in der Arbeit mit Geflüchteten tätig sind, die notwendigen Schritte abgestimmt und größtenteils umgesetzt. Nach wie vor gibt es aber massive Mängel in der Unterbringung, da es an bezahlbarem Wohnraum fehlt. Dies führt dazu, dass Menschen, die bereits eine Aufenthaltserlaubnis haben, weiterhin in Asylbewerberunterkünften und Einrichtungen für Wohnungslose leben müssen. Durch die Wohnsitzauflage sind die Betroffenen gezwungen, in Düsseldorf zu bleiben und so suchen gerade Familien jahrelang erfolglos nach einer geeigneten Wohnung.

TERZ: Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Eure wichtige Arbeit!


STAY! freut sich über Geburtstagsgeschenke, spendet zahlreich an:
IBAN DE51 4306 0967 4008 4085 00