Schlapphüte aktiv

Ein Düsseldorfer Antifaschist bekam Besuch

Erst kürzlich gab die Bundesregierung bekannt, dass verstärkt linke Organisationen und soziale Bewegungen durch Spitzel unterwandert werden sollen. Da passt es gut, dass es nach Jahren wieder gerade jetzt einen Anquatschversuch des NRW-Verfassungschutzes in Düsseldorf gab.

Unter dem schönen Titel "Verstärkte Aufklärung der gewaltbereiten Szene durch menschliche Quellen" ist vorgesehen, dass mehr sogenannte "Vertrauensleute" in linke Organisationen eingeschleust werden sollen. Heuchlerisch ist die Rechtfertigung, man müsse unter anderem gegen Antifa-Gruppen vorgehen, weil deren Proteste gegen Nazi-Aufmärsche "eventuell vorhandene bürgerliche Proteste zu diskreditieren" drohen. Nach Auffassung der Bundesregierung sind Spitzel "eines der effektivsten nachrichtendienstlichen Mittel zur Informationsbeschaffung". Allerdings ist diese Praxis in letzter Zeit ins Gerede gekommen, nachdem Ende letzten Jahres der britische Polizeispitzel Mark Kennedy aufgeflogen ist, der sieben Jahre lang Antiglobalisierungsbewegungen in ganz Europa unterwandert hat und dabei auch in Deutschland aktiv war. Unter anderem war der als "Mark Stone" firmierende Agent auch beim G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm eingesetzt. Bei einer Demonstration in Berlin beging er Straftaten, indem er Mülltonnen anzündete. Aufgeflogen ist er, nachdem er in Großbritannien als einziger bei einem Prozess freigesprochen wurde und die sich wundernden englischen Aktivist_innen anfingen, über ihn zu recherchieren. Mittlerweile ist "Mark Stone" in den USA untergetaucht und heult sich bei der Presse aus, dass er bedroht werde und an Selbstmord denke.

Auch in Deutschland gab es im letzten Jahr einen Fall, in dem ein Spitzel enttarnt wurde. Der Polizeibeamte Simon Bromma spionierte unter dem Namen "Simon Brenner" neun Monate lang die linke Heidelberger Szene aus. Er war für das Landeskriminalamt Baden-Württemberg tätig und sollte über die Antifa, aber auch den damals anstehenden Castor-Protest im Herbst, das No-Border-Camp in Brüssel, die Bildungsstreiks und mehr berichten. Nur durch Zufall konnte er Anfang Dezember letzten Jahres enttarnt werden, da eine Urlaubsbekanntschaft ihn auf einer Party in Heidelberg als Polizeibeamten wiedererkannt hatte. In vorbildlicher Weise hat die Antifa Heidelberg über Simon Brenner recherchiert und ihre Ergebnisse veröffentlicht. So konnte unter anderem sein E-Mail-Konto gehackt werden, und man bekam eine Vielzahl an Informationen - auch privaten - über ihn, aber vor allem über seine umfangreichen Tätigkeiten.

Auch in anderen europäischen Ländern sind in den letzten Monaten etliche Spitzel enttarnt worden. Und dennoch ist dies nur die Spitze des Eisberges. Die Bundesregierung plant, diese Praxis von Spitzeln weiter auszubauen, sich dabei europaweit mit den anderen Ländern zu vernetzen und so weitere Informationen über unliebsame politische Aktivist_innen zu sammeln. Auch in der Vergangenheit kam es nicht nur zum regen Austausch von Daten zu angeblichen Gewalttäter_innen - der alleinige Verdacht reichte schon aus -, sondern auch von Spitzeln. Betroffen sind vor allem linke Organisationen, was wieder einmal deutlich zeigt, dass der Feind für die Staatsschutzbehörden links steht.

Der Kontakt zu Nazigruppen gestaltet sich da ganz anders. Der erste Versuch, die NPD zu verbieten, scheiterte 2001, weil herauskam, dass der nordrhein-westfälische Landesverband der NPD durch V-Leute des Verfassungsschutzes gesteuert wurde. Immer wieder kam es in NRW zu Skandalen des Verfassungsschutzes. Ungeklärt ist bis heute die Rolle und der Erkenntnisstand des NRW-Verfassungsschutzes im Vorfeld des rechtsextremistischen Anschlages vom 29. Mai 1993 in Solingen auf ein von türkischen Immigrant_innen bewohnten Haus, bei dem fünf Menschen umkamen. Die Täter waren in einem rechten Sportclub aktiv, dessen Leiter "Zuträger" des NRW-Verfassungsschutzes war.

In einem weiteren Fall wurde 2008 der Neonazi Sebastian Seemann von seinem V-Mann-Führer des NRW-Verfassungsschutzes im Prozess gedeckt. Nur selten gelangen solche Praktiken an die Öffentlichkeit. Vermehrt ist es jedoch in den letzten Monaten in NRW zu Anquatschversuchen seitens der Sicherheitsbehörden gekommen. So ist es auch kein Wunder, dass dies nun auch in Düsseldorf passierte. Betroffen sind meist junge Aktivist_innen, die man versucht unter Druck zu setzen. Im Düsseldorfer Fall traten die beiden Herren, der eine etwas älter mit einer deutlich jüngeren Begleitung, sehr aggressiv auf. Sie klingelten bei dem jungen Antifaschisten an der Tür und begehrten Einlass, um mit ihm mal zu reden, nachdem sie sich als Mitarbeiter des Innenministeriums vorgestellt hatten. Der Aktivist reagierte damit, die Tür nicht zu öffnen und das Gespräch sofort abzubrechen. Somit tat er das einzig Richtige, was man in solchen Situationen machen sollte.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Damen und Herren dieser Behörden auch in Zukunft - trotz der Gefahr, im Nachhinein wie die die oben genannten Simon Brenner oder Mark Kennedy mit Fotos etc. geoutet zu werden -, auch weiterhin Versuche unternehmen werden, Menschen aus der linken Szene anzusprechen, um Informationen zu bekommen. Nach solchen unschönen Besuchen sollte man die örtliche Rote Hilfe oder in Düsseldorf die Rechtshilfegruppe kontaktieren. Diese organisiert Beratung und Hilfe, denn meist bedeuten solche Anquatschversuche auch psychischen Stress. Außerdem diskutiert sie mit dem/der Betroffenen, wie der Fall an die Öffentlichkeit gebracht wird. Öffentlichkeit ist in solchen Fällen der beste Schutz, sowohl Staats- und auch Verfassungsschutz hoffen immer darauf, dass sie einzelne Personen verunsichern und so an Informationen gelangen können. Dabei vergessen die Schlapphüte aber, dass niemand in einer solchen Situation alleine dasteht, sie sprechen zwar Einzelne an, diese Versuche sind aber ein Angriff auf alle.

RECHTSHILFEGRUPPE DÜSSELDORF

Weitere Informationen:

bei Anquatschversuchen oder ähnlichem:
Rechtshilfegruppe Düsseldorf, info [at] antifa-kok.de

zu Mark Kennedy:
www.heise.de/tp/r4/artikel/34/34241/1.html

zu Simon Bromma:
linksunten.indymedia.org/de/node/31404