Geister von Tschernobyl, Zombies von Fukushima

Hans Platzgumer ist neben diversen musikalischen Aktivitäten – you name them – seit geraumer Zeit auch als Autor aktiv. Der in der TERZ bereits besprochene Roman "Weiß" über eine Arktisexpedition legte schon gutes Zeugnis davon ab, dann erschien vor einem Jahr der Roman "Der Elefantenfuß" über die Kernkraft-Katastrophe in Tschernobyl – und zwar genau an dem Tag, als das AKW Fukushima in Japan havarierte. Der Roman bescherte Platzgumer aufgrund dieser Tatsache ein unerwartetes großes mediales Echo, das es wohl ohne Fukushima in dieser Form nicht gegeben hätte. Nun ist es ein Jahr nach der Katastrophe im März 2011 an der Zeit, aus der Distanz nochmals auf dieses hochinteressante Buch hinzuweisen.

Fukushima war zunächst ein Schnitt: in Deutschland wurde der Ausstieg aus der Kernenergie entgegen erst kurz zuvor besiegelter Laufzeitverlängerung aka Industriekuschen endlich scharf besiegelt, in anderen Länder wie z.B. Russland zeigten sich die Regierungen sofort weniger einsichtig und stellten klar, dass sie ohne Atomkraft bis auf weiteres nicht auskommen wollten und würden. Die Reaktorkommission der USA hat indes soeben das erste neue Kernkraftwerk in den USA seit mehr als 30 Jahren genehmigt, einen neuen Reaktorblock im schon bestehenden AKW Vogtle bei Augusta / Georgia. In der US-Öffentlichkeit wurde dies kaum bemerkt und diskutiert – ein klares Zeichen dafür, dass Kernkraft ein Jahr nach Fukushima einfach akzeptiert und durchgewunken wird.

In Japan selbst veranschlagt man 40 Jahre, bis Fukushima vollständig und sicher abgeschaltet werden kann. Mittlerweile sind dort von den insgesamt 54 Reaktoren des Landes nur mehr sechs am Netz, und auch diese müssen bis Ende Mai 2012 für Wartungsarbeiten abgeschaltet werden. Diese mehrwöchigen Kontrollen sind alle 13 Monate vorgeschrieben, und vor der erneuten Wiederinbetriebnahme müssen sie aufgrund der Fukushima-Katastrophe sogenannte Stresstests bestehen. Aber soviel Stress lässt sich dem weltweiten Atomkraftwerknetzwerk gar nicht machen, als das es als verlässlich sicher gälte.

Nach wie vor ist Kernkraft nicht beherrschbar und die Entsorgung seines Abfalls eines der größten Umweltrisiken überhaupt. Diese Energietechnik wird nur aufgrund der sehr großen Gewinne einiger Weniger und mehr oder minder massiv agierender Lobbyist_innen weiterbetrieben. Die gesundheitlichen, ökologischen und nun auch finanziellen Schäden sind enorm. Und wir reden hier nicht von der regionalen Präfektur Fukushima, die großflächig verseucht ist, und dem Auslieferungsverbot für Milch und mehrere Gemüsesorten in vier weiteren japanischen Präfekturen, sondern von dem stetigen und "nachhaltigen" Kreislauf der Kontaminierung mit z.B. Cäsium 137, das letztlich z.B. bei der Untersuchung eines Hartholzbestandes in Oak Ridge, Tennessee, nach 30 Jahren noch zu 99,9 % nachweisbar war. In Pilzen, Beeren und auch Fleisch ist die Verstrahlung von Tschernobyl immer noch messbar. 25 Jahre nach Tschernobyl werden immer noch Wildschweine aus dem Verkehr gezogen, die so sehr verstrahlt sind, dass ihr Verzehr eine Gesundheitsgefährdung bedeuten würde. Von den vielen "Schrottmeilern" und dem rudimentären bis nicht vorhandenen Zivilschutz in Europa – im Falle einer Katastrophe wäre Massenpanik tatsächlich das wohl einzig Sichere – soll hier nun auch nicht mehr weiter die Rede sein, vielmehr noch ein kurzer Schwenk auf Platzgumers Roman.

In ihm finden sich neben einer enormen Sachkenntnis, die sich der Autor bei der Recherche angeeignet hat und die er in das epische Arrangement hat einfließen lassen, vor allem die Wirkungen auf das Gemüt der Menschen: die Einzelgänger_innen, Spinner_innen, religiöse Fanatiker_innen oder entidealisierte Individualist_innen leben in und bei der Geisterstadt Prypjat nahe des Kraftwerks (dessen versiegelter Inhalt die Wissenschaftler_innen an die Form eines Elefantenfußes erinnerte) und tragen alle mehr oder minder Langzeitschäden in sich, die sich auf die unterschiedlichste Weise äußern. Ihre Wege kreuzen sich in einer postapokalyptischen Zone. Gewiss ist nur, dass es keine Gewissheiten mehr gibt.

Auch wenn die Zweiteilung der Erzählstränge in dem Buch nervt und nicht funktioniert – es gibt tatsächlich ein Oben und Unten auf den meisten Buchseiten, und die Stränge simultan als einen zu lesen, klappt einfach nicht –, ist der Roman doch letztlich ein überaus gelungener, faszinierender und veritabler Weg, mit der Katastrophe und ihren scheinbar unsichtbaren und offenbar geisterhaften Folgen umzugehen. Die Geister von Tschernobyl verfolgen bis in die Gegenwart, und dort warten bereits die Zombies von Fukushima. Eine harte, teilweise desillusionierende, aber lohnenswerte Reise.

"Trans-Maghreb", das neue Buch von Platzgumer über die Widersprüche des arabischen Frühlings und die westliche Arroganz, erscheint übrigens dieser Tage.

HONKER

Hans Platzgumer: Der Elefantenfuß
Limbus Verlag, Innsbruck 2011, 240 Seiten