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Der bislang längste Atommülltransport ins Wendland

Von Mittwoch, 23. November bis Montag, 29. November brauchte der Castor, um die Strecke von Frankreich bis ins wendländische "Zwischen"lager Gorleben zurückzulegen. Zehntausende Polizeibeamt_innen aus Frankreich und Deutschland, darunter auch Einheiten aus dem von SPD und GRÜNEN regierten NRW, prügelten den strahlenden Müll gegen den Protest der Bevölkerung ans Ziel.

Hatten die Befriedungsstrateg_innen noch darauf gehofft, dass der Widerstand gegen die Castor-Transporte durch die Abschaltung von acht alten AKWs und die Ankündigung des Atomausstieges entscheidend geschwächt würde, so ist erfreulicherweise zu bilanzieren, dass dies nicht gelang. Zwar mobilisierte anders als im Vorjahr die SPD nicht mehr nach Gorleben und der grüne Medienstar Kretschmann verkündete "Protest macht jetzt eigentlich keinen Sinn mehr", dennoch beteiligten sich tausende Menschen an Protest und Widerstand, ausdauernd und konsequent.

Den Auftakt machten Aktivist_innen in Frankreich, denen es gelang, auch unter massivem Tränengasbeschuss der Polizei, die Schienen durch Schotteraktionen unbefahrbar zu machen. Ihnen schlossen sich Gleisblockaden in Süddeutschland sowie zahlreiche Aktionen an den Gleisen entlang der Strecke an. Die Polizei setzte Pfefferspray und Schlagstöcke ein, dennoch gelang es, den Castor um mehrere Stunden zu verzögern. Im Wendland präsentierten dann einheimische und herbeigeströmte Aktivist_innen ein großes und buntes Mosaik an Aktionen, das von Gottesdiensten bis zur Zerstörung von Polizeiinfrastruktur reichte. Neben den professionell gemachten Aktionen von Greenpeace und Robin Wood waren es vor allem die Aktivist_innen der Bäuerlichen Notgemeinschaft, die durch eine Betonpyramide auf den Gleisen den Castor stoppten. Die Polizei war nicht in der Lage, die technische Spitzenleistung der Landwirte zu meistern und riskierte durch unsachgemäße Aktionen die Gesundheit der Angeketteten, die deshalb nach 14 Stunden ihre Aktion beendeten. Gewalterfahrungen machten auch tausende Menschen, die mit der Aktion "Widersetzen" in einer Sitzblockade die Gleise blockierten und die Straßenblockierer_innen von "x-tausendmalquer". Gerade die letztgenannte Blockade konnte auch deshalb verhältnismäßig schnell geräumt werden, weil die Polizei umfassend mit Schmerzgriffen arbeitete und abseits der Kameras Blockierende nicht trug und absetzte, sondern warf.

Der Kampagne "Castor Schottern" gelang es erneut, weit mehr als tausend Menschen zur Schienensabotage in koordinierten Gruppen zu organisieren. Das Schottern klappte diesmal deutlich besser als im letzten Jahr; zugleich gelang es, die Zahl der Verletzten dank Einsatz von körperschützenden Materialien (Klarsichtfolie gegen Pfefferspray, Polster gegen Knüppel) deutlich zu reduzieren. Trotz aller Repressionsversuche ist Schottern als legitime Aktionsform im Bewusstsein breiter gesellschaftlicher Kreise weiter verankert worden, nicht zuletzt durch das offene und offensive Auftreten der Aktivist_innen, durch die Trainings sowie die Pressearbeit.

Im Rahmen anderer Aktionen während der Protesttage kam es beispielsweise zum "erfolgreichen" Verbiegen von Schienen - und die Polizei meldet in ihrer Bilanz vom 29.11. die Zahl von 21 beschädigten Polizeifahrzeugen im Wendland. Die gleiche Bilanz berichtet von lediglich 133 verletzten Polizeibeamt_innen (keine_r davon schwer), davon wurde angeblich die Hälfte durch Aktivist_innen verletzt, eine Zahl, die getrost bezweifelt werden kann. Die Sanitätszentrale Lüchow-Dannenberg berichtet hingegen alleine für ihren Bereich von 416 durch Polizeigewalt verletzten und behandelten Aktivist_innen, darunter acht Schwerverletzte. Dass die Polizei auch den Tod von Aktivist_innen in Kauf nimmt, beweisen Filmaufnahmen von einem Reitstaffeleinsatz, bei dem ein Mensch von Pferdehufen am Kopf getroffen wird. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass die im Einsatz befindlichen Polizist_innen niemals identifizierbar und zunehmend vermummt agieren - mit Billigung beispielsweise der sozialdemokratisch-grünen Täterschützer_innen in der Landesregierung von NRW.

Vorläufige Bilanz?

  1. Der Widerstand gegen die Atompolitik ist lebendig und handlungsfähig.
  2. 21 Castor-Behälter im britischen Sellafield warten auf den Rücktransport nach Deutschland.
  3. 73 Millionen Euro sind bereits jetzt für die weitere "Erkundung" des Salzstocks Gorleben eingeplant und nur 3 Millionen für die Suche nach anderen Standorten.
  4. Ab dem Frühjahr sollen 152 Castoren von Jülich nach Ahaus quer durch NRW rollen.
  5. Dort, wo Menschen vom Protest zum Widerstand übergehen, gelingt es bereits jetzt, den Castor aufzuhalten.
  6. Das, was bislang an Protest und Widerstand existiert, hat das Potential zur Verhinderung des Endlagers Gorleben sowie anderer Castortransporte, wenn es gelingt, die Handlungsfähigkeit der beteiligten Gruppen und Menschen weiter zu erhöhen und noch besser zu koordinieren.

Für NRW von großer Bedeutung wird die Landeskonferenz der Anti-Atom-Bewegung in Oberhausen am 21.01.12 sein, mehr Informationen hierzu unter www.westcastor.de.

MISCHA / INITIATIVE K