Club der Anständigen zieht gepflegt zurück

Im Wahlkampf-Getümmel wird eine Politiker*innen-Diskussionsrunde unter Beteiligung der rechtsaußen-Positionen der AfD in letzter Minute abgesagt. Ein Aufruf, an einer angemeldeten Mahnwache vor dem Veranstaltungsort – dem Düsseldorfer Industrie Club – teilzunehmen, hatte im Vorfeld für Öffentlichkeit gesorgt.

Für den Abend des 11. September 2017 hatten die Interessenverbände „Die Familienunternehmer“/„Die Jungen Unternehmer“ zu einer illustren Diskussionsrunde in die Landeshauptstadt eingeladen. Knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl ist nicht zuletzt allerorten das Bedürfnis groß, sich in der blühenden Parteienlandschaft noch rasch alle möglichen Positionen zu diesem und jenem anzuhören und sie miteinander in Verbindung zu setzen. Das gilt auch für Unternehmerinnen und Unternehmer, die ja ihre ganz eigenen Ansprüche an eine künftige Bundesregierung haben. Genau wie die umtriebigen Initiator*innen der Einladung. „Die Familienunternehmer“, die es als Interessenvertretung seit 1949 gibt, verstehen sich nach eigener Darstellung als Repräsentantinnen von „180.000 Familienunternehmen in Deutschland“. Sie sehen sich als „starke Stimme des Unternehmertums“, für deren „acht Millionen sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter“ sie zu sprechen aufgestellt seien. Selbstbewusst sagt der Verband über sich: „Ohne uns geht es nicht!“

Wer von sich selbst meint, dass an ihm nicht vorbeikommt, wer in diesem Land Politik oder Geschäfte (oder beides) macht, sieht sich natürlich auch berufen, in der Wahlkampfzeit im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 Politiker und Politikerinnen auf die Bühne zu holen und mit ihnen z. B. über die Digitalisierung des Arbeitsmarktes zu sprechen. Ganz ausgewogen natürlich, was die Positionen der Eingeladenen angeht. So sollten am Abend des 11.9. folglich diverse erlauchte Parteien-Vertreter*innen das Podium besetzen und ihre Positionen austauschen – mit von der Partie auch die „Alternative für Deutschland“. Für die AfD sollte Martin Renner mitdiskutieren.

Club Culture

Besonders gefreut haben dürfte sich der AfD-Rechtsaußen Renner, der gemeinsam mit Markus Pretzell den Landesvorsitz der AfD in NRW innehat, über den Veranstaltungsort. Denn zur Verfügung stand den Gastgeber*innen der Wirtschaftsverbände das schnieke Drumherum des Düsseldorfer „Industrie Club“, jenem vorzeigbaren Steinklotz rückseitig des Parkhotels am Hofgarten, heute eingequetscht zwischen Hofgartentunnel, Heinrich-Heine-Allee und Oper. In seinen Salons und Clubräumen treffen sich seit 1912 „führend[e] Persönlichkeiten an Rhein und Ruhr“ – von Thyssen bis Kirdorf oder (heute) Oetker und Woeste – um sich in gediegener Atmosphäre zum Austausch über Politisches, Unternehmerisches und Kulturelles zusammenzusetzen. Mit Blick auf die hochkarätigen Persönlichkeiten und Möchtegerns, die unter seinen Fittichen seit über einhundert Jahren netzwerken, rühmt sich der Industrie Club seiner langen Geschichte nicht eben bescheiden. Ist er doch nicht weniger als ein „Treffpunkt der Eliten“ – wie er seine eigene Club-Geschichte betitelt.

Wer sich oberflächlich schlau macht über diesen Club von Großkopferten, wird aber doch rasch merken, dass es da einen gewissen ‚Makel‘ gibt, der der blitzsauberen Selbstdarstellung zuwiderläuft. Nennt selbst „Wikipedia“, ein wenig versteckt zwischen langen Listen erlauchter Namen von Redner*innen aus Politik (z. B. Hannelore Kraft und Christian Lindner), Wissenschaft (dem Historiker Herfried Münkler etwa) und Kirchenkreisen (Kardinal und Erzbischof von Köln Rainer Maria Woelki) auch: Hitler und Goering als prominente Gäste.

Hitlers berühmt-berüchtigte Rede vor dem Industrieclub vom 26. Januar 1932 wird bis heute ganz unterschiedlich beurteilt: als herausragender Meilenstein oder als eine Stufe unter vielen auf dem Weg der NSDAP an die Macht. Als mehr oder weniger außergewöhnliches Sinnbild für die finanzielle und Netzwerk-mächtige Unterstützung, mit der die NSDAP von der Großindustrie und dem Unternehmertum zwischen Handels- und Finanzwirtschaft versorgt wurde. Die Meinungen in der Bewertung der Rolle des Industrie Clubs und der Rede Hitlers dortselbst gehen hier bis heute auseinander – wie nachzulesen ganz vortrefflich etwa in der LOTTA #46, deren Artikel die TERZ seinerzeit hat übernehmen können (siehe die Ausgabe 03.12 auf www.terz.org).

Davon unbenommen dürfte Martin Renner der Industrie Club als Bühne gefallen haben. Behaupten wir einmal. Denn der AfD-Mitgründer und Rechtsaußen-Hardliner der Partei verzichtet in seinen Wortbeiträgen und Äußerungen selten auf Vokabeln aus dem Begriffsrepertoire der antidemokratischen „Konservativen Revolution“ der Zwischenkriegszeit, wenn er etwa über die „70 Jahre linksideolgischen Grauens“ in der Geschichte der Bundesrepublik klagt. Vermutlich wird er sich als Traditionalist sehen, der sogar überzogene Analogien auf sich selbst bezogen vielleicht ganz hübsch findet, wenn er an derart historisch aufgeladenem Ort zum Beispiel über Oswald Spengler sprechen kann (siehe „Martin Renner. Der Überzeugungstäter“ – LOTTA #65, online). Aber ganz gleich, welche historischen Bezüge wir herstellen wollen (oder auch nicht): Es macht überhaupt keinen schlanken Fuß, der AfD und damit ausgerechnet Renner und seiner national-rechtskonservativen Ideologie-Sprache eine Bühne zu geben. Erst recht nicht, wenn man der Industrie Club Düsseldorf ist.

1932 – und jetzt?

So war zu erwarten, dass die antirassistische und antifaschistische Bündnis-Initiative „Düsseldorf stellt sich quer“ für den Veranstaltungsabend Proteste vor dem Industrie-Club anmeldete. „Dass zwei Wochen vor der Bundestagswahl, bei der höchstwahrscheinlich zum ersten Mal nach 1945 eine rechtsradikale Partei in den Bundestag einziehen wird, ein AfD-Vertreter eingeladen wird“, im Düsseldorfer Industrie Club zu sprechen, das „hat schon ein Geschmäckle“, teilte das Bündnis in einer Erklärung mit. DSSQ kündigte eine Mahnwache an und rief zur Teilnahme auf.

Ob die Herren vom Industrie Club im September 2017 schlichtweg druckempfindlich waren? Oder ob die selbstbewussten Wirtschaftsverbände „Die Familienunternehmer“/„Die Jungen Unternehmer“ als Veranstalter*innen kalte Füße bekommen haben? Wir werden es nicht erfahren. Fest steht aber, dass der Diskussionsabend an der Elberfelder Straße 6, der Industrie Club-Adresse, kurzfristig abgesagt wurde. DSSQ freute sich: Punktsieg.

Der Industrie Club selbst schreibt von sich auf seiner Homepage, dass „in den vergangenen 100 Jahren [...] der Charakter des Clubs und seine Aufgabenstellung“ stets gleich geblieben seien: „ein Zentrum zu sein für Information, Diskussion und Kommunikation, für private und geschäftliche Begegnungen, für die Gesellschaft der Landeshauptstadt und des Wirtschaftsraumes Nordrhein-Westfalen“, getreu dem Motto „Offenheit, Verantwortung, Toleranz“. Dass zu diesen „vergangenen 100 Jahren“ auch der 26. Januar 1932 dazugehört, ist dem Industrie Club freilich keine Zeile wert. Wem vor lauter Geschichtsvergessenheit die Sensibilität dafür fehlt, dass es womöglich dem Saubermann-Image nicht unbedingt zu Ruhm und Ehre gereichen könnte, rechtsradikalen Stimmen Raum zu gewähren, von dem ist streng genommen wohl nicht viel „Verantwortung“ zu erwarten. Oder vielleicht doch? Für seine Mitglieder?

Schließlich ist – so der „Dresscode“ für Club-Veranstaltungen – für den Besuch des Industrie Clubs „ein gepflegtes Erscheinungsbild unverzichtbar“. Wie „gepflegt“ kann aber ein Martin Renner selbst im feinsten Anzug sein, damit sein rechtsradikal-nationalkonservativer Stallgeruch ihm nicht bis in die Salons und Clubräume im Industrie Club und von dort aus bis in die Vorstandsbüros von Henkel GmbH und Co. KG, Pudding-Oetker oder sonstwo hinterher schleicht. Da ist das „gepflegte Erscheinungsbild“ doch im Zweifel sicher wichtiger als ein Bekenntnis für eine rechte Partei. Wer‘s vorher merkt, hat vielleicht doch was kapiert.