Vortrag und Diskussion

„24-Stunden-Polin“

Migrantische Carearbeiter*innen in Deutschland

Demografischer Wandel, unzureichende Versicherungsleistungen, staatliche Reformen und Untätigkeiten der Gewerkschaften in der Vergangenheit sind Hauptursachen des so genannten „Pflegenotstands“. Dies mündet in steigender Nachfrage nach Arbeitskräften im Care-Bereich.

Die „Unattraktivität“ der Fürsorgearbeit liegt einerseits in der unangemessenem Entlohnung begründet, andererseits in dem niedrigen Status der Pflegeberufe (und der Reproduktionsarbeit im allgemeinen), die meistens als „Frauendomäne“ angesehen werden, was zu ihrer mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung beiträgt.

Im Endeffekt wird Carearbeit oft an Migrant*innen delegiert. Schätzungsweise gibt es 150.000 bis 500.000 „Care-Migrantinnen“, die in Deutschland „3C-Jobs“ ausüben („cleaning, cooking, caring“). Dabei sind die meistens aus Osteuropa stammenden Frauen in Haushalten in Deutschland oft irregulär beschäftigt, um vor allem ältere pflegebedürftige Menschen zu betreuen.

Einen besonders guten Ruf in Deutschland scheinen polnische Pflegekräfte zu haben. Dies spiegelt sich in Titeln von Zeitungsartikeln wie „die 24-Stunden Polin“ oder in Alltagsfloskeln wie „die polnische Perle“ wieder.

Viele von ihnen leben im Haushalt ihrer „Kund*in­nen“ und sind rund um die Uhr mit Haushalts- und Pflegetätigkeiten beschäftigt (sog. „Live-in-Arrangements“). Die permanente Orientierung an den Bedürfnissen der Klient*innen bedeutet wochenlange ununterbrochene Arbeit, die an einen Ort – das Haus oder die Wohnung der Klient*innen – gebunden ist. Das ist kein neues Phänomen, da die grenzüberschreitende Pflegeversorgung in Deutschland seit mindestens zwei Jahrzehnten zu beobachten ist.

Die räumliche und zeitliche Einschränkung bedeutet mangelnde soziale Kommunikation und zusammen mit der fehlenden Privatsphäre und Distanz in der Pflegebeziehung führt das zur sozialen Isolation. Die monotone Alltagsroutine der sich immerzu wiederholenden Haushalts- und Pflegetätigkeiten, die meist zu bestimmten Uhrzeiten erledigt werden müssen, und die Konzentration auf die Bedürfnisse der Klient*innen vertiefen das Gefühl der Einsamkeit.

Hinzu kommt, dass grundlegende Arbeitsrechte wie die Regelung der Arbeitszeiten, Unfallsversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz usw. fehlen. Aus Angst vor dem Verlust ihrer Stelle haben nicht nur die irregulären Pflegekräfte entweder keine oder nur sehr begrenzte Möglichkeiten, bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln (oder auch nur ihre bestehenden (Arbeits-)Rechte einzufordern).

Trotz ihrer schwierigen Lage und der isolierten Arbeitssituation haben die (irregulären) Arbeiterinnen Handlungsmöglichkeiten, dem entgegenzuwirken. Eine wichtige Rolle dabei spielen zum Beispiel die Netzwerke, die der Selbstorganisation der Pflege dienen, so dass die Pfleger*innen aus dem Netzwerk sich alle paar Wochen oder Monate bei der Pflege der Klient*innen abwechseln können. Durch informelle Kontakte innerhalb des Netzwerks wird nicht nur die Arbeit organisiert und vermittelt, sondern z.B. auch  Informationen über Vermittlungsagenturen, die den Pflegekräften schlechte Arbeitsbedingungen anbieten, verbreitet. Da das Netzwerk auf Kollegialität und Zuverlässigkeit basiert, kann es nach Bedarf bzw. in Krisensituationen schnell aktiviert werden (z.B. im Fall des ausstehenden Lohns).

Der Vortrag stellt Beispiele von geführten Arbeitskämpfen und Strategien, die die Arbeiter*innen entwickelt haben, vor bespricht und die dabei ausgelösten Emanzipationsprozesse. Illustriert wird der Vortrag mit Fotos, die polnische Pflegekräfte selbst im Alltag gemacht haben. (In manchen Fällen entsteht sogar eine „Fotostory“.)

Danach bleibt Zeit, um über eure mitgebrachten und über die während des Vortrags aufgetretenen Fragen zu diskutieren und vielleicht erste Pläne über Möglichkeiten zu erörtern, migrantische Care-Arbeiter*innen in Deutschland zu unterstützen.

Migrantische Carearbeiter*innen in Deutschland am Beispiel der "24-Stunden-Polin"
Mi, 19.02., Einlass: 19:00, Beginn: 19:30, V6 (FAUD Lokal), Volmerswertherstr. 6, Eintritt frei - Spenden willkommen

FAU Düsseldorf