Wer ist B.Traven?

"Ich bin kein 'Schriftsteller', sondern ich schreie. Ich will nichts sein als 'Wort'", so B. Traven 1918 in der von ihm gegründeten anarchistischen Zeitschrift "Der Ziegelbrenner". Das Heinrich-Heine-Institut widmet dem Leben des gelernten Maschinenschlossers Otto Feige, der im mexikanischen Exil unter dem Pseudonym B. Traven Abenteuerromane schrieb, nun die Ausstellung "Ich bin nichts als ein Ereignis der Zeit".

Genauso wenig wie Literatur Ersatz für die Selbstorganisation von Menschen sein kann, kann eine Rezension einer guten Ausstellung gerecht werden, insbesondere dann nicht, wenn ein "literarisches Leben" präsentiert wird. Hier ganz knapp: Entlang der Lebensstationen des Autors verschafft die Ausstellung einen guten Einblick in dessen politisches und literarisches Werden. Im ersten Raum finden sich zahlreiche Dokumente, Bücher und Illustrierte – LIFE, TIMES, stern, konkret und mexikanische Blätter -, die den "Mystery Man", der ab 1926 nur über eine Mailbox auf der Hauptpost von Mexiko City zu erreichen war, zu enttarnen suchten. Hier steht auch eine Reiseschreibmaschine Typ "Klein-Adler", die sich der Autor 1915 zulegte – quasi der Laptop des frühen 20. Jahrhunderts.

Landarbeiter, Seemann, Baumwollpflücker ...

"Mein Lebenslauf würde nicht enttäuschen. Aber mein Lebenslauf ist meine Privatangelegenheit", schrieb Traven. Und: "Die Biografie eines schöpferischen Menschen ist ganz und gar unwichtig. Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert." Über anonyme Mittelsmänner ließ er durchsickern, er sei Landarbeiter, Seemann, Viehtreiber, Baumwollpflücker. Alles gelogen. Doch es kam bei dem auf "Authentizität" dressierten Publikum an. Traven war als Autor Freibeuter, und um seine "gute Ladung" in die Hirne der Menschen zu schmuggeln, war ihm fast jedes Mittel recht. Er behauptete, in San Francisco geboren zu sein. Und während andere Exilautoren wie Oskar Maria Graf oder Alfred Polgar keinen Fuß in die Tür des US-Literatur-Markts bekamen, riss sich Warner Brothers darum, Travens "Schatz der Sierra Madre" zu verfilmen, Hauptrolle: Humphrey Bogart. Ein Bevollmächtigter Travens begleitete die Dreharbeiten. Erst nachdem der Streifen im Kasten war, deckte ein Journalist 1948 auf, dass besagter "Croves", der so kenntnisreich bei der Wahl der Drehorte in Mexico half, Traven selbst gewesen war. Das Versteckspiel war nicht nur Marketing: Ein anderer Exilant wurde bekanntlich 1940 in Mexiko mit einem Eispickel im Kopf tot aufgefunden.

Travens in 24 Sprachen übersetzte Romane waren nicht nur "Futter für die Massen", sondern obendrein auch gut. 1957 begeisterte sich auch der konservative Literaturpapst Reich-Ranicki: "Traven greift nach den Wurzeln des Bösen und richtet seine Attacke gegen die gesamte soziale Ordnung."

Der Maschinenschlosser Otto Feige

"Im Grunde und ganz ohne Scherz gesprochen, war ich ja schon lange tot", heißt es in "Das Totenschiff" (1959 verfilmt mit Horst Buchholz und Mario Adorf). "Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben einen Paß bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell überhaupt gar nicht auf der Welt."

B. Traven war nicht in San Francisco, sondern 1882 als "Otto Feige" in Schwiebus – heute das polnische Swiebodzin – geboren worden. Der Maschinenschlosser engagierte sich gewerkschaftlich, leitete ab 1906 die Gelsenkirchener Verwaltungsstelle des Metallarbeiterverbands, wurde Schauspieler, schließlich Revolutionär. Nach der Niederschlagung der Novemberrevolution von 1918/19 – er hatte sich als "Ret Marut" aktiv an der Münchener Räterepublik beteiligt – floh er ins Exil. Die Einreise in die USA scheiterte am fehlenden Visum. Via London, wo er einige Zeit in Abschiebehaft saß, gelangte er schließlich nach Mexiko, nannte sich von da an "Traven" und ließ seine sozialkritischen Abenteuerromane im sozialdemokratischen "Vorwärts" und in der gewerkschaftlichen "Büchergilde Gutenberg" erscheinen.

Der gesellschaftliche Neuanfang war 1918 nicht zuletzt am fehlenden Bewusstsein der Massen gescheitert. Ohne eine Revolution in den Köpfen würde jeder weitere Versuch in einer Sackgasse enden. Und am besten sind die Massen eben mit Abenteuergeschichten zu erreichen ...

Neues Buch, Antifa und Fernsehnacht ...

Auch wenn er ab 1926 nur noch Literatur produzierte, mischte Feige alias Traven sich weiterhin politisch ein. 1938 wandte er sich in "Solidaridad Obrera", dem offiziellen Organ der "Confederación Nacional del Trabajo" an "Euch alle, die ihr in Spanien heldenhaft gegen die Bestie des Faschismus kämpft ... "

Also: unbedingt die Ausstellung ansehen und das Rahmenprogramm wahrnehmen! Am Mittwoch, den 14.03., präsentiert das Heinrich-Heine-Institut, Bilker Str. 12, die lange Traven-Fernsehnacht: gezeigt werden "Der Banditendoktor" (SDR 1957, 41 Minuten), "Im Busch von Mexiko" (stern-tv für WDR, 1967, 128 Minuten) und Will Wyatt: "B. Traven – A Mystery Solved" (BBC 1978, 60 Minuten), am 15./16.03. findet im Theatermuseum eine international besetzte wissenschaftliche Tagung zu B.Traven statt. Und am Donnerstag, den 29.03., 19.30 Uhr stellt Jan-Christoph Hauschild bei BiBaBuZe sein Buch "B. Traven – Die unbekannten Jahre" vor. Weitere Termine folgen im April (siehe TERZ-Veranstaltungskalender).

THOMAS GIESE