Akzeptanz statt Abstinenz

Die Düsseldorfer Drogenhilfe

Seit vielen Jahrzehnten unterstützt die Düsseldorfer Drogenhilfe Konsument*innen darin, ihren Alltag zu bewältigen, der Verelendung entgegenwirken und zeigt Perspektiven auf, der Sucht zu begegnen. Dabei verfolgt die Drogenhilfe einen konsumakzeptierenden Ansatz. Im Gespräch mit der TERZ erzählen der geschäftsführende Vorstand Michael Harbaum und die Bereichsleiterin der Überlebenshilfe Jutta Eisenhauer-Jarju von ihrer Arbeit.

TERZ: Am 21. Juli ist der Gedenktag für verstorbene Drogensüchtige. Wieso ist ein solcher Gedenktag wichtig?

Michael Harbaum: Die Idee des Gedenktages ist vor 20 Jahren in Wuppertal entstanden. Der Tag wurde von Angehörigen ins Leben gerufen um derer zu gedenken, die in der öffentlichen Wahrnehmung kaum Platz finden.

Jutta Eisenhauer-Jarju: Wir hier in Düsseldorf bei der Drogenhilfe haben 2005 angefangen, Namen von verstorbenen Klient*innen aufzuschreiben. Im Team haben wir damals festgestellt, dass wir gar kein Ritual haben, um damit umzugehen. Es gibt Leute, die sehr betroffen sind, weil sie ein enges Verhältnis zu den Klient*innen hatten, sie lange begleitet haben. Daher wollten wir eine Gedenkfeier ausrichten, damals in Kooperation mit Flingern Mobil. Wir haben ganz klein angefangen: es kamen fast nur die Mitarbeiter*innen aus den sozialen Einrichtungen und kaum Klientel. Heute ist das ganz anders. Wir machen einen Gedenkgottesdienst, an dem auch Klientinnen und Klienten teilnehmen. Das hat sich sehr verändert und wird gut angenommen, die Elisabethkirche ist bestimmt zu Dreivierteln voll.

Michael Harbaum: Das ist ein ökumenischer Gottesdienst und ein wirklich nettes Beisammensein. Im Gottesdienst können die Klient*innen und Mitarbeiter*innen eine Kerze anzünden, die symbolisch für einen Verstorbenen steht. Ein solches Gedenken ist auch für die Mitarbeiter*innen oft wichtig, weil es sich um eine sehr rastlose Arbeit handelt und sie so die Gelegenheit bekommen, innezuhalten. Die Kerzen können dann auch ins Büro oder nach Hause mitgenommen werden.

Jutta Eisenhauer-Jarju: Der Gedenktag läuft in jeder Stadt anders ab, in Düsseldorf steht er unter dem Motto Trauer und Abschied. In manchen Städten werden an dem Tag auch mal Forderungen gestellt, in anderen Städten wird der Gedenktag gar nicht begangen.

Michael Harbaum: Nach dem Gedenkgottesdienst machen wir auf dem Worringer Platz neben verschiedenen anderen Einrichtungen wie der Aids-Hilfe, der Drogenberatungsstelle Kompass und einer Arztpraxis einen Stand.

TERZ: Gibt es denn unabhängig vom Gedenktag auch einen ständigen Gedenkort? In manchen Städten gibt es auf Friedhöfen ja beispielsweise Orte, an denen verstorbener Obdachloser gedacht werden kann.

Jutta Eisenhauer-Jarju: Es gibt hier in Düsseldorf den Arbeitskreis Trauer und Trost, der obdachlose Menschen im Blick hat. Das ist eine andere Szene als unsere. Die machen auch manchmal Veranstaltungen in der Altstadt, aber bei uns gibt es nur den jährlichen Gedenktag.

Michael Harbaum: Wir gehen natürlich zu Beerdigungen, wenn zum Beispiel jemand aus unserem betreuten Wohnen stirbt. Wenn jemand bei sich zu Hause stirbt, den wir nur ganz lose kennen, dann erfahren wir das häufig erst nach der Beisetzung. Die Menschen versterben oft einsam, auch dann erfahren wir von ihrem Tod erst sehr spät. Dem Tod von Klient*innen begegnet jede Einrichtung anders. In manchen Einrichtungen werden Aushänge gemacht mit Kontaktdaten, um anderen, die die verstorbene Person gut kannten, die Möglichkeit zu geben, sich zu verabschieden. Am 21. Juli richten wir in unserem Kontaktladen eine Ecke ein, in der die Leute auch innehalten können, wenn sie mögen.

TERZ: Ich habe kürzlich ein Interview mit einem Mann gelesen, der mit Obdachlosen arbeitet. Er berichtete, dass er auf Beerdigungen von Obdachlosen oft der einzige Teilnehmende ist. Viele seiner obdachlosen Klient*innen bleiben Beerdigungen fern, weil ihnen das zu nah geht.

Jutta Eisenhauer-Jarju: Auch für viele unserer Klient*innen ist das ein schwieriges Thema. Manchmal lesen sie die Auflistung der verstorbenen Drogensüchtigen, die vor dem Gedenktag in der Rheinischen Post abgedruckt wird. Die Liste ist als Todesanzeige gestaltet. Sie lesen die Namen und fragen sich dann: Ist das nicht der und der, ist das nicht die und die? Das hat ja viel mit ihnen selbst zu tun. Einige verhalten sie sich hierzu aber auch sehr distanziert. Der Umgang ist ganz unterschiedlich, daher ist der Gedenktag auch in dieser offenen Form gestaltet: wer möchte, kann teilnehmen, wer nicht möchte, kann dran vorbeigehen.

Michael Harbaum: Unsere Verhalten sind ja auch sehr unterschiedlich. Es ist nicht leicht, mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert zu werden und diese zu akzeptieren.

TERZ: Wie ist denn die Drogenhilfe in Düsseldorf entstanden?

Michael Harbaum: Sie wurde 1971 in der Altstadt als „Drogenberatung Düsseldorf e.V.“ von der Stadt, den Wohlfahrtsverbänden, einigen Ratsparteien, kirchlichen Jugendverbänden und den Falken gegründet. Die Gründung fiel übrigens fast zeitgleich zusammen mit der Einführung des Betäubungsmittelgesetzes im Jahr 1972.

Jutta Eisenhauer-Jarju: In den 1970ern existierte in Düsseldorf eine Kifferszene. In der Altstadt gab es den Ratinger Hof, wo viel Szene unterwegs war. Irgendwann kam das Heroin dazu – es hat sich allmählich entwickelt, so wie es sich auch heute immer wieder verändert.

TERZ: Was genau hat sich denn im Vergleich zwischen damals und heute geändert?

Jutta Eisenhauer-Jarju: Heute können wir nicht mehr davon sprechen „Heroinsüchtige“ zu betreuen. Es ist sehr selten, dass hier Menschen ankommen, die nur Heroin nehmen. Die meisten Klient*innen sind polytox. Unser Klientel in der Überlebenshilfe nimmt alles, was es haben kann, inklusive Substitution oder Alkohol. Das Konsumverhalten hat sich verändert, aber auch das Verhalten der Klientel hat sich teilweise verändert.

Michael Harbaum: Man könnte auch sagen, es gibt keine richtigen Heroinabhängigen mehr, weil das Straßenheroin eine Reinheit von lediglich 10 Prozent hat, der Rest sind Streckmittel. In Düsseldorf existiert mittlerweile ein Heroinoriginalstoffprogramm. Seit 2009 ist das eine Kassenleistung. Klient*innen, die in dem Programm sind, sagen oft: Das ist doch kein Heroin! Wir antworten dann: Doch, DAS ist echtes Heroin, Du bist einfach die Beimischungen gewöhnt und der Rausch ist ein anderer. Die Menschen sind abhängig von den Beimischungen, Barbituraten, Benzodiazepinen und so weiter.

TERZ: Woran macht ihr fest, dass sich das Verhalten der Klient*innen verändert hat?

Jutta Eisenhauer-Jarju: Ich mache die Arbeit hier seit über 20 Jahren. Wenn ich jetzt mal außer Acht lasse, warum die Menschen anfangen Drogen zu konsumieren – wegen Angststörungen, Depression, Traumata und so weiter – dann waren die Menschen früher durch die Drogen sediert und viel langsamer unterwegs. Heute ist alles äußerst stressig. Die verschiedenen Drogen, die sie hier heute konsumieren, beeinflussen natürlich ihr Verhalten, auch was Ansprechbarkeit angeht. Sie befinden sich oft nicht mehr in Kontexten, in denen man überhaupt noch was mit ihnen machen kann. Das ist schwieriger geworden. Wie damals die Entwicklung vom Cannabis zum Heroin, gibt es nun andere Entwicklungen. Vor drei Jahren haben wir noch gesagt: Bei uns in Düsseldorf gibt es kein Crack! Doch auch das gibt es mittlerweile im Konsumraum. Ein Vorteil unseres kleinen Vereins ist, dass wir schnell auf solche Veränderungen reagieren können. Als der Konsumraum 2006 eröffnet wurde, gab es dort nur einen Rauchplatz. Inzwischen hat sich aber das Konsumverhalten verändert, was auch mit der Aufforderung im Rahmen von safer use zu tun hatte, zu rauchen anstatt zu drücken. Dadurch sind viele Leute umgestiegen. Eine andere Veränderung betrifft das Alter. Die Drogenabhängigen werden aufgrund einer besseren Versorgung, Substitution und aufgrund von Überlebenshilfe älter – auch wenn sie nicht gesünder werden.

TERZ: Welche Hilfeangebote habt ihr überhaupt und wie werden die Menschen darauf aufmerksam?

Michael Harbaum: Für die Überlebenshilfe-Angebote müssen wir nicht werben. Über unseren Konsumraum und den Kontaktladen erreichen wir im Jahr ca. 2.000 verschiedene Menschen. Es ist manchmal sogar zu viel. Für andere Angebote, beispielsweise die Drogenberatung, ist es schwieriger, was zu etablieren. Viele Cannabis-Konsument*innen oder Kokainist*innen haben kein Problembewusstsein und denken bei dem Label „Drogenberatung“ gleich: Ach, so schlimm ist es bei mir nun auch wieder nicht, dass ich da hin müsste.
Wir versuchen auch, mit unseren Veranstaltungen regelmäßig in die Presse zu kommen. Wir haben eine KISS-Gruppe – KISS steht für „Kompetenz im selbstbestimmten Substanzkonsum“. Dabei geht es darum, dass die Menschen reflektieren, wann sie wieso was in welchen Situationen konsumieren und sich selbstgesteckte Ziele setzen, wie sie den Konsum reduzieren können. Bei nicht wenigen Teilnehmenden endet das zumindest in einer phasenweisen Abstinenz.

TERZ: Da steckt ja viel vom generellen Ansatz Eurer Arbeit drin, oder? Ihr habt eine akzeptierende Haltung dem Konsum gegenüber.

Michael Harbaum: Wir schreiben den Leuten nicht vor, was sie konsumieren. Aber unser Ziel ist immer, dass sie es bewusst tun und Konsumkompetenz entwickeln – auch schon in der Prävention. Wir haben kein Abstinenzpostulat, Abstinenz ist nur ein mögliches Ergebnis. In unserer Arbeit ist es uns wichtig, dass wir die Klient*innen immer als handelnde Subjekte und nicht als Opfer wahrnehmen. Sie sind genauso für ihre Handlungen verantwortlich, wie jede*r von uns. Es sind Menschen mit einer Krankheit und wenn sie jeden Tag vernünftig ihre Medikamente nehmen können, können sie mit dieser Krankheit relativ folgenlos leben. Doch es ist ein moralisch besetztes Thema: Die Substanzen, die die Menschen nehmen, sind illegal. Dadurch zwingt man sie, illegale Handlungen zu vollziehen und hat natürlich die entsprechenden Folgen für die Gesellschaft.

TERZ: Wie ist denn Euer Standing in Düsseldorf und in der Stadtpolitik?

Michael Harbaum: Insgesamt gut. Wir sind der größte Suchthilfeträger im illegalen Bereich in Düsseldorf und haben sehr vielfältige Angebote: von der Prävention über Therapie, Beratungsstelle, betreutes Wohnen, Kontaktcafé bis zum Konsumraum und der Notschlafstelle. Bis auf das betreute Wohnen ist das alles kommunal finanziert, d.h. wenn es keine Anerkennung unserer Arbeit seitens der Stadt gäbe, bekämen wir nicht so viel Geld. Zwar hat Düsseldorf viel Geld, dennoch finde ich das nicht selbstverständlich. Gerade der Bereich der niedrigschwelligen Hilfen ist bei uns relativ groß und das zeugt von einer gewissen Akzeptanz unserer akzeptierenden Haltung gegenüber – und natürlich von der Notwendigkeit. Die Arbeit wurde von unseren Vorgänger*innen und den Wohlfahrtsverbänden über viele Jahre gut in die Stadtpolitik vermittelt. Viele Angebote sind zustande gekommen, weil die Politik von deren Notwendigkeit überzeugt werden konnte. Das bedeutet nicht, dass unsere doch recht fortschrittliche Haltung immer geteilt wird. Insgesamt ist dieses Arbeitsfeld noch sehr ideologisch besetzt und viel wird moralisch beurteilt, was der Sache nicht hilft. Beispielsweise haben wir erst Ende 2006 den Konsumraum eröffnen können, weil das lange von der CDU blockiert und erst in den Koalitionsverhandlungen mit der FDP möglich wurde.

TERZ: Ihr seid also abgesichert und müsst nicht um eine Finanzierung fürchten.

Michael Harbaum: Es gibt Ratsbeschlüsse, die unsere Arbeit gut absichern. Natürlich ist Drogenhilfe immer eine Kann- und keine Muss-Leistung. Bisher sind wir aber von Einsparungen verschont geblieben. Trotzdem ist eine unserer Aufgaben, immer wieder zu erklären und zu wiederholen, warum unsere Arbeit so nötig und wichtig ist. Im Vergleich zu anderen Städten sind wir gut aufgestellt. Vor allem, dass wir hier bei der Drogenhilfe alles unter einem Dach haben, macht total Sinn, die Wege sind kurz.

TERZ: Gibt es trotz der guten Absicherung Lücken oder Bedarfe? Habt Ihr Wünsche, wie die Drogenhilfe weiter ausgebaut werden kann?

Michael Harbaum: Zahlreiche! Beispielsweise sind die Angebote sehr auf den Innenstadtbereich fokussiert. Es sollte auch dezentrale Anlaufstellen geben. Bildlich gesprochen laufen hier außerdem seit einigen Jahren der Kontaktladen und die Notschlafstelle über. Wir haben mittlerweile Warteschlagen vor dem Konsumraum, so dass diejenigen mit hohem Suchtdruck ins Umfeld abwandern, weil sie nicht warten können. Das ist natürlich genau das, was ein Konsumraum vermeiden möchte, sowohl für die Anwohner*innen, als auch für die Betroffenen. Es müsste dringend ein weiterer Konsumraum im Innenstadtbereich geschaffen werden. Ein anderer Punkt ist, dass es keine Aufenthaltsmöglichkeit gibt für Menschen, die Alkohol konsumieren. Sie müssen draußen trinken, auch wenn sie es nicht möchten, weil wir hier die Kapazitäten nicht haben.
Wir versuchen auch den Bereich der Beschäftigung auszubauen, da es in der Stadt so gut wie keine Angebote mit tagesstrukturierender Beschäftigung für diese Zielgruppe gibt. Selbsthilfe ist ein weiterer Bereich, den wir momentan auf der Tagesordnung haben, weil es immer so ist, dass die Betroffenen selbst auch viel tun können. Wir überlegen, vielleicht eine bedarfsmoderierte Selbsthilfegruppe an den Start zu bringen. Ein anderes Projekt, das schon sehr weit gediehen ist, ist ein Naloxonprogramm: Naloxon ist ein Gegenmittel gegen Opiatüberdosierung. Die Betroffenen werden geschult, sich selbst im Falle einer Überdosierung das Gegenmittel zu verabreichen. Aber hier ist die Kostenfrage noch nicht geklärt.
Das drug-checking ist außerdem eine Riesenlücke, weil es in Deutschland aufgrund der gesetzlichen Vorgaben einfach noch nicht möglich ist. Aus unserer Sicht ist es natürlich generell wichtig, weitergehende Überlegungen in Richtung von Legalisierung zu unternehmen. Düsseldorf hat ja den erfreulichen Beschluss verfasst, ein Modellversuch zur regulierten Abgabe von Cannabis zumindest du beantragen. Das ist zwar noch nicht allzu weit gediehen, aber es ist ein Anfang.
Es gibt zudem einen immer stärkeren pflegerischen Bedarf. Jutta hat eben schon erzählt, dass Drogensüchtige zwar immer älter werden, dabei aber nicht gesund sind. Ältere Süchtige passen in kein Altenheim und auch die klassischen Pflegedienste stehen unter einem solchen Kostendruck, dass sie damit überfordert sind.

TERZ: Danke für das Interview und alles Gute für Eure Arbeit!


Spenden unterstützen die Arbeit der Drogenhilfe konkret, zum Beispiel beim Erwerb von Lebensmitteln und Hygieneartikeln oder bei der Durchführung von Freizeitaktivitäten und von Veranstaltungen:

Düsseldorfer Drogenhilfe e.V.
IBAN: DE26 3005 0110 0014 0077 10

Außerdem ist die Drogenhilfe immer auf der Suche nach Wohnraum für die Klient*innen, wer Wohnungen zu vermieten oder Häuser zu verschenken hat, melde sich!
Die Düsseldorfer Drogenhilfe bietet Information, Beratung und Therapie, Vermittlung in weiterführende Hilfen, Betreutes Wohnen und Überlebenshilfe für Konsument*innen, aber auch Angebote für Angehörige, die aufgrund ihrer emotionalen Bindung zur süchtigen Person oft vor besonderen Herausforderungen stehen.

Kontakt:
Erkrather Str. 18
40233 Düsseldorf
Telefon: 0211 301446-0 Mail: duesseldorfer[at]drogenhilfe[dot]eu